Luzerner Helferin

10. November 2014 14:08; Akt: 10.11.2014 16:12 Print

«Die Ebola-Kranken denken nicht ans Sterben»

von Romana Kayser - Sabine Hediger pflegte in Sierra Leone hochansteckende Ebola-Patienten. Der Kontakt mit den Kranken und lokalen Helfern hat sie bewegt und beeindruckt.

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Er ist einer der ersten Patienten, die ins neue Feldspital eingeliefert werden. Einen Tag später ist er tot. Der 26-Jährige ist an Ebola gestorben. Ausser Alter und Namen wissen die Pflegenden nichts über ihn. Nicht einmal seine Angehörigen können sie über seinen Tod informieren. Still und einsam wird der Mann neben dem Feldspital beerdigt.

Ein anderer Ebola-Patient liegt im Sterben. Verwirrt wirft er Sachen um sich. Dann sinkt er erschöpft aufs Bett. Sabine Hediger kann ihm nicht mehr helfen, das weiss sie. Gerne würde sie noch etwas bei ihm bleiben und ihm die Hand halten. Doch im Schutzanzug geht das nicht. Der Mann stirbt noch in der Nacht.

Anonyme Pflege

«Die vielen verschiedenen Schicksale haben mich sehr beschäftigt», sagt Hediger. Die 45-Jährige Pflegefachfrau aus Luzern war im September während drei Wochen in Sierra Leone für das Schweizerische Rote Kreuz im Einsatz.

Ein Sicherheitszaun trennt Kranke vom Pflegepersonal. In die High-Risk-Zone darf man nur mit Schutzanzug. Er ist für die Betreuer lebenswichtig. Eine Haut-zu-Haut-Berührung mit einem Kranken kann tödlich sein.

Wegen den Schutzanzügen ist die Beziehung zwischen Patient und Pflegenden anonym und eingeschränkt. «Es bedrückte mich, dass ich die Kranken im Schutzanzug nicht so intensiv und persönlich betreuen konnte, wie ich das sonst tue.» Auch für die Kranken sei es nicht einfach, von vermummten Gestalten behandelt zu werden. «Wir haben unsere Namen auf die Anzüge geschrieben, damit die Patienten wenigstens wussten, wer wir waren.»

Hoffnungsvolle Kranke

Medikamente gegen Ebola gibt es nicht. Alles, was die Helfer tun können, ist Schmerzen lindern, Essen und Trinken verteilen und die Patienten waschen. «Wir versuchten, den Kranken alle erdenklichen Wünsche zu erfüllen», sagt Hediger. So organisieren die Helfer auch Telefonate mit Angehörigen, neue Kleider oder eine kühle Cola.

Trotz all des Elends gab es aber auch lichte Momente. «Mich hat beeindruckt, wie gefasst die meisten Kranken waren.» Die Menschen waren zwar völlig am Ende, aber der Gedanke an den Tod schien nicht im Vordergrund zu stehen. Von Panik keine Spur. «Fast alle hatten Hoffnung, die Krankheit überleben zu können», sagt die Luzerner Krankenpflegerin. Manchmal gelang das auch. Wie etwa bei der 11-jährigen Kadiatu. Sie hat den Kampf gegen das Ebola-Virus gewonnen. Heute ist sie wieder zu Hause.

Beeindruckt war Hediger auch vom Mut und Einsatz der lokalen Helfer. «Die Einheimischen haben sich freiwillig beim Feldspital gemeldet, um im Kampf gegen Ebola zu helfen.» Einige von ihnen dürfen heute deshalb nicht mehr nach Hause, sagt die Luzernerin. «Ihre Familien fürchten sich zu sehr vor einer Ansteckung.»

Angst vor sozialer Ächtung

Angst vor einer Ansteckung hatte Hediger nie. Dennoch hatten sie vor ihrer Abreise nach Sierra Leone grosse Zweifel geplagt. «Als Mutter von vier Kindern fürchtete ich mich davor, was das für meine Familie bedeuten könnte.» Drei ihrer Kinder sind noch im Schulalter. Was, wenn sie nach der Rückkehr plötzlich doch Fieber hätte? Würden die Medien sich dann auf sie stürzen? Würde die Familie gemieden, die Kinder in der Schule geächtet?

Ihr Mann und ihre Kinder hatten sie aber von Anfang an unterstützt. «Sonst hätte ich nicht gehen können.» Im engeren Umfeld stiess ihr Vorhaben jedoch zum Teil auf Unverständnis. Es sei fahrlässig und verantwortungslos, sich als vierfache Mutter auf eine solch gefährliche Mission zu begeben. Hediger liess sich nicht beirren. Sie wusste: Die Kranken in Sierra Leone brauchten ihre Hilfe.

