Intersex-Menschen

08. Mai 2018 19:03; Akt: 08.05.2018 19:03 Print

«Wir wollen kein drittes Geschlecht»

Im Juni diskutiert der Nationalrat über die Einführung eines dritten Geschlechts neben «Frau» und «Mann» in der Schweiz. Ausgerechnet Intersexuelle leisten nun Widerstand.

Daniela Truffer von Zwischengeschlecht.org kritisiert die Politik.
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Australien, Dänemark und Kanada kennen das unbestimmte Geschlecht bereits: Wer weder Mann noch Frau ist oder sein will, kann sich ein X im Pass eintragen lassen. Auch Deutschland muss nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts ein drittes Geschlecht einführen.

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Im Juni wird das dritte Geschlecht auch in der Schweiz zum Thema: Dann beugt sich der Nationalrat voraussichtlich über ein Postulat von Sibel Arslan (Grüne). Sie will den Bundesrat damit beauftragen, einen dritten Status oder den Wegfall der Geschlechterangabe im Personenstandsregister zu prüfen.

«Eintrag hat grosse Tragweite für das Leben»

Angesichts der internationalen Entwicklungen müsse der Schweizer Gesetzgeber darüber nachdenken, ob die heutige «binäre Betrachtungsweise der Geschlechter mit den Kategorien ‹Frau› oder ‹Mann› nicht zu eng sei und welche Normen angepasst werden müssten, um der Situation besser gerecht zu werden.

Laut Arslan ist die heutige Situation zum Beispiel für Eltern unbefriedigend, wenn ein Kind ohne klare Geschlechtszuteilung auf die Welt kommt: Die Eltern müssten entscheiden, ob das Kind operiert werde und mit welchem Geschlecht es eingetragen werden solle. «Der Entscheid für ein Geschlecht hat eine grosse Tragweite für das weitere Leben, etwa wenn es um die Aushebung für den Militärdienst oder den Turnunterricht geht.»

Kritik von Betroffenen

Kurz vor der Debatte im Parlament stellen sich jetzt aber Intersex-Menschen gegen ein drittes Geschlecht: «Die meisten Menschen, die keine eindeutigen körperlichen Geschlechtsmerkmale aufweisen, fühlen sich einem der beiden Geschlechter zugehörig», sagt Daniela Truffer, Präsidentin von Zwischengeschlecht.org.

Darum ziele die Diskussion an den echten Bedürfnissen von Intersex-Menschen vorbei. «Für uns ist ein drittes Geschlecht ein marginales Thema. Leider haben viele Politiker keine Ahnung, worum es bei Intersex eigentlich geht. Auch Frau Arslan verwechselt Intersex mit Transgender.» Sie habe es mehr als satt, wie Intersex in Bern konstant für LGBT und Genderpolitik vereinnahmt werde.

Viel wichtiger sei, dass Genitaloperationen bei Intersex-Menschen gestoppt würden. «Wir fordern ein gesetzliches Verbot von Intersex-Genitalverstümmelungen und eine Anpassung der Verjährungsfristen. Wie übrigens auch die Nationale Ethikkommission und die UNO, die die Schweiz schon viermal gerügt hat.» Sie selbst könne keine Kinder bekommen, weil man ihr «die Hoden aus dem Bauch geschnitten» habe. «Dazu habe ich Narben und Schmerzen im Genitalbereich. Diese Operationen haben mein Leben zerstört. Noch heute würden solche Eingriffe alle von der IV bezahlt.»

«Ich werfe niemanden in einen Topf»

Nationalrätin Sibel Arslan weist den Vorwurf zurück, an den Bedürfnissen der Intersex-Menschen vorbeizupolitisieren, weil sie für ihr Anliegen Verständnis hat: «Im Postulat geht es lediglich um einen Bericht, um verschiedene Aspekte darzulegen. Dies ermöglicht schliesslich auch, über die Genitalverstümmelung zu sprechen. Das dritte Geschlecht betrifft zudem auch Transmenschen, die das Postulat begrüssen.»

Sie werfe niemanden in einen Topf, da sie den Unterschied zwischen Trans- und Intersexmenschen kenne. «Ich will eine Offenheit ermöglichen, die dafür sorgt, dass niemand sich festlegen muss, wenn er oder sie sich nicht für ein Geschlecht entscheiden will.»

(wsa)