Krank vom Arbeiten

11. August 2016 09:43; Akt: 11.08.2016 13:33 Print

«Die Tränen liefen mir nur noch runter»

von J. Büchi - Sie fühlen sich «ausgepresst wie Zitronen»: Der Job macht immer mehr Menschen krank. Betroffene erzählen.

storybild

Miriam L.* (Bild) kam gegen Ende ihrer Elektroplaner-Lehre kaum mehr aus dem Bett. (Bild: ZVG)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Zahl der kranken Arbeitnehmer hat einen Höchststand erreicht. Immer mehr Personen leiden unter psychischen Krankheiten, Rückenschmerzen oder Migräne, weil ihnen die Arbeit über den Kopf wächst. Der spezialisierte Arzt Christoph Bovet sagt zu 20 Minuten, der Grossteil der Betroffenen sei 20 bis 45 Jahre alt. «Viele fühlen sich wie ausgepresste Zitronen. Im Job müssen sie nur noch strampeln.» Zahlreiche Betroffene haben sich auf der Redaktion gemeldet. Wir haben mit drei von ihnen gesprochen.

Umfrage
Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Arbeitsleben?
19 %
33 %
19 %
20 %
3 %
6 %
Insgesamt 23577 Teilnehmer

Miriam L.* (21): «Das Bett hat mich wie gefesselt»

Es war ein paar Tage vor der Lehrabschlussprüfung, als Miriam L.* plötzlich schwarz vor Augen wurde. Der Lehrmeister hatte die angehende Elektroplanerin gerade mit neuen Aufgaben eingedeckt – um acht Uhr abends. «Ich sagte, ich könne nicht mehr, aber mein Chef meinte nur: Das schauen wir jetzt noch an.» Als L. aufstehen wollte, verschwamm der Bildschirm vor ihren Augen, sie taumelte. Ihr Freund holte sie schliesslich mit dem Auto ab.

«Am Morgen hat mich mein Bett wie gefesselt, ich schaffte es fast nicht mehr, aufzustehen», so die junge Frau. Und sobald sie abends nach Hause gekommen sei, seien «die Tränen nur noch runtergelaufen». Teilweise habe sie als Auszubildende sechs Projekte betreut. «Ich fühlte mich so klein im Büro und getraute mich nicht, mich zu wehren.»

Irgendwann überzeugte die Mutter sie, zum Arzt zu gehen. Dieser schlug Alarm: Sie weise alle Anzeichen eines Burn-out-Syndroms auf. Gegen die Migräne, die sie plagte, verschrieb er ihr starke Medikamente und wollte sie ein bis zwei Monate krankschreiben. «Aber ich wollte die Lehrabschlussprüfung noch durchziehen – und das schaffte ich schliesslich auch, wenn auch nur knapp.» Nachdem sie alle Ferien und Überzeit eingezogen hatte, die ihr noch zustanden, insgesamt sieben Wochen, fand sie einen neuen Job. «Hier geht es mir besser: Das Umfeld ist sehr familiär und jeder betreut nur ein Projekt.»

Markus S. (43): «Ich füllte mir, auf Deutsch gesagt, die Lampe»

Markus S. arbeitete in einem Boom-Geschäft: Auf einer kleinen Bank war er für die Hypotheken zuständig. «Als die Zinsen in den Keller rasselten, schnellten die Geschäfte in die Höhe und die Papierflut auf meinem Pult wuchs.» Jeden Abend stapelten sich mehr übrig gebliebene Dossiers. «Es war für eine Person schlicht zu viel», so S.

In der Folge litt er an Schlafstörungen. «Mit nur zwei bis drei Stunden Schlaf pro Nacht wurde es zunehmend schwieriger, die volle Leistung abzurufen.» Später seien Alkoholprobleme dazugekommen. «Ich füllte mir, auf Deutsch gesagt, die Lampe, um überhaupt noch einschlafen zu können.» Als der Chef bemerkte, dass S. morgens immer öfter mit einer Fahne zur Arbeit erschien, schickte er ihn in die Suchtberatung.

Nachdem er mehrmals unentschuldigt nicht zur Arbeit erschienen war, folgte die Kündigung. Während dreier Jahre liess sich S. therapieren, heute arbeitet er Teilzeit auf Stundenlohnbasis als Auslieferungs-Chauffeur. «Ich verdiene zwar nur noch einen Drittel von meinem früheren Lohn und lebe unter dem Existenzminimum – mental gehts mir aber wesentlich besser, und den Alkohol habe ich im Griff.»

Anna B.* (30): «Wir sind doch keine Maschinen!»

Anna B. erlitt vor eineinhalb Jahren einen heftigen Schub der chronischen Darmentzündung Morbus Crohn. Als die Krankheit ausbrach, arbeitete sie im Lebensmittelbereich in einem grossen Konzern. Es mangelte an allen Ecken und Enden an Personal. «Aber die Chefetage sagte, wir hätten zu wenig Umsatz gemacht, um zusätzliche Leute einzustellen.» So übernahm B. zusätzliche Aufgaben, arbeitete von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends, bei je einer Stunde Arbeitsweg.

