Fanarbeiter Thomas Gander

13. September 2011 11:07; Akt: 13.09.2011 12:07 Print

«Die Fankurve reguliert sich selbst»

von Amir Mustedanagic - Pyro, Prügel und Sachbeschädigungen: Radikale Fans strapazieren den Schweizer Fussball. Mit Druck und Härte erreichen die Behörden nichts, meint jedoch der oberste Fanbeauftragte.

Bildstrecke im Grossformat »
Am Anfang der öffentlichen Debatte um Hooliganismus in der Schweiz stand die sogenannte Fans stürmten nach der Niederlage des FC Basel gegen den FC Zürich in der Finalissima das Spielfeld. Es kam zu einem Im Hinblick auf die Euro 2008 in Österreich und in der Schweiz berief der Bund einen Runden Tisch ein. Im Bild ein in Genf für allfällige Hooligans. führte den Runden Tisch, an dem alle Beteiligten vertreten waren, weiter. Im Bild empfängt Maurer 2010 Captain Alex Frei und die Nationalmannschaft im Bundeshaus. Kritiker werfen Maurer vor, und zu wenig Wille für eine politische Lösung aufzubringen. Das Bild zeigt Maurer im Juni 2011 in Dänemark zusammen mit Peter Gillieron (M) vom Fussballverband und Uefa-Präsident Michel Platini (l.). Doch das Hauptproblem des Runden Tisches sind seine fehlenden Kompetenzen. Entscheide waren nur möglich mit Einwilligung aller Beteiligten - was längst nicht mehr der Fall ist. Am 1. September 2011 gab Maurer bekannt, . Da die meisten Kompetenzen im Bereich Hooliganismus bei den Kantonen liegen, kam mit dem Ende des Runden Tisches der (KKJPD) eine Schlüsselrolle zu. Im April 2010 präsentiert die damalige KKJPD-Präsidentin Karin Keller-Sutter in Bern ein Massnahmenpaket gegen Gewalt an Sportanlässen. Die FDP-Politikerin Keller-Sutter ist ein gegen gewalttätige Fussballfans. Auf Seiten der Fans hat sie sich zu einer Hassfigur entwickelt. Keller-Sutter stand seit November 2010 als Präsidentin der KKJPD und St. Galler Justizdirektorin im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Mit dem Niederlegen der Ämter 2012 nach ihrer Wahl zur Ständerätin dürfte dies ändern. Konkret mit den Fussball-Hooligans beschäftigen müssen sich die Ihr Verband unterstützt schärfere Massnahmen. Gleichzeitig funktionieren auf lokaler Ebene die Beziehungen zu Clubs und Fanarbeiter oft gut. Auf dem Bild sind FCZ-Fans auf dem Weg zum Bahnhof Wankdorf. Stark betroffen vom Hooliganismus sind auch die die mit Extrazügen Fans befördern müssen. Die Bundesbahnen wollen, dass die Clubs für die Schäden ihrer Fans aufkommen und die Extrazüge chartern müssen. Mit YB haben sie seit August 2011 eine freiwillige Vereinbarung, die dem Club die Verantwortung für die Ordnung in den Extrazügen übergibt. Im Bild SBB-CEO Andreas Meyer im Februar 2010. Unterstützung erhalten die SBB vom Dessen Direktor Peter Füglistaler lässt eine Gesetzesänderung ausarbeiten, damit die Clubs für Schäden in die Pflicht genommen werden können. Laut dem heute gültigen Transportgesetz müssen die SBB alle Personen transportieren, die einen gültigen Fahrausweis besitzen. Lange zurückhaltend gaben sich der So argumentierte SFL-Präsident Thomas Grimm Ende noch Ende 2010, man können einen Club auch nicht für einen Überfall verantwortlich machen, nur weil der Räuber ein Shirt des Clubs getragen habe. Inzwischen arbeitet der Verband aber an einem bei dem Gästefans von Fanarbeitern und nicht von maskierten Polizisten mit Schlagstöcken empfangen werden. Grimm (l.) mit SFV-Präsident Peter Gillieron an der Nacht des Fussballs im August 2009 in Bern. Sehr unterschiedlich ist das Engagement der Während einige insbesondere in der Prävention aktiv sind, sind andere dem Vernehmen nach nicht an einer Lösung interessiert. FCZ-Präsident Ancilo Canepa (l.) und GC-CEO Marcel Meier im Juli 2011 in Zürich. Eine eigentliche Funktion zwischen den Fronten nehmen die ein. So ist manchmal von einer anwaltschaftlichen Beziehung zu den Fans die Rede. Während sie das Vertrauen der Fans brauchen und oft finanziell vom Club abhängig sind, brauchen sie einen guten Draht zu den Sicherheitskräften und den SBB. Urs Frieden (vorne links), Vorstandsmitglied der Fanarbeit Bern, am FCB-Umzug durch die Berner Innenstadt im Juli 2011. Der wohl wichtigste Akteur beim Thema Hooligans sind schliesslich die die meist in Gruppierungen organisiert sind. Obwohl nur eine Minderheit gewaltbereit ist, findet eine Solidarisierung statt. Feuerwehrleute vor YB-Fans in Collombey-Muraz, Oktober 2010. Insbesondere beispielsweise auch die Hooligan-Datenbank des Bundes, sind die Fangruppen geschlossen. Ebenso lehnen sie das Pyro-Verbot in den Stadien ab. Fans des FC Luzern im Mai 2010 in Bern.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die gewalttätigen Chaoten im Umfeld der Fussballfans sind in den vergangenen Wochen immer mehr in den Fokus geraten. Die Fanarbeit Schweiz (FaCH) hat zu diesem Thema ein Grundlagenpapier erarbeitet, welches die Mechanismen und Ursachen der Gewalt beleuchtet. 20 Minuten Online hat sich mit Geschäftsführer Thomas Gander über die aktuelle Debatte unterhalten, die Selbstregulierung der Kurve und die Gründe, warum die Schweiz nie ein Publikum haben wird wie England.

