Winterthur

19. März 2018 09:52; Akt: 19.03.2018 11:58 Print

«Die Lösungen der Prüfung fand man auf dem WC»

von Qendresa Llugiqi - An einer Berufsprüfung Ende Februar ist offenbar gespickt worden. Weil ein Teil nun wiederholt werden muss, haben Absolventen eine Anwältin engagiert.

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Bei der diesjährigen eidgenössischen Diplomprüfung zum Immobilienbewirtschafter Ende Februar in Winterthur ist gegen das Prüfungsreglement verstossen worden. Ein Vorteil konnte sich verschaffen, wer während der Prüfung das stille Örtchen aufsuchte, wie Prüfungsteilnehmer berichten: «Am Ende des letzten Prüfungstages wurde uns durch den Präsidenten der Prüfungskommission offiziell mitgeteilt, dass auf der Toilette der Prüfungslokalität Lösungen gefunden worden seien und dieser Prüfungsteil eventuell nachgeholt werden müsse», so Stefan B.*

Thomas H.*, der den Prüfungssaal bereits verlassen hatte und zusammen mit anderen von einer Prüfungsaufsicht zurückgerufen wurde, bestätigt dies. «Die Person, die für diese Lösungen verantwortlich ist, wurde aufgefordert, sich zu melden. Ansonsten drohe eine Wiederholung.» Doch bis zur Deadline am nächsten Tag habe sich niemand gemeldet. Unklar ist also, wie die Lösungen auf die Toilette gelangen konnten: Gemäss Stefan B. handelte es sich bei den Lösungen gar um Musterlösungen, die nur der Prüfungskommission und dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) vorgelegen haben.

Die Ermittlungen der Polizei laufen

Klar ist, dass die Prüfungskommission die Polizei eingeschaltet hat. In einem Schreiben vom 1. März wurden die Prüfungskandidaten darüber informiert, dass besagter Teil im Juni nachgeholt werden müsse, da sich der Verdacht erhärtet habe. «Im Sinne der Fairness und Gleichbehandlung aller Kandidatinnen und Kandidaten und mit Blick auf die Reputation des Berufsstandes war diese unpopuläre Entscheidung leider unumgänglich», schreibt die Prüfungskommission.

Ihr Präsident Hanspeter Burkhalter weist darin den Verdacht zurück, dass Musterlösungen geleakt sind. Es gebe keinerlei Anhaltspunkte, dass «Musterlösungen vor oder während der Prüfung irgendwelchen Kandidaten beziehungsweise unbefugten Drittpersonen zur Verfügung gestanden haben». Weiter heisst es, dass derzeit keine näheren Angaben zum Ermittlungsstand und zu den bisher bekannten Unregelmässigkeiten kommuniziert werden könnten, da das polizeiliche Ermittlungsverfahren noch nicht abgeschlossen sei.

Prüfung muss wiederholt werden

Stefan B. ist wütend: «Der Brief steht in krassem Gegensatz zu den Aussagen, die vor Ort gemacht wurden.» Er sei überzeugt, dass man hier etwas vertuschen wolle: «Für mich entsteht der Eindruck, als wolle man mit allen Mitteln verhindern, dass jemand seitens der Prüfungskommission für das Herausgeben der Lösungen verantwortlich gemacht wird. Und dass es dann Klagen hagelt.»

«Ich kann diesen ungenügend begründeten Entscheid in dieser Art und Weise nicht akzeptieren», sagt auch Stefan B. Die Wiederholung der Prüfungen würde für ihn einiges auf den Kopf stellen. So bleibe er auf den Spesen für das Zugbillette und die Verpflegung sitzen. Auch müsse er einen freien Tag für den Wiederholungstermin beziehen. «Zusätzlich kann ich das eingeräumte Lohngespräch mit meinem Chef nun drei Monate nach hinten vertagen.»

Anwältin eingeschaltet

Dies treffe auch auf einige Mitstudenten zu , bestätig Thomas H. «Für uns ist dieses Vorgehen nur frustrierend und unverständlich. Es bedeutet, das wir wieder frei nehmen und wieder lernen müssen. Auch kommt niemand für unsere Fehlzeiten und Spesen auf.»

Zugleich würde die Wiederholung bedeuten, dass Personen, die an diesem Tag verhindert seien, ein Jahr lang warten müssten, so die beiden Absolventen. Stefan B.: «Und im Falle des Nichtbestehens der Prüfung kann dann nicht wie üblich im nächsten Jahr ein neuer Anlauf gestartet werden, sondern erst 2020.»

Mehrere Prüfungsteilnehmer haben nun die Anwältin Senta Cottinelli eingeschaltet, die auf Schulrecht spezialisiert ist. Diese sagt: «Ich habe Kenntnis von den Schreiben der Prüfungskommission. Das Vorgehen wirft einige juristische Fragen auf. Ich werde diesen konsequent nachgehen.»

* Namen geändert

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • K. B. am 19.03.2018 10:20 Report Diesen Beitrag melden

    Und ich wunderte mich immer

    wie unsere Verwalterin die Berufsprüfung Immobilienbewirtschaftung geschafft hat.

    einklappen einklappen
  • Willy am 19.03.2018 10:18 Report Diesen Beitrag melden

    Peinlich...

    Wie kam man an die Ergebnisse? Da hat wohl jemand den Rechner nicht gesperrt oder war es sogar eine bewusste Herausgabe der Lösungen? So oder so wirft dies kein sehr gutes Licht auf die Prüfungskommission. Aber sind wir mal ehrlich, wir haben es auch in der Lehre schon geschafft an die Ergebnisse gewisser Prüfungen zu kommen. Die Lehrer sind teilweise nicht die Hellsten und mit der IT kennen sich die wenigsten wirklich aus, auch bei den Informatik-Lehren. Tragisch, aber wahr!

    einklappen einklappen
  • Werner Frenet am 19.03.2018 10:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ungerecht für die, wo ehrlich bestanden hätten

    Ob der Göttibub/die Nachbarstochter wohl die Pfüfung nicht bestanden hätte und so eine Wiederholung erzwungen wurde? Wenn dir Lösungen nur gewissen Personen zur Verfügung stand, ist dort zuerst genauer zu untersuchen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Martin am 20.03.2018 10:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Umtriebe?

    Herrlich! Es entstanden Kosten für Billette und Verpflegung. Wenn das die Sorgen des jungen Mannes sind, kann er sich mehr als glücklich schätzen

  • R. Crusoe am 20.03.2018 09:56 Report Diesen Beitrag melden

    Betrug

    Wer sowas nötig hat, ist definitiv im falschen Beruf. Augen auf bei der Berufswahl.

  • rico am 20.03.2018 08:25 Report Diesen Beitrag melden

    Verständnis

    Ich verstehe absolut den Frust der Kandidaten! Die Prüfungsgebühr kostet auch nicht weniger als CHF 3000.- und die die Kommission bringt es nicht fertig die Musterlösung für sich zu behalten...

  • PS;L am 20.03.2018 08:20 Report Diesen Beitrag melden

    Erwischt

    Klar der Fehler der Prüfungskommission - die Konsequenzen muss der Tragen, der fahrlässig mit solchen Daten umgeht! Und Leute das ist eine Berufsprüfung - Keine Wirtschaftsprüfer-Prüfung...

  • der kritiker am 19.03.2018 19:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    lernen optimiert

    eigentlich handelt es sich hier um eine optimierte informationsbeschaffung seitens der geprüften. versagt hat die schule! diese sollte sich gedanken über ihre fahrlässigkeit machen.