Eierproduktion

01. April 2015 11:54; Akt: 01.04.2015 11:54 Print

«Die männlichen Küken ersticken qualvoll»

von D. Pomper - Der Schweizer Tierschutz und der oberste Bauer fordern, dass männliche Küken nicht mehr vergast werden. Die Eierproduzenten halten dagegen.

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In der Schweiz werden jährlich 2,3 Millionen männliche Küken getötet. Sie werden nach dem Schlüpfen aussortiert, mit Kohlendioxid betäubt und mit Gas getötet. (Bild: Colourbox.com)

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In der Schweiz werden jährlich 2,4 Millionen männliche Küken getötet. Sie werden nach dem Schlüpfen aussortiert, mit Kohlendioxid betäubt und mit Gas getötet. Denn die männlichen Tiere sind für die Eierwirtschaft naturgemäss nutzlos. Ausserdem eignen sie sich auch nicht für die Fleischproduktion.

In Deutschland will Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) dieser Praxis nun ein Ende bereiten und das Töten männlicher Eintagesküken in drei bis fünf Jahren verbieten. «Diese verwerfliche Praxis kann so nicht weitergehen», sagte er der «Welt am Sonntag». Er bezeichnete das Töten der Eintagesküken als «ethisch-moralisch inakzeptabel» und als eklatanten Verstoss gegen den Tierschutz. Meyer forderte den Bund auf, ein Enddatum vor 2020 rechtsverbindlich ins Tierschutzgesetz zu schreiben, damit sich die Branche darauf einstellen könne.

Befruchtete Eier aussortieren

Hans-Ulrich Huber, Geschäftsführer des Schweizer Tierschutz STS, schliesst sich dieser Forderung an: «Schweizer Eierproduzenten müssen aufhören, männliche Küken zu vergasen.» Was die Küken während diesem Vorgang genau empfinden würden, wisse man nicht. Aber: «Gewisse Tiere erleiden einen qualvollen Erstickungstod. Man sieht, wie diese Küken verzweifelt nach Luft schnappen, bevor sie einschlafen.» Zudem sei es ethisch schlicht und einfach verwerflich, Küken aus wirtschaftlichen Gründen auszubrüten, um sie danach wegzuwerfen.

Huber plädiert für Alternativmethoden, etwa für Zweitnutzungshühner. Ziel ist eine neue Kreuzungslinie von Hühnern, wobei das Fleisch der Hähne konsumiert werden kann. Coop hat bereits ein entsprechendes Pilotprojekt gestartet. Der Nachteil: Eier und Fleisch werden teurer, weil diese Nutzungshühner nicht so hochleistungsfähig sind wie Lege- oder Masthühner.

Die zweite Alternative wäre die sogenannte «In ovo»-Methode, dank der statt lebendiger Küken die befruchteten Eier aussortiert würden. Durch ein winziges Loch in der Eierschale können die Unterschiede im DNA-Gehalt zwischen männlichen und weiblichen Embryonen analysiert werden. Wissenschaftler der Universität Leipzig wollen in den nächsten zwei Jahren einen Demonstrator fertigstellen, mit dem eine automatische Geschlechtsbestimmung quasi am Fliessband möglich wäre. «Allerdings könnten sich gerade kleinere Brütereien diese teure Technologie gar nicht leisten», sagt Huber. Es würde die Schweizer Hühnerlandschaft ziemlich stark verändern.

«Sonst müssen Ratten oder Mäuse sterben»

Auch Markus Ritter (CVP), Präsident des Schweizer Bauernverbandes, ist gegen die Tötung männlicher Küken durch Vergasung: «Die Zweitnutzungsrassen sind eine interessante Alternative. Ebenfalls die frühzeitige Geschlechtsbestimmung im Ei.» Die Schweiz sei bekannt für ihren hohen ethischen Standard in der Geflügelhaltung. Diese Vorreiterposition gelte es weiter zu halten. Zwar seien diese Alternativen teurer als die jetzige Lösung. Aber: «Mit einem hohen Tierwohl können wir uns mit unseren Produkten auf dem Markt differenzieren. Ausserdem wäre der Schweizer Konsument auch bereit dazu, für ein tiergerechtes Produkt etwas mehr zu bezahlen.»

Keinen eigenen Handlungsbedarf dagegen sieht man bei Gallosuisse, dem Verband der Eierproduzenten: «Das System sieht die Tötung männlicher Küken mittels CO2 vor. Wir haben keine Alternativen», sagt Geschäftsführer Oswald Burch. Doch halten die Eierproduzenten die Tötung denn auch für ethisch vertretbar? Diese Frage könne Gallosuisse nicht beantworten, sagt Burch. Dies habe jeder selbst zu verantworten. Denn der Verband sei «nicht in der Position, das System zu verändern». Man müsse aber bedenken, dass eine alternative Lösung das Schicksal der Küken einfach verlagern würde: «Aus den 2,3 Millionen männlichen Küken wird zum grossen Teil Tierfutter produziert. Gibt es keine Küken mehr, müssten Mäuse oder Ratten dafür gezüchtet werden.»