Der harte Kern der Fussballfans fühlt sich in der Öffentlichkeit missverstanden und angegriffen. Warum?
Thomas Gander: In der Diskussion herrscht in Bezug auf die Fankurve eine Doppelmoral: Einerseits wollen wir alle in einem hochemotionalen Umfeld ein stimmungsvolles Spiel mit möglichst vielen Fans und toller Ambiance, andererseits stellen wir die Fankurve – die dafür sorgt – immer mehr in eine kriminelle Ecke.

Politik und Behörden schreien nach mehr Härte gegen gewalttätige Chaoten und Pyros – nicht gegen Gesänge und Choreographien.
Es wird dabei aber eben nicht differenziert. Die Fankurve ist nicht etwas per se Gefährliches. Ich erkenne auch in der heutigen Fanszene nicht den Wunsch, Gewalt auszuüben. Die Vereine, die Liga und der Verband haben erkannt, dass sie differenzieren müssen. Die Politik aber versucht tatsächlich vorhandene Probleme zu vereinfachen. Quasi: Das sind die Bösen, das sind die Guten. Dieses Schema greift im Zusammenhang mit den Fankurven nicht, weil es die Grauflächen ignoriert. Die Fankurve ist längst eine Subkultur, die versucht, sich von gesellschaftlich dominierten Rahmenbedingungen abzuheben und abzugrenzen. Sie übertritt dabei auch bewusst gewisse Grenzen und formiert Widerstand gegen bestehende Regeln, wie es typisch ist für eine solche Bewegung. Sie sieht Pyro beispielsweise nicht als Gewalt oder potenzielle Waffe, als welche es immer dargestellt wird.

Es gab allerdings auch Chaoten, die Pyros als Waffe gebraucht haben – in Zürich beispielsweise.
Die Fanszene weiss, dass ein solcher Zwischenfall die Diskussion um Pyro verunmöglicht, weshalb sie selbst solche Szenen verurteilt – vor allem aber auch sanktioniert

Die so genannte «Selbstregulierung» der Kurve wird von den Fans immer wieder als Argument eingebracht. Was ist darunter zu verstehen?
Dazu muss man eines wissen: Die Ultras lieben, was sie tun – und es ist so pathetisch gemeint, wie es klingt. Sie wollen ihr Fan-Sein und alle kreativen Facetten davon ausleben. Es ist das, was sie als Freiheit, gar als Oase in unserer heutigen Gesellschaft beschreiben. Ihre grösste Angst ist, dass sie das nicht mehr tun dürfen, was sie am liebsten tun: bedingungslos ihre Mannschaft unterstützen. Die Mitglieder der Kurve sind sich durchaus bewusst, dass sie dieses Fan-Sein nicht durch übertriebenes Verhalten auf Spiel setzen dürfen, weshalb sie sich selbst regulieren.