«Plötzlich bekam ich Durchfall, starke Krämpfe und Rückenschmerzen.» Laut dem Arzt ist die Krankheit typischerweise stressbedingt. Medikamente und Therapien schlugen nicht an. «Ich sitze täglich bis zu 20-mal auf dem Klo.» Bis heute ist B. komplett krankgeschrieben. «Falls ich jemals wieder normal arbeiten kann, dann sicher nicht mehr im Verkauf», so B. «Es ist verrückt, wie man immer mehr von den Menschen verlangt – wir sind doch keine Maschinen!»

*Namen von der Redaktion geändert

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • üsserschwiizer am 09.08.2016 20:03 Report Diesen Beitrag melden

    Oftmals Verrückte Arbeitswelt

    Leben wir eigentlich zum Arbeiten oder Arbeiten wir zum Leben?

    einklappen einklappen
  • Marcello am 09.08.2016 20:06 Report Diesen Beitrag melden

    Sauer...

    Das ganze Volk wird ausgepresst wie eine Zitrone... Aber eins müssen diese Leute die das zu verantworten haben wissen.... Das Ergebnis das dabei herauskommt ist Sauer und alles wird sich früher oder später rächen !!!

    einklappen einklappen
  • daniele am 09.08.2016 19:57 Report Diesen Beitrag melden

    vertraut nicht dem "Friendly Workspace"

    vertraut nicht dem friendly workspace.. mein arbeitgeber hat auch dieses "zertifikat", dennoch bin ich bald am limit, ich arbeite durchgehen 50h/w, teils sogar mehr, wenn man auf seine stundeneinhaltung behaart, trifft man auf unverständnis...

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Keule am 15.08.2016 11:21 Report Diesen Beitrag melden

    Alle mitschuldig!

    Die Ursache sind doch unter anderem auch die Kunden, die immer mehr immer billiger immer schneller wollen. Unser gesamtes zusammen leben geht doch Bach ab. Es sind eben ALLE daran mit schuld! Wir machen uns auf deutsch gesagt gegenseitig fertig. Die shareholders lachen sich ins Fäustchen...

  • Reiche Schweiz am 14.08.2016 22:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verantwortung?

    Wir haben ja Arbeitsämter, Sozialämter und die IV- da fühlt kein Chef mehr Verantwortung für seine Mitarbeiter

  • genug am 11.08.2016 23:13 Report Diesen Beitrag melden

    Zitat

    "Ich fühlte mich so klein im Büro und getraute mich nicht, mich zu wehren." Damit kommen wir der Sache wesentlich näher. Wer sich zu wehren weiss, kommt gar nicht erst in diese Situation, da er/sie rechtzeitig Gegenmassnahmen trifft, vom Gespräch mit dem Chef bis letztlich zum Jobwechsel. Wer es hingegen immer allen recht machen will, wird früher oder später ausgenutzt...

  • Selbständiger am 11.08.2016 20:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie sie wieder jammern...

    Bin gerade fertig Mit meinem arbeitstag. Angefangen habe ich heute morgen um 6 uhr und hatte eine stunde pause am mittag. Ich kann nur müde lächeln, wenn mir jemand was von burnout erzählen will. Erst recht wenn es dann büroangestellte sind die 8.25 stundentage schieben und sogar damit überfordert sind.

  • Thomas Willun am 11.08.2016 20:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausführen oder abfahren

    Ich leite über 300 Leute. Da ich aus Zeitdruck sämtliche Sachen nach unten deligiere und ein sehr strenger Chef bin, gibt es oft mal Tränen. Kann man nichts machen. Wer nicht spult, hat Pech gehabt, erhält Lohnkürzungen und fliegt raus. Ich und meine HR-Verantwortliche haben keine Lust und null Bock alles zu kontrollieren.

    • Hildi am 12.08.2016 01:12 Report Diesen Beitrag melden

      Retourkutsche

      Ich hoffe, die Wirtschaft ändert irgendwann wieder, und der Tag kommt, wo die Chefs und Firmen wieder frohn sein müssen um gute Leute. Dann wird es keine Entlassungen mehr geben, sondern Kündigungen hageln von den Angestellten!

    • Spaniel am 14.08.2016 21:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Thomas Willun

      Toll ich Gratuliere Ihnen dass Sie es soweit gebracht haben. Meine Frage: Wo holen Sie diese Skrupellosigkeit her? Angestellte sind Menschen die auch ein Leben verdient haben. Angestellte sind eigentlich Ihr Kapital - tragen Sie Sorge dazu!

    • Spaniel am 14.08.2016 21:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Hildi

      Wir Angestellten müssen uns noch etwas gedulden - aber der Tag wird eines Tages kommen.

    einklappen einklappen