Inkontinenz

05. Juli 2017 05:46; Akt: 05.07.2017 10:10 Print

«Drei 10-Jährige waren mit Windeln im Klassenlager»

Immer mehr Kinder würden bis ins Schulalter Windeln tragen, weil diese immer komfortabler seien, beobachtet eine Therapeutin. Eine Ärztin widerspricht.

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Grossbritannien hat eine Töpfchen-Krise. Lehrer berichten, dass immer mehr Kinder zu Schulbeginn noch nicht allein aufs Klo gehen können und Windeln tragen müssen. Laut dem britischen Lehrerverband gehen die Kinder im Schnitt erst mit dreieinhalb Jahren allein auf die Toilette, vor 50 Jahren betrug das Durchschnittsalter noch 15 Monate.

Umfrage
Wann haben Sie gelernt, alleine auf die Toilette zu gehen?
8 %
24 %
30 %
12 %
3 %
1 %
1 %
7 %
14 %
Insgesamt 11327 Teilnehmer

Diesen Trend beobachtet auch die Schweizer Therapeutin Rita Messmer. «Ich habe in letzter Zeit viele sehr krasse Fälle in meiner Praxis behandelt: einen Elfjährigen, der sogar sein grosses Geschäft in der Windel verrichten muss, und einen 14-Jährigen, der immer noch nicht trocken ist.» Auch das Bettnässen sei ein zunehmendes Problem. «Ich weiss von einer Klasse, in der drei Zehnjährige mit Windeln ins Klassenlager gegangen sind.»

«Weil Windeln saugstark sind, bleibt kein unangenehmes Gefühl»

Auch Kinder- und Jugendpsychiater Ulrich Fischer stellt eine Tendenz zum längeren Windeltragen fest. «Früher, als es nur Stoffwindeln gab, wollten die Eltern die Kinder möglichst schnell ans Töpfchen gewöhnen, um die Windeln nicht mehr waschen zu müssen. Heute ist es hingegen einfacher, weiterhin Windeln zu verwenden, als den Kindern den eigenständigen Gang aufs WC beizubringen.» Dies sei aber eher bei Kindergärtlern ein Problem. Fischer plädiert dafür, nicht aus Bequemlichkeit die Sauberkeitserziehung zu lange aufzuschieben. «Für junge Kinder ist es ein wichtiger Autonomieschritt, der positiv erlebt wird.»

Grund der Entwicklung sind für Messmer die Windeln, die immer saugfähiger und bequemer seien. «Niemand mag gern in seinen eigenen Ausscheidungen liegen, und so wollen die Kinder schnell eigenständig aufs Töpfchen. Doch wenn die Windeln so saugstark sind, bleibt kein unangenehmes Gefühl.» Dies führe dazu, dass die Kinder einfach laufen lassen, wenn sie Druck oder Harndrang verspüren. «Die Körperfunktionen, welche die Ausscheidungen zurückhalten, werden nicht mehr trainiert. Das führt dazu, dass man diese dann später mühsam erlernen muss.»

Schon Säuglinge ohne Windeln?

Die Therapeutin warnt vor einer Epidemie. Dieses Problem werde zunehmen: «Es gibt immer mehr Windeln für grössere Kinder im Detailhandel, und Verkäuferinnen sagen mir, die gehen weg wie warme Weggli.» Sie plädiert deshalb dafür, schon Säuglinge von der Windel zu befreien und sie aufs Töpfchen zu setzen und zu halten, bis sie ihr Geschäft verrichtet haben. «Das kann man ab dem ersten Tag nach der Geburt machen, denn die Säuglinge befinden sich in einer sensiblen Phase.» Wenn es so weit sei, würden die Babys Signale geben. «Das ist ein leichtes Unruhigwerden, Weinen oder Absetzen beim Stillen.» So würden die Babys von Anfang an lernen, dass ihr Geschäft aufs Töpfchen gehört. «In anderen Kulturen tragen die Kinder auch keine Windeln, und es funktioniert.

Nichts von den Theorien der Therapeutin Messmer hält die Ärztin Regula Doggweiler vom Kontinenzzentrum Hirslanden. «Dass Kinder im Schulalter noch Windeln brauchen, kommt immer mal wieder vor, zugenommen haben die Fälle in meinen Augen nicht.» Auch seien nicht etwa besonders saugfähige Windeln dafür verantwortlich. «Die sind sehr unbequem und tönen beim Laufen, den Kindern im Schulalter sind sie zudem unglaublich peinlich.»

«Windeln zu tragen ist nicht schädlich»

Eine Inkontinenz in diesem Alter könne verschiedenste Gründe haben. «Etwa ein Nervensystem, dass die Blase nicht richtig kontrollieren kann, oder Probleme im persönlichen Umfeld, die eine psychische Reaktion verursachen.» Sei ein Kind mit etwa vier Jahren noch nicht trocken, solle man dies mit einem Arzt besprechen.

Bereits Säuglinge aufs Töpfchen zu setzen, habe aber keinen Sinn. «Ein bis zwei Jahre Windeln zu tragen, ist völlig normal und überhaupt nicht schädlich. Wenn das Kleinkind selbst die Windeln auszieht, kann man es mit dem Töpfchen versuchen.»