Können Sie ein Beispiel für diese Selbstregulierung nennen?
Dank internen Diskussionen, Flyern und Massregelungen durch die Fans wurde zum Beispiel erreicht, dass es in den Städten keine Saubannerzüge wie früher gibt, bei denen Sachbeschädigungen quasi dazu gehörten. Mit diesen Mitteln konnten auch die Sachbeschädigungen in den Extrazügen in den letzten zwei Jahren minimiert werden – trotz immer mehr Auswärtsfans.

Ihre Beschreibung klingt nach einem friedlichen Haufen, der sich selbst unter Kontrolle hat. Wie kann es dann zu Ausschreitungen wie am 11. Mai kommen?
Um die Gewalt im Fussball zu erklären, müssen sozialwissenschaftliche Modelle herangezogen werden. Gewalt kann im Zusammenspiel zwischen Frustration und Aggression entstehen: Im Fussball kann beispielsweise ein Tor der gegnerischen Mannschaft in der letzten Minute der Auslöser sein. Hier spielen dann auch Massenphänomene eine Rolle, in denen auf negative Emotionen genau so reagiert wird wie auf positive und die Gruppendynamik dann nicht mehr kontrollierbar ist - man spricht von situativer Gewalt. Dann gibt es die strukturelle Gewalt: Die Fankurve geht dabei gegen das Machtgefälle vor, in dem sie sich sieht. Zum Feinbild kann dabei die Polizei, der eigene Verein oder auch der Sicherheitsdienst werden. Das Gewaltpotenzial entsteht, wenn die Fankurve die Gefahr sieht, ihr Fan-Sein nicht mehr ausleben zu können. Eine Form von Gegengewalt also. Es gibt aber auch Leute, die Gewalt als Reiz empfinden oder in ihrer Sozialisation gelernt haben, dass Gewalt ein Mittel zur Selbstbestätigung und Durchsetzung ihres Willens ist. Diese Persönlichkeiten suchen den Kick in der Auseinandersetzung. Sie nutzen Spiele als Plattformen. Diese Leute sind vor allem bei Hochrisikospielen wie FCZ – FCB anzutreffen und sind auch durch eine Fankurve nur schwer zu erreichen.

Kann die Selbstregulierung angesichts dieser Gewaltphänomene überhaupt funktionieren?
Nach unseren Erkenntnissen funktioniert die Selbstregulierung am besten, wenn es in der Öffentlichkeit relativ ruhig um die Fans ist. Die Gewalttoleranz der ganzen Szene ist während dieser Phasen tief, die radikaleren Kräfte haben weniger Gehör. Wächst aber der Druck von aussen auf die Kurven und wird der Druck so gross wie im letzten halben Jahr durch die politische Debatte, fürchten die Fans um ihr Fan-Sein. Sie fühlen sich machtlos und Tendenzen zur Gewaltlegitimierung erhalten Auftrieb. In dieser Situation ticken dann nicht nur die beschriebenen Gewalttäter aus, sondern wie am 11. Mai beispielsweise eine breitere Masse von Leuten, die sich solidarisiert.

Diese Gewaltarten erklären sie auch im vor kurzem veröffentlichten Grundlagenpapier «Gewalt im Umfeld von Fussball- und Hockeyspiel». Was will Fanarbeit Schweiz damit erreichen?
Es geht darum, Gewaltmechanismen zu vermitteln und nicht etwa zu rechtfertigen. Es soll aufzeigen, dass in diesem komplexen Umfeld einfache Massnahmenvorschläge eben nicht greifen oder gar kontraproduktiv sind. Wie bei jeder Massenbewegung stellt das Individuum sein Verhalten hinter dasjenige der Gruppe zurück, dieser Solidaritätseffekt wird dann heikel, wenn gewaltbefürwortende Kräfte an Gewicht gewinnen. Wir weisen gerade aus diesen Gründen darauf hin, dass es gefährlich ist, Massnahmen zu entwickeln, die einer an sich friedlichen Fanbewegung pauschal vermittelt, unerwünscht zu sein.

Die Gesellschaft soll selbst schuld sein an steigenden Sicherheitskosten und immer mehr Ausschreitungen – eine etwas einfache Lösung.
Eben nicht. Unsere Erklärungsansätze zeigen auf, dass sich hier gesellschaftliche Phänomene und die Gewalt als Reizfaktor vermischen. Das macht die Lösungsentwicklung so schwierig. Und zum Punkt der zunehmenden Ausschreitungen: Ich bin seit sieben Jahren in der Fanarbeit tätig und ich habe keine steigende Tendenz zur Gewalt wahrgenommen. Ich kann das nicht statistisch belegen, aber ich kann aufgrund meiner Erfahrungen sagen, dass die Gewalt keine neue Dimension angenommen hat.

Wollen Sie damit sagen, dass die Gewalt abnimmt?
Nein, das glaube ich auch nicht. Es ist aber so, dass der Fussball immer populärer wird. Wir hatten im vergangenen Jahr über zwei Millionen Fans in den Stadien – mehr als je zuvor. Die TV-Quoten sind im Hoch. Die Zahl der Auswärtsfahrer hat markant zugenommen: In den 80er-Jahren brachte gerade mal der FCB 1000 Fans ans Auswärtsspiel mit. Weil sich die Fankurve aber zu einer Subkultur entwickelt hat, gehört auch die Fahrt ans Auswärtsspiel dazu. Inzwischen haben wir jedes Wochenende 700 bis 1000 Leute pro Club. Etwas einfach ausgedrückt: Je populärer der Fussball wird, desto grösser wird die Gefahr von sogenannten «Kollateralschäden». Es ist der Fluch des Erfolges sozusagen. Dieser Aspekt wird zu wenig beachtet und die Zahlen nicht in Verhältnis zu den vorhandenen Vorfällen betrachtet. Dies würde aber einen gewissen Realitätsbezug in die Debatte bringen.

Sie haben das Gefühl, das Problem werde aufgebauscht?
Die Debatte hat sich aus meiner Sicht verselbstständigt und entspricht nicht der Realität: Es gab und gibt gewalttätige Auseinandersetzungen – ja. Diese Ausschreitungen dürfen aber nicht als Beschreibung eines Dauerzustandes im Fussball oder Hockey missbraucht werden: Es zeigt sich auch in der Befragungen von 4200 Fussball-Zuschauern in Basel: Die haben ein differenzierteres und realistischeres Bild des Problems als jenes, das öffentlich diskutiert wird.

Es ist doch der Runde Tisch des Bundes gewesen, welcher immer wieder neue Massnahmen gegen «gewalttätige Fans» und «die steigende Gewalt» verlangte?
Der Runde Tisch war zuletzt vor allem ein politisches Instrument, um Druck auf die Verbände und Ligen auszuüben. Vor jedem runden Tisch wurde über die Medien ein Druck aufgebaut, das störte mich.

Sie klingen nicht traurig darüber, dass der Runde Tisch gescheitert ist und zur Geschichte gehört.
Der Runde Tisch wurde als Institution verstanden, von welcher Massnahmen für die Lösung eines komplexen Problems erwartet wurden. Diese Erwartung war für mich immer schon abstrus. Der Runde Tisch war ein vorbereitendes Gremium für die Euro 2008 – eine nationale Austauschplattform. Irgendwann hiess es, er werde für den Fussball im lokalen Bereich weitergeführt, die Debatte blieb allerdings dieselbe. Er entwickelte sich deswegen auch nicht zu einem Konsensgremium weiter.

Werden die Massnahmen der neuen lokalen Tische besser funktionieren?
Es ist der richtige Schritt, dass nun lokale Probleme lokal angegangen werden: Die Verhältnisse sind anders von Ort zu Ort und es gibt zu Recht verschiedene Modelle im Umgang mit der Fanthematik. Alle sprechen vom St. Galler Modell im Umgang mit den Fans, aber es gibt Modelle auch in Basel, Bern und auch Zürich. Diese zeigen Erfolge auf: In Basel, weiss ich, gab es seit 2009 keine Ausschreitungen mehr. Der lokale Dialog ist der nachhaltigste Weg.

Fahnenverbot, Führerausweis-Entzug, Bewilligungspflicht – die Forderungen in der Debatte bleiben aber mannigfaltig. Wie wird die Fussballszene reagieren?
Die entscheidendere Frage in diesem Zusammenhang ist: Wie wird die Politik reagieren? Kommen solche Forderungen durch, müssten die Behörden und die Politik immer mehr Auflagen für einen öffentlichen Anlass machen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Staat so viel Einfluss auf ein Fussballspiel nehmen und damit auch so viel Verantwortung übernehmen will. Ich kann mir aber vorstellen, dass bei übertriebenen Forderungen an die Clubs die kantonalen Politiker – viele davon sind auch Fussball- oder Eishockeyfans – sich grundsätzliche Fragen zu stellen beginnen.

Warum versucht die Fankurve nicht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen? Sie könnte hinstehen und sagen: Liebe Leute, schaut, wir unternehmen vieles gegen die Gewalt und für die Ordnung.
Einige Fankurven machen das schon: Sie verschicken Stellungnahmen oder kommunizieren mit Flyern und Spruchbändern. Aber man sollte wissen: Eine Subkultur wie die Ultras will, wie auch andere Subkulturen zeigen, auf eine Art mystisch bleiben. Jede Subkultur in der Vergangenheit, die bis zum Gehtnichtmehr erforscht und ausgeleuchtet wurde, ist verschwunden. In dieser Verschwiegenheit erkenne ich auch ein Schutzmechanismus.

Sie schildern eine Fankurve, die nur ihr Team unterstützen will, sich sogar selbstreguliert, aber aufgrund des Zuwachses der vergangenen Jahre und der normalen Mechanismen der Massen ausser Kontrolle geraten kann. Wieso akzeptiert sie dann nicht die Massnahmen der Behörden – diesen «amtlichen» Versuch die Lage zu verbessern?
Die bisher vorgeschlagenen Massnahmen der Behörden wären tauglich, wenn wir ein Publikum hätten wie in der englischen Premier League. Die Liga konnte dank dem grossen Interesse am Fussball die Preise hochschrauben und wechselte das Publikum aus. Die stimmungsvollen, wilden, von Jugendlichen geprägten Kurven gibt es dort nicht mehr. In der Schweiz gehört zum Glück ein wesentlicher Teil des Stadions auch den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, was sich auch in der vielgelobten Ambiance bemerkbar macht. Diese Fan-Bewegung hat eigene Wertvorstellungen und Interessen. Fahnenverbot, keine Märsche, keine Transparente – aus Sicht der Kurve ist das eine Bedrohung für ihre Existenz, und aus fachlicher Sicht eine Bedrohung für eine Jugendkultur.

Die Gesellschaft muss sich also die Frage stellen, ob sie die Fankurve überhaupt will?
Es geht noch viel weiter: Wir müssen uns fragen, ob wir den Fussball in dieser Art wollen. Der grösste Teil der Gesamteinnahmen der Vereine wird über Tickets generiert, jeder Club ist also darauf angewiesen, Fans zu haben. Das kann auch ein Dilemma sein: Wir können wählen zwischen einer europaweit anerkannten stimmungsvollen Ambiance und Kreativität in unseren Stadien und den damit verbundenen «Gefahren» oder dem Ende der Kurven und damit wohl auch einem Rückgang der Attraktivität sowie in der Folge der Zuschauerzahlen. Das Fussballspiel zum Theaterbesuch zu machen oder zu einem Event wie in England, das funktioniert in der Schweiz nicht.

Wieso sollten in der Schweiz nicht genügend Fans an einem Fussballspiel als Event interessiert sein?
Das Potenzial an Zuschauern ist in der Schweiz schlicht zu klein. Es gibt ja jetzt schon sehr wenige Spiele, die ausverkauft sind. Wir haben grundsätzlich also ein zu kleines Interesse am Fussball, als dass wir einfach die Fans austauschen könnten. Das ist aber auch die grosse Chance: Wir müssen versuchen, die verschiedenen Anspruchsgruppen unter einen Hut zu bringen und die Begeisterung zum Fan-Sein zu wecken. Ich finde, das klappt eigentlich gut. Wir werden der Zielsetzung «Fussball oder Eishockey für alle» ziemlich gut gerecht. Es ist und bleibt aber eine extreme Herausforderung.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Basler Ultra am 04.10.2011 08:53 Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Danke super text..... Bin froh das man auch mal die gute seite der Kurve anschaut und nicht immer nur die schlechtere aufputscht, wie es gewisse politiker und medien machen .

