Gewalt gegen Kinder

06. Oktober 2017 21:15; Akt: 07.10.2017 03:55 Print

«Ein Fudiklaps ist sinnlos, schadet aber nicht»

Braucht es strengere Gesetze, um Gewalt gegen Kinder zu verhindern? Die Politiker sind sich nicht einig.

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Jedes fünfte Kind in der Schweiz wird von seinen Eltern verprügelt, mit Fusstritten und Schlägen traktiert oder mit Gegenständen geschlagen. Weitere 42 Prozent erleben laut einer Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften leichte Gewalt wie eine Ohrfeige oder Stossen. Besonders oft schlagen Eltern aus niedrigen sozialen Schichten oder mit Migrationshintergrund aus Portugal oder dem Balkan zu.

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Braucht es ein explizites Verbot von Strafen wie Ohrfeigen?

SP-Nationalrätin Chantal Galladé ist über die Zahlen schockiert. «Nein. Wirklich? So hoch?», fragt sie, als die Zeitung «Nordwestschweiz» sie anruft. Bereits in der Vergangenheit setzte sich Galladé dafür ein, dass auch leichte Tätlichkeiten wie eine Ohrfeige verboten werden, in der Schweiz sind diese momentan erlaubt (siehe Box). Sie reichte eine entsprechende Motion im Parlament ein, die jedoch abgelehnt wurde.

Galladé plant neuen Vorstoss

Nun plant sie einen neuen Vorstoss, der ein Verbot leichter Tätlichkeiten an Kindern im Zivilgesetzbuch festschreiben soll. Das Verbot solle an Präventionsmassnahmen, vielleicht an eine Kampagne geknüpft werden. «Ich bin mir sicher, ein Bewusstsein lässt sich eher schaffen, wenn wir den Eltern sagen können: ‹Hey, es ist in der Schweiz verboten, dein Kind zu schlagen›», sagt Galladé.

Fraktionskollegin Yvonne Feri, die auch Präsidentin der Stiftung Kinderschutz Schweiz ist, unterstützt Galladés Vorhaben im Endziel. «In Schweden hat man Gewalt in der Erziehung von Kindern explizit verboten, die Zahlen sind sofort deutlich gesunken.» Zu dem Verbot habe es dort eine Präventions- und Sensibilisierungskampagne gegeben. Für Feri ein Element, das es zu politischen Forderungen zwingend braucht, in der Vergangenheit hierzulande aber fehlte. «Es braucht mehr Mittel, damit beispielsweise Gemeinden Kurse für werdende Eltern anbieten können. Dort können sie lernen, wie sie mit dem Kind auch in stressigen Situationen richtig umgehen können.»

«Ein neues Gesetz bringt nichts»

Gegen ein Züchtigungsverbot im Gesetz stellt sich die ehemalige Kindergärtnerin und SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler. «Ein neues Gesetz bringt nichts. Tätlichkeiten stehen bereits heute unter Strafe. Wer sein Kind schlägt, kann dafür verurteilt werden.» Ein allfälliges neues Verbot betreffe höchstes einen Klaps aufs Hinterteil. «Ein Fudiklaps ist zwar keine sinnvolle Erziehungsmassnahme, schadet dem Kind aber auch nicht.»

Viel eher braucht es laut Geissbühler Angehörige, Nachbarn und Kinderbetreuer, die genau hinschauen. «Blaue Flecken sind ein Alarmsignal, bei dem man nachfragen und gegebenenfalls die Polizei informieren sollte.» Auch sie ist für eine bessere Information der Eltern, etwa durch Informationsbroschüren. «Gleich nach der Geburt sollte man ihnen eine Broschüre in die Hand drücken, in der Hilfsangebote aufgelistet sind. In schwierigen Situationen müssen überforderte Eltern diese Angebote in Anspruch nehmen.»

Bundesrat will keine Neuregelung

Auch der Bundesrat stellt sich gegen ein neues Verbot. «Es passiert nichts – nicht im negativen und leider auch nicht im positiven Sinn –, wenn Sie das Züchtigungsverbot ins Gesetz schreiben», sagte Justizministerin Simonetta Sommaruga in der Parlamentsdebatte zu Galladés altem Vorstoss.