Von der Idee der Zweinutzungshühner hält Burch nicht viel: «Die Tiere müsste man mit höherem Futterbedarf füttern. Doch sie würden vergleichsweise weniger Fleisch liefern. Das ist weder ökologisch noch wirtschaftlich effizient.» An der «in ovo»-Methode» sei man interessiert, wobei sich aber auch hier die Frage stelle, wie hoch die Kosten für die Produzenten ausfallen würden. Ohne wirtschaftlich abgestütztes Denken und Handeln geht es nicht.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Theo am 01.04.2015 12:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hässliche Wahrheit

    Man o Man! Da wechselt man endlich auf Bioeier und Freilandhaltung um sich auf die Schulter klopfen zu können und zu glauben man hat ethisch einen richtigen Schritt gemacht und dann liest man, das kleine Küken zu Millionen vergasst werden, ganz egal ob Bio oder Freiland. Unsere Gesellschaft ist richtig pervertiert geworden. Wahnsinn, was wir den Tieren und der Umwelt antun und es grösstenteils nicht mal mitbekommen.

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  • Pedro Lanz am 01.04.2015 12:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Na ja...

    ...ich muss immer den Kopf schütteln, wenn ich sehe, dass sich die Leute nicht einmal bei Eiern für das Bio-Produkt entscheiden, nur um 30 Rappen zu sparen. Übel!

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  • Haribo am 01.04.2015 12:05 Report Diesen Beitrag melden

    strengsten Tierschutz-Gesetze?

    Ja klar: Die Schweiz hat die strengsten Tierschutz-Gesetze der Welt! April, April.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Nadia v. W. am 02.04.2015 16:33 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach traurig

    Und genau aus diesem Grund bin ich von Mama dazu erzogen worden, die Eier beim Bauernhof im Dorf zu kaufen wo jedes Huhn und jeder Hahn auf einer riesen Wiese und einem grossen geräumigen Stall leben kann.. und darum bin ich Vegetarierin..

  • Peter Bucheli am 02.04.2015 14:13 Report Diesen Beitrag melden

    Gejammer

    Immer dieses Gejammer. Seid doch einfach mal froh, dass ihr nicht an der Stelle der Küken seid.

  • vreni hauser am 02.04.2015 13:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geiz-Mentalität

    Auch bei der in-ovo-Methode wird Leben getötet... Die Menschen sollten endlich über bewussten Konsum Tier-und Planzenleid wenigstens etwas verhindern. Geht halt nicht so gut mit der Geiz- Mentalität...

  • Pascal am 02.04.2015 12:17 Report Diesen Beitrag melden

    Darum Vegan

    Ich lebe schon seit über einem Jahr Vegan und mache diesen Affenzirkus nicht mehr mit. Ich habe mich mit dieser und anderen Problematiken auseinandergesetzt und bin nur noch zu einem Entschluss gekommen. Ich lebe ab jetzt Vegan und somit verursache ich zumindest kein unnötiges Tierleid mehr, denn das will ich nicht. Komischerweise fällt es mir sehr leicht und habe bis heute noch nichts wirklich vermisst. Was mich aber noch mehr ärgert, ist dass diese Sachen, wie auch die Werbungen etc. von den Steuerzahler finanziert wird. Durch Subventionen und Direktzahlungen werden so im Jahr 2,8 Milliarden Franken rausgeschleudert und der Bürger hat keine Ahnung. Ich lebe Vegan also will ich mir meinem Steuergeld keine Fleischwerbung bezahlen, gehts noch

  • Walter R am 02.04.2015 11:55 Report Diesen Beitrag melden

    Einseitige Sichtweise

    Ich wundere mich immer wieder über die einseitige Sichtweise dieser sogenannten Tierschützer. Wenn Tiere schnell und schmerzlos getötet werden machen sie ein Riesen Geschrei und benehmen sich geradezu hysterisch. Über wirklich gravierende und praktisch alltägliche Fälle von Tierquälerei ist hingen von diesen «Tierschützern» nie etwas zu vernehmen. Ich meine sogenannte Qualzuchten, durch die, zur grossen Freude von «Tierfreunden» und «Tierexperten», mit Wissen und Billigung von Tier«schützern» und Tier«schutz» - Organisationen, verschiedenen Tieren, zum Beispiel Hunden und Katzen, ein Aussehen angezüchtet wird, das nicht mehr den ursprünglichen und natürlichen Aussehen dieser Tiere entspricht, mit der Folge, dass diese Tiere ihr ganzes Leben lang an Beschwerden und Schmerzen leiden. (Suchmaschine, Stichwort Qualzuchten)

    • Edith Zellweger am 02.04.2015 18:12 Report Diesen Beitrag melden

      Tierquälereien ohne Ende!

      Besonders die Tierschützer in der Veganer-Szene wehren sich laufend vehement gegen alle Tierquälereien und Tierausbeutereien. Doch gegen die immensen Tierquälereien, die überall herrschen, ist leider nicht anzugehen!

    • Soso am 02.04.2015 21:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Edith Äääähm!

      Sie wehren sich?? Wie? Indem sie auf tierische Produkte verzichten?? Oder tun sie wirklich aktiv etwas? Betreuen sie Tiere?

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