  • Enrico S. am 13.09.2011 13:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Differenziert - aber nicht mehrheitsfähig

    Stell dir vor: "Du bist auf eine Geburtstagsparty eingeladen. Du gehst auf das Fest. Einige Typen müssen sich dort aber rumprügeln." Und dafür Verständnis fordern? Das ist ganz einfach krank! Das Interview ist gut gemacht, aber inhaltlich gehören diese Randalierer zurechtgewiesen. Jeder echte Fan, der Gewalt am Match toleriert, sollte nach dem Motto "mitgegangen, mitgefangen" zur Verantwortung gezogen werden.

    einklappen einklappen
  • Thomas Sch. am 13.09.2011 13:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur drakonische Strafen und konsequente Umsetzung

    Selten so einen Schwachsinn gelesen wie diesen Artikel ! Es braucht wohl wirklich erst einen Toten bis der hinterletzte Schönschwätzer kapiert wie die Realität in und um die Stadien aussieht. Ich für meinen Teil (und ich weiss das sehr viele andere genau so denken) werde keinen Fuss mehr in ein Fussball- oder Eishockeystadion setzen solange ich bei jedem Spiel um meine Sicherheit oder um die meiner Familie fürchten muss.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Basler Ultra am 04.10.2011 08:53 Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Danke super text..... Bin froh das man auch mal die gute seite der Kurve anschaut und nicht immer nur die schlechtere aufputscht, wie es gewisse politiker und medien machen .

  • Daniel am 15.09.2011 15:30 Report Diesen Beitrag melden

    Knallhart und erbarmungslos

    Die Probleme in den Stadien wird von den Fans und deren "Anwälte" herunter gespielt. Es sind knallharte Massnahmen notwendig: rigorose Eintrittskontrollen (Ausweis, Fingerprint, Nacktscanner), konsequente Videoüberwachung im und um das Stadion, sofortige U-Haft mit Verurteilung durch Schnellrichter, lange Gefängisstrafen mit Arbeitseinsätzen abseits der Zivilisation, Eintrag ins Strafregister, Stadionverbot und Schadenersatzpflicht. Als Sportfan habe stets stimmungsvolle Leichtathletik-Meetings gesehen, ohne stinkende Alkoholfahnen und Rauchschwaden einatmen zu müssen.

    • heiri basler am 15.09.2011 16:14 Report Diesen Beitrag melden

      selbst mal live erleben!

      ja, wenn man ganz alleine zu hause vor der glotze hockt, nicht raucht und trinkt ist das sicher so, aber nicht IN einem stadion. würde empfehlen, einmal selbst zu gehen, da sie ihrem kommentar nach noch nie an einer sportveranstaltung live dabei waren.

    • 1898 am 04.10.2011 11:11 Report Diesen Beitrag melden

      typisch

      schon mal ein stadion von innen gesehen? grosse klappe aber keine ahnung!

    einklappen einklappen
  • heiri basler am 14.09.2011 07:30 Report Diesen Beitrag melden

    lesen, ihr herren in bern!

    ausgezeichnetes interview. sollte pflichtlektüre sein für die politiker, welche sich im vorfeld der wahlen mit diesem thema profilieren wollen.

  • Frau Basel am 14.09.2011 07:21 Report Diesen Beitrag melden

    Wir brauchen Kurven!

    Ohne Kurve, Choreo und Gesang, wären die Stadien tot! Und überhaupt, passieren solche "bösen" Dinge im Stadion? Schon mal aufgefallen? Im Stadion herrscht Ruhe, das sollte mal differenziert werden!

  • Guschti am 14.09.2011 07:12 Report Diesen Beitrag melden

    Fans: Selber für Ordnung sorgen!

    Überbordenden Fans und SChläger oder Randalierer sind nicht dasselbe. Und die Fans sollten endlich die Chaoten aus ihrer Mitte 'verbannen' - dann hört es auf. SO werden die Fans mimmer in den gleichen Topf mit den Idioten geworfen. Und hunderte Fans gegen ein paar DUtzend Chaoten ist wohl eine einfache Rechnung.