(the)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • S. Elbständig am 05.07.2017 06:31 Report Diesen Beitrag melden

    Epidemie

    Es gibt zu viele Therapeuten und Therapeutinnen.

  • Jon Snow am 05.07.2017 06:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Faulheit

    So ein Mist. Was hat das mit der besseren Saugstärke zu tun!? In einem gewissen Alter sollten die Gehirnwindungen genug Intelligenz aufweisen, dass ein 'normaler' Mensch eigenständig aufs Töpfchen geht. Die Eltern machen es ja vor! Oder machen diese auch noch in die Windeln?! Das ist pure Überverwöhnung und Faulheit der Eltern (welche wahrscheinlich nicht einmal viel Zuhause sind). Gesellschaftsproblem der heutigen Zeit.

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  • Pralinchen am 05.07.2017 06:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Also

    10 Jährige die nachts noch nicht trocken sind, sind nichts ungewöhnliches...aber tagsüber ist das echt nicht mehr normal. Das Eltern ihre Kinder nicht mal mehr zzm sauber werden erziehen können ist typisch für diese Generation..Das Kind ist König und darf machen was es will...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Lyria am 05.07.2017 13:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Töpfchentraining nicht immer das Gelbe vom Ei

    Wir hatten zwar ein Töpfchen, aber die Kinder wollten das nicht benutzen. Sie wollten wie die Erwachsenen auf das "Grosse" WC gehen. Habe dann einen Verkleinerungsring für das WC gekauft und das hat tip top geklappt. Die Kinder waren stolz das Grosse WC benutzen zu können und ich froh keine Windeln mehr wechseln zu müssen.

  • Vater am 05.07.2017 13:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    @ alle "Experten"

    Wir haben einen 8 Jährigen Sohn, der noch ins Bett macht, am Tag ist es seit er 1,5 ist kein Problem. Wir waren schon bei zig Ärzten, sprich: Urologen, Alternativ Medizinern, Psychologen... Haben zuerst versucht Druck (weil wir dachten er wäre zu faul) auf ihn zu machen.. Bringt nichts.. Dann verschriebene Hormone.. Brachte leider auch nichts... Jede nacht 2 mal wecken... Ohne erfolg (ausser das wir alle total genervt und entkräftet waren)... Pipi wecker.. Das geld kann man sich sparen.. Trotz allen bemühungen leidet er und wir immernoch. Der Rat der Ärzte: Abwarten das wird sich rauswachsen.. Also warten wir Belohnen ihn für 5 Tage nacheinander Trocken und sind und bleiben Stolz auf unser Kind! Er hat super Freunde in der Schule, die wissen es, aber er darf jederzeit bei ihnen Übernachten. FAZIT... Lasst mal das mit alle in einen Topf schmeissen. Von wegen Eltern ist es egal, erziehung vernachlässigt und solch Schwachsinn. Ist für die Eltern auch nicht einfach (nicht nur für die Kinder)!

  • MarryPoppins am 05.07.2017 12:49 Report Diesen Beitrag melden

    Leistungsorientiert ab Geburt

    Mit Druck und Unverständnis läuft beim Thema Bettnässen gar nichts! Weshalb wohl wird eingenässt? Entweder weil der Druck der Eltern (krampfhaftes mein Kind ist besser und kann schon alles Getue) zu gross ist oder weil das Hormon einfach noch nicht gebildet wird im Körper. Seid mal entspannter. Vieles kann nicht anerzogen werden. Aber was anerzogen werden kann ist Anstand, Hilfsbereitschaft, Toleranz.. Seid doch bei diesen Themen etwas strenger;-)

  • Monika am 05.07.2017 12:44 Report Diesen Beitrag melden

    Die Welt ändert sich nicht nur zum Besseren

    Tja. Beruf der Hausfrau stirbt aus. Früher blieb die Mutter zu Hause und kümmerte sich um solche Sachen. Heute hat niemand mehr Zeit. Weder für die vorige Generation, noch für die Folgende. Soll Karriere machen, wer möchte, aber das Familienmodell sollte erhalten werden. Und das braucht auch die Unterstützung des Staates. Irgendwann sitzen alle allein. Kaputte Familien, verstörte Kinder, verbitterte alte Menschen. Aber kann eben auch krankheitsbedingt sein. Mein Kind hatte mit 5 Jahren noch nachts Probleme. War ständig nass. Die Harnröhre wurde operativ geschlitzt, danach keine Probleme mehr

  • Mutter alte Sorte am 05.07.2017 12:35 Report Diesen Beitrag melden

    Mal angenommen, es hat keinen

    psycho-somatischen Hintergrund, dann sind vor allem die Eltern schuld. Man will Kinder - nur keine Verantwortung/ oder Arbeit mit ihnen. Sofort ab in die subventionierte Krippe und damit man sich nicht um Windeln wechseln und Popo reinigen kümmern muss, legt man einfach spezielle Windeln an und schickt die Kinder so weg. Aus den Augen aus dem Sinn. Und liegt ein psycho-somatischer Fall vor, dann gehört das Kind (und die Eltern) in Behandlung. Für das Kind ist doch einnässen und -koten in der Öffentlichkeit eine Blamage, wird gehänselt und das kann sich zusätzlich negativ auf das Kind auswirken