Prämienschock

29. September 2017 05:46; Akt: 29.09.2017 05:46 Print

«Eine Franchise von 5000 Franken würde helfen»

Wie kann der Prämienanstieg gestoppt werden? Für Comparis-Experte Felix Schneuwly braucht es eine bessere Information der Patienten – und mehr Eigenverantwortung.

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Herr Schneuwly, auch 2018 steigen die Prämien un 4 Prozent. Wer trägt die Hauptschuld? Die Politik oder die Versicherten?
Der Anstieg ist bei anderen Modellen als dem Standardmodell mit einer Franchise von 300 Franken noch stärker. Dafür gibt es nicht einfach einen Schuldigen: Patienten, die bei jeder Bagatelle in den Notfall rennen, Ärzte, die unnötige Behandlungen verschreiben, untaugliche politische Rezepte. Zwar steigen die Gesundheitskosten in jedem industrialisierten Land, aber wir müssen uns fragen, ob wir die gleiche Qualität nicht auch günstiger haben könnten.

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Wer ist schuld an den immer höheren Prämien?

Was wären denn die richtigen Rezepte gegen die Prämienexplosion?
In der Schweiz werden zu viele Untersuchungen und Eingriffe gemacht, die nicht notwendig sind. Eine bessere Information der Patienten würde schon viel bringen. Viele würden am Lebensende wohl auf die eine oder andere teure Therapie verzichten, wenn sie wüssten, dass sich dadurch das Leben nur marginal verlängert, und dass auch die Lebensqualität nicht ihren Erwartungen entspricht.

Hinzu kommt, dass es heute ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Versicherungen und Ärzten gibt: Die Krankenkassen können nicht kontrollieren, welche Leistungen tatsächlich erbracht wurden. Für die Patienten sind Arzt- und Spitalrechnungen zu kompliziert. Darum sollten sