Arbeitsweg

05. Oktober 2017 08:23; Akt: 05.10.2017 08:23 Print

«Die meisten nehmen eine Stunde Pendeln in Kauf»

von Stefan Ehrbar - Eine neue Studie belegt, dass die Dauer des Arbeitswegs von der Ausbildung und dem Lohn abhängt. Ein Experte erklärt die Hintergründe.

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Herr Ohnmacht, eine ETH-Studie zeigt, dass Besserverdienende weiter pendeln. Wieso?
Je mehr Lohn jemand erhält, desto höher ist die Bereitschaft, weite Distanzen für das Arbeitspendeln auf sich zu nehmen. Eine Krankenschwester ist kaum bereit, von Bern nach Zürich zu pendeln. Wer in Bern wohnt und bei einer Grossbank in Zürich gutes Geld verdienen kann, tut das eher. Je mehr jemand verdient, desto grösser sind seine Aktivitätsräume. Mit höherem Lohn fahren die Menschen eher Auto und legen weitere Distanzen zurück.

Gilt dasselbe auch für ÖV-Pendler?
Ja, längere Distanzen sind auch beim ÖV bei Gutverdienenden zu beobachten. Dies trifft insbesondere auf die Pendler zwischen Städten zu – also etwa die steigende Zahl von Leuten, die in Zürich wohnt und bei der Bundesverwaltung oder der SBB in Bern arbeitet. Deshalb wird der Viertelstundentakt zwischen Zürich und Bern ausgebaut.

Derselbe Zusammenhang wurde auch für die Ausbildung festgestellt: Für eine höhere Ausbildung pendeln Personen weiter. Wie erklären Sie das?
Wir haben in der Schweiz ein sehr gut ausgebautes Strassen- und ÖV-System. Das kommt den Arbeitgebern und Ausbildnern zugute, die spezialisiertes Personal suchen. Der sogenannte Rekrutierungsradius ist gross. Eine Stunde Weg zur Arbeit oder Ausbildung nehmen viele in Kauf. Das sehen wir auch an der Hochschule Luzern: Viele Studenten kommen aus Zürich, Bern oder Basel. Sie würden nicht bei uns studieren, wenn sie hier wohnen müssten, denn ihre regionale Verwurzelung ist gross. Wirtschaftlich kommt das allen zugute.

Bei einem Arbeitsplatzwechsel nimmt die Pendlerdistanz durchschnittlich zu. Die Leute wollen offenbar nicht näher bei der Arbeit wohnen.
Mich überrascht das nicht. Man muss zwischen der kurzfristigen und langfristigen Mobilität unterscheiden. Ein Arbeitsplatzwechsel ist kurzfristig. Vielleicht folgt darauf irgendwann ein Wechsel des Wohnorts. Und bei einem Umzug nimmt laut der Studie die Pendeldistanz wieder ab. Da kann auch die Verkehrspolitik ansetzen. Ein intelligentes Zuzügermanagement ist zentral: Man kann Neuzuzügern etwa sagen, wo die nächste Bushaltestelle liegt oder wie sie clever pendeln. Oder die Firmen geben Arbeitssuchenden den Vorzug, die näher zum Arbeitsort wohnen.

Die Distanz, die Pendler zurücklegen, nimmt im Verlauf der Lebensjahre im Schnitt zu. Wieso?
In früheren Jahren nutzt man häufig den ÖV oder die eigenen Füsse. Später, wenn man einer Arbeit nachgeht, nimmt das Auto an Beliebtheit zu. Damit steigt auch die Mobilität und damit die Distanzen. Hinzu kommt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Arbeitsplatzwechsels, der laut Studie die Pendeldistanz erhöht, mit der Zeit steigt.

Frauen pendeln laut der Studie weniger weit und wechseln seltener die Stelle. Woran liegt das?
Die Erwerbsbiografien von Männern sind generell länger. Frauen legen häufiger Pausen ein und übernehmen nach wie vor mehr Erziehungsarbeit. Männer arbeiten weniger Teilzeit. Das heisst, dass ihr Leben stärker der Arbeit zugewandt ist und dass sie auch mehr reisen und flexibler auf neue Jobangebote reagieren können. Gesamtgesellschaftlich erhöht die Immobilität der Frauen die Mobilität der Männer.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Baslerbebbi am 05.10.2017 08:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tolles System.

    Ein Nachbar (Sanitär) muss jeden Tag von Basel nach Winterthur. Er ist 56, was bleibt ihm übrig, so ist unser System. Geht er nicht, wird er vom Staat enteignet.

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  • S. Egli am 05.10.2017 08:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So ein Schwachsinn

    So ein Schwachsinn - unser Regierung hat einfach versagt und wir haben keine guten Jobs da wo wir leben. Ein Problem was vieles lösen würde...

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  • Karl Nickel am 05.10.2017 08:36 Report Diesen Beitrag melden

    Selber schuld

    Die Bundesbetriebe habe in Bern (Swisscom Bern Ittigen) und Olten (SBB) zentralisiert, dass ist das Problem. Ökologischer und ökonomischer Schwachsinn! Den Angestellten bleibt gar nichts anderes übrig! Ich würde mich nie 40 Stunden im Monat in den Zug setzen (2 Stunden täglich X 20 Arbeitstage), dann lieber weniger verdienen dafür mehr Zeit und Lebensqualität!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Martial2 am 05.10.2017 19:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es wird nicht besser, leider...

    Es ist nichts neues, wenn man nichts anderes in der Nähe bekommt, muss man solche Arbeitswege in Kauf nehmen... Das ergibt alltäglich 12 - 14 Stunden Tag weg von zuhause... Auf die Dauer gehts an die Substanz!

  • Fammivolare am 05.10.2017 17:32 Report Diesen Beitrag melden

    Finde den Fehler

    .... und die Höchstqualifizierten und Nochbesserbezahlten überqueren dabei noch eine Grenze, weil die CH- Bevölkerung Bildung für überbewertet hält.

  • nur gschäll am 05.10.2017 17:24 Report Diesen Beitrag melden

    korrektur:

    sorry, "müssen in kauf nehmen", müsste es heissen :). und bevor wieder ein superschlauer mit "musst umziehen halt" kommt: unsere Politiker sprechen ja eiskalt von; "es gibt kein menschenrecht in zürich, zug, zentren, etc. eine annähernd bezahlbare wohnung zu kriegen, da zu wohnen (oder auch nur schon als einheimischer behalten und bezahlen zu können!!), also.

  • stefan am 05.10.2017 16:21 Report Diesen Beitrag melden

    wohnmöglichkeiten

    gibt es ausreichend wohnungen bei den arbeitsplätzen, die auch klein- und normalverdiener ohne zweitjob zahlen können?

    • Zuger am 05.10.2017 17:27 Report Diesen Beitrag melden

      Grosse Mehrheit führender ZugerPolitiker

      Zitat: "Das Problem mit zuwenig bezahlbarem Wohnraum für die Bevölkerung, wird masslos überdramatisiert, und ist inexistent" (sic)

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  • öv benutzer am 05.10.2017 16:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ist halt so

    mmmmhhh, ja. jeder der in einer etwas grösseren stadt wohnt und dort etwas ausserhalb und mit tram und bus unterwegs ist, hat schnell mal 45 min pro arbeitsweg. ist ja jetzt nicht so wild.