Der Anspruch von Kindern und Jugendlichen auf besonderen Schutz ihrer Unversehrtheit sei bereits in der Bundesverfassung verankert, und zwar in Artikel 11 Absatz 1: «Kinder und Jugendliche haben Anspruch auf besonderen Schutz ihrer Unversehrtheit und auf Förderung ihrer Entwicklung.»

Daraus leite man heute explizit ein Grundrecht auf gewaltfreie Erziehung ab. Der Bundesrat sei der Meinung, dass es angesichts dieser Rechtslage nicht notwendig sei, das Zivil- oder Strafrecht jetzt noch zusätzlich zu ändern. Gewalt in irgendeiner Form habe aber natürlich in der Erziehung keinen Platz.

(the)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hr Schmidt am 06.10.2017 22:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grenzenlos

    Habe hin-und wieder mal einen Klaps eingefangen. Es hat mich dazu gebracht, mit meinem nervigen Blödsinn aufzuhören. Geschadet hat es nichts. Was ich als viel schlimmer betrachtet habe war, wenn nicht mit mir geredet wurde, bis ich mich entschuldigt hatte. Man soll und muss Kindern Grenzen setzen und wenn halt alles andere nicht funktioniert, darf's ruhig ein Klaps sein. Sonst lernen unsere immer verwöhnteren Kinder niemals, wo wirklich Schluss ist. Ich finde es bedenklich, dass Kinder heutzutage herumkalbern dürfen wann und wo sie wollen und alle Anderen stören. War zu meiner Zeit undenkbar.

  • Thoms am 06.10.2017 21:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wenn nichts mehr hilft

    Ein Fudiklaps, kann ein Stopp bewirken, wenn das Kind überhaupt nicht mehr erreichbar ist und nur noch seinen Kopf durchsetzt. Kommunikation ist da nicht mehr möglich. Kinder brauchen etwas Autorität, um auch später den nötigen Respeckt zu haben. Wichtig ist für mich, das mass zu halten und auch nur wenn nicht anders möglich. Ansonsten ist es tatsächlich Kindsmisshandlung.

  • Negan am 06.10.2017 21:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hallo Ecke

    Diverse seltene Ohrfeigen, Fudidätsch und einmal in der Ecke stehen hatten wir als Bestrafung. Kinder können furchtbar nerven und sehr frech werden, da muss man die Autorität durchsetzen können. Nicht verprügeln, aber wenn der sonst liebe Vater mal eins auf die Wange klatscht, schadet es nicht. Sonst würde ich die Eltern heute sicher nicht mehr sehen wollen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Anonym am 07.10.2017 09:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein Zeichen der Schwäche

    Es schadet den Kindern in der Seele. Und es ist ein Zeichen der Schwäche wenn Erwachsen das mit ihren Kindern machen. Weil sie keine anderen Lösungen finden oder haben. Angenommen die Kinder machen einen Blödsinn : Mit dem Kind reden das war jetzt nicht so gut. Erklären warum das nicht so gut ist .Damit es versteht .

  • Erzieherin am 07.10.2017 09:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie erziehe ich meine kinder richtig?

    Ich finde man soll den eltern beibringen wie erziehe ich meine kinder richtig? Wie sollen es die eltern wissen, wenn sie dies nicht gelernt haben? Wie sagt man soo schön kinder machen ist sehr einfach! Viele sind überfordert bei der erziehung, Setzen keine grenzen, lassen die kinder machen was sie wollen und sie dürfen überalles mitentscheiden! Am Ende haben die Kinder die Eltern im griff! Die Eltern wissen nicht mehr weiter und wenden gewalt an. Sobald man schlägt hat man verloren, dass heisst ich bin übervordert weiss nicht mehr wie weiter.

  • Verschwöribus am 07.10.2017 09:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mittelalter

    Gewalt ist sinnlos

  • AME am 07.10.2017 09:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ohnmacht

    Stimmt doch nicht - es ist eine Machtdemonstration... wollen wir den Kindern Macht vorleben und weiterhin in Macht oder Ohnmacht auf dieser Welt leben... ???

  • Toni. S. am 07.10.2017 09:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    No Go..

    Finde ich nicht, Schlagen ist für mich ein No Go.. Selber zwei Kinder grossgezogen und nicht einmal geschlagen, ja es braucht Nerven. Zuschlagen ist ein Zeichen von Schwäche..Wer zuschlägt betrachte ich als Versager..