Verängstigtes Umfeld

Bei der Rückkehr in die Schweiz wurde Hediger bewusst, wie verunsichert die Menschen hierzulande wegen Ebola sind. Eine Bekannte habe ihr sogar vorgeworfen, dass sie nun eine Gefahr für ganz Europa sei. Das sei ihr sehr eingefahren, meint die Luzernerin. Auch die Nachbarn hätten ihr anfangs nur noch von Weitem zugewinkt. «Die waren schon froh, dass ich sie nicht zum Kaffee eingeladen habe», sagt sie schmunzelnd.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tina am 10.11.2014 15:56 Report Diesen Beitrag melden

    Wieder ein Marketing

    Arbeite selber in grosse Chemie/Pharma Konzern. So ein Panikmache ist, dass geheim Rezept um schnell Milliarden zu verdienen. Zu erst Panikmache und dann kommt "schnell schnell" das neue Medikament. Eingentlich Forschung und Entwicklung von ein Medikament dauert bis zu 10 Jahren oder mehr. So schnell kann man keine Impfstoff herstellen. Das heisst: Medikament wurde entwickelt, muss verkauft werden. Also los, Ebola, schweinegrippe, Vogelgrippe... Paar Monate später kommt das Wundermittel auf dem Markt. :) Das ist Werbung.

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  • Michael E. am 10.11.2014 16:29 Report Diesen Beitrag melden

    Beziehung zählt

    Ein interessanter und berechtigter Artikel, welcher fernab von reißerischer Berichterstattung und den gewohnten Zahlen ist, ohne dabei unnötig zu schonen. In unserer abstrakten Welt liefert er ein wenig menschliche Nähe bzw. läd dazu ein diese zuzulassen. Dankeschön.

  • Geier am 10.11.2014 14:23 Report Diesen Beitrag melden

    Panikmache für nichts...

    Der Kommentar mag etwas schräg rüber kommen, aber was denkt ihr wie lange geht es, bis die ganze Ebola-Geschichte im Sand verlaufen ist und sich keiner mehr darum schert wie es in Afrika aussieht? Es ist ein Hype u Ebola entstanden, eine völlig übertriebene Panikmache. Jetzt ein riesen Trara rund um die ganze Sache und schon bald ist es vergessen. Und an der Grippe sterben jährlich weiss Gott mehr Menschen als an Ebola!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Paul Meister am 10.11.2014 20:15 Report Diesen Beitrag melden

    Und niemand

    will es wahrhaben und niemand will es schreiben, seit 42 Tagen steigt die Zahl der Toten nicht mehr und bleibt bei 4920 stehen, das heisst, die Pandemie hat nie stattgefunden und der Kreislauf gebrochen bis in 5-6 Jahren und auch dann wird es nicht mehr betroffene geben und weiter verhungern weltweit alle 2 Tage mehr Menschen als an dieser ganzen sogenannten Pandemie

  • Peter Brüderlin am 10.11.2014 19:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verhältnisblödsinn

    Pervers aber wahr, die Die Verhältnismässigkeit ist nicht gegeben. Für BSE wurden 100 Mia. Euro ausgegeben um das Problem zu lösen weil die Politiker derart unter Druck waren. Dieser Verhältnisblödsinn kostet derart viele Leben und gehört deshalb in profesionelle Hände. Es giebt Studien darüber.

  • Daniela am 10.11.2014 18:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich habe...

    grosse Hochachtung vor solchen Menschen! Sie riskieren für andere selbstlos ihr Leben! Solche Menschen sind Helden (wie auch die Afrikaner die sich freiwillig melden um zu helfen). Hut ab :-)

  • verena agina am 10.11.2014 18:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hoffnung stirbt zuletzt

    hoffentlich wird diese schreckliche krankheit bald besiegt... ich hatte auch schon schlimme krankheiten und fühle mkt der bevölkerung der betroffenen länder.

  • Fabian am 10.11.2014 17:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stimme zu

    Gegen HIV ist Ebola immernoch Kindergeburtstag. Und das nicht nur in Afrika.

    • Doni am 10.11.2014 18:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Schlechter Vergleich

      HIV ist heute in westlichen Ländern nicht mehr tödlich. Zudem steckt man sich mit minimalem Schutz praktisch nicht an.

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