Generation Y

30. September 2014 05:58; Akt: 30.09.2014 11:48 Print

«Die Jugendlichen sind eine Horde von Zombies»

von Nicole Glaus - Anstatt dass die Jugendlichen auf der Strasse gegen Krieg und Terror protestieren, kümmern sie sich lieber um sich selber. Es wachse eine Zombie-Generation heran, sagen Experten.

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«Die heutigen Teenager stehen Konflikten auf der Welt gleichgültig gegenüber», sagt Oliver Jeges, Autor des Buchs «Generation Maybe» in einem Aufsatz in der « Welt».

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Zu Tausenden strömten Schweizer Jugendliche während des Irakkriegs Anfang der Nuller-Jahre auf die Strassen. In Peace-Fahnen eingewickelt und mit Trillerpfeifen im Mund protestierten sie gegen die Bush-Regierung und gegen das Leid der Kriegsopfer. Ganz nach dem Vorbild ihrer Vorgängergeneration, die in den Siebzigerjahren auf der ganzen Welt gegen den Vietnam-Krieg demonstrierte. Ihr Ziel: Die Welt zu einem besseren Ort zu machen und gegen Ungerechtigkeit anzukämpfen.

Umfrage
Wieso demonstrieren Sie nicht auf der Strasse gegen Ungerechtigkeiten?
8 %
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Insgesamt 7417 Teilnehmer

Und heute? Im Irak und in Syrien sorgt die Terrororganisation Islamischer Staat mit ihren Gräueltaten für Angst und Schrecken. Menschen werden enthauptet, Minderheiten verfolgt. Im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine sterben Zivilisten mitten in Europa. Doch die grossen Protestdemonstrationen bleiben aus. «Die heutigen Teenager sind Konflikten auf der Welt gegenüber gleichgültig», sagt Oliver Jeges, Autor des Buchs «Generation Maybe» in einem Aufsatz in der «Welt». Sie seien emotions- und willenlos. Stattdessen stehe ihr eigenes Wohl im Zentrum. «In Wahrheit ist die junge Generation eine Horde von Zombies. Sie gieren aber nicht nach Menschenfleisch, sondern nach Anerkennung, nach Wertschätzung, Lob und Liebe», so Jeges.

«Du musst dich für dein eigenes Wohl einsetzen»

Dass sich junge Leute heute weniger auf der Strasse für soziale Ungerechtigkeiten engagieren, beobachtet auch der Sozialpsychologe Christian Fichter: «Heute lautet die Botschaft für ein Individuum nicht mehr: Du musst dich maximal für das Gemeinwohl einsetzen. Sondern: Du musst dich maximal für dein eigenes Wohl einsetzen.» Eine Werthaltung, die nicht zuletzt auch durch das westliche kapitalistische Wirtschaftssystem bedingt sei.

Zudem stumpfe auch der Informationsfluss durch das Internet, soziale Netzwerke und die Medien die Jugendlichen zunehmend emotional ab: «Da wir ständig mit schlimmen Meldungen konfrontiert sind, fällt es uns schwerer, uns bei jedem einzelnen Schicksal betroffen zu fühlen.» Deshalb würden die Jugendlichen heute lernen, mit dem täglichen «Katastrophenstrom» umzugehen. «Sie nehmen es zur Kenntnis und legen es ad acta.»

Eine neue Form des Protests

Dass die Jugendlichen sich nicht mehr auf der Strasse versammeln und mit viel Lärm gegen einen Krieg demonstrieren, hat laut der Trendforscherin Mirjam Hauser mit einer gewissen Resignation zu tun: «Schweizer Jugendliche glauben nicht daran, durch Strassenproteste die Welt gross verändern zu können.»

Dies sei aber nicht mit fehlender Motivation zu begründen: «Jugendliche sind sich auch heute noch der politischen Missstände und sozialen Ungerechtigkeiten sehr bewusst – es ist keine Apathie.» Demnach würden Jugendliche heute andere Formen des Protests wählen. «Sie tun ihren Unmut etwa über Facebook oder Twittermeldungen kund oder sie suchen eine Arbeit, wo sie im kleinen Rahmen etwas bewirken können.»

Studis helfen Studis

Den Vorwurf nicht engagierter Studierender lässt Luisa Jakob, Vorstandsmitglied der Studentenschaft der Uni Bern, nicht auf sich sitzen. Gerade wenn es um die Vereinbarung von Studium und Erwerbstätigkeit geht, würden sich die Studenten vehement dafür einsetzen. «Bei der Stipendien-Initiative gingen viele Studenten sogar auf die Strasse.» Und warum ist kein grösseres Engagement für eine bessere Welt vorhanden? «Unser Verein setzt sich vor allem für Bildung und Forschung ein, da dies unsere Kernanliegen sind. Wegen der parteipolitischen Neutralität, können wir uns nicht zu weltpolitischen Themen äussern», sagt Jakob.

Dass sich junge Menschen nach wie vor engagieren, zeigen etwa Zahlen der Uni St. Gallen. Über 50 Prozent der Studierenden seien in Vereinen engagiert, die sich entweder unipolitisch oder sozial engagieren, sagt der Präsident der Studentenschaft Shin Szedlak: «Es gibt etwa die Organisation Liter of Light, wo Studenten mit PET-Flaschen Lichtanlagen in Südafrika bauen.» Demonstrieren sei somit an der Uni St. Gallen noch nie ein grosses Thema gewesen: «Vielmehr lancieren die Studenten nachhaltige Projekte und setzen sich dafür ein.»


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • montsch am 30.09.2014 06:12 Report Diesen Beitrag melden

    Es bringt sowieso nichts

    Ob man gegen die US Aussenpolitik oder den IS Terror demonstriert kommt aufs gleiche raus. Es bringt nichts. Das ist als würde man gegen ein Gerichtsurteil demonstrieren. Die haben ihre Macht und machen was sie wollen. Das einzige was bringt ist Atomwaffen zu besitzen und auf gleicher Augenhöhe den Amis zu drohen dann geben sie vlt 1mm nach. Aber einer Demokratie die nicht mal eine Luftwaffe hat... die lachen sich krumm im Weissen Haus. Ich schau auf mein Land der Rest geht mir am.... vorbei. Globalisierung ist nicht mein Ding.

  • Nathanael am 30.09.2014 06:40 Report Diesen Beitrag melden

    Gegen was soll man ....

    im Ukraine Konflikt protestieren? Was dort wirklich geschieht weiss kaum einer. Dann sympathisieren viele mit Russland, das ja im kalten Krieg schon die Bösen waren. In Syrien und Irak ist die Lage noch unübersichtlicher. Viele glauben den Amis gar nichts mehr, was man ihnen auch nicht wirklich verübeln kann. Die amerikanische Politik wurde in den letzten 20 Jahren von den Lobbyisten förmlich aufgefressen, ohne extreme Gesinnung gewinnt man dort keinen Blumentopf mehr.

  • Roland Kämpe am 30.09.2014 08:27 Report Diesen Beitrag melden

    Einsatz wo Einsatz nützlich

    Gegen die Kriege der "Grossen" auf die Strasse zu gehen, ist vergebliche Liebensmüh, das interessiert und nützt niemandem. Viel wichtiger wäre es, in den Jungen ein Interesse an der Demokratie und am Wohlergehen dieser Nation zu wecken, zu kommunizieren, dass unsere Freiheiten nicht selbstverständlich sind und aktuell auch verteidigt werden müssen. Man sollte für Dinge auf die Strasse, die man beeinflussen kann, nicht weil sog. Experten finden man müsste sich doch über Ereignisse empören, die nicht nur eine halbe Welt entfernt sind sondern sich auch vollständig unserer Kontrolle entziehen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Köbi am 30.09.2014 22:07 Report Diesen Beitrag melden

    Kapitalismus

    Dass der Kapitalismus viele Menschen egozentrisch macht denke ich auch! Jedoch muss immer bedacht werden, dass die Jugend von heute von den Erwachsenen lernt. Wir haben die Lehren und Werke unserer Vorgänger und Vorjugend angenommen und verinnerlicht. Wäre es nicht absurd, in ein Zimmer zu gehen, dort alles zu verwüsten und es wieder zu verlassen. Dem nächsten der reinkommt aber vorwerfen er lebe in einem Saustall? Wieso wird dann der Jugend die eigene Schuld vorgeworfen?

  • kariny am 30.09.2014 20:29 Report Diesen Beitrag melden

    ist nicht ganz so

    Sieht man ja wie einst friedliche Proteste in der Ukraine zu einem Konflikt führen. Ich habe Hoffnung in die Jungen. Sie führen schon längst Krieg! Dort, wo er sich abspielt, im Internet, an der Börse etc. Das "alte" muss irgendwann sterben, damit was neues entstehen kann.

  • Simon Hauri am 30.09.2014 18:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein ewiges Thema 

    Die Jugend von heute kämpft nicht mehr mit den gleichen Waffen. Das heisst jedoch nicht, dass sie nicht kämpft. Aber es ist wie immer, die Jugend von heute ist schlimmer als je zuvor, früher war alles besser und man war natürlich auch nie so schlimm.

  • Jugend am 30.09.2014 17:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frechheit

    Wieso wird die Jugend für "fehlende Demos" beschuldigt genauso gut kann jemand über 50 eine Demonstration ins leben rufen/an einer teilnehmen so wie es in den 70er geschah;)

  • Petra Chevalier am 30.09.2014 17:22 Report Diesen Beitrag melden

    Es wachse eine Zombie-Generation heran

    Es gab und gibt immer "solche" und "solche" Menschen. Aber ich finde nur schon die Aussage oben im Bericht der sogenannten "Experten" als verachtend, respektlos und "unter allem Hund"! den Jugendlichen gegenüber. Bietet ihnen doch eine bessere Basis im Leben: Jobs, ein zu Hause, Liebe, u.s.w.

    • Babet am 30.09.2014 18:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Respektieren und Verstehen

      genau das ist es was den Jugendlichen fehlt, und was auch wichtig wäre ist der Respekt und Verständnis, dann sind die Jugendlichen ganz "normale" Menschen und sehr Freundlich

    • Richard Keith am 30.09.2014 18:39 Report Diesen Beitrag melden

      Zombie.Generation

      Ich setze noch einen drauf : " Viele davon kann man in der Pfeife rauchen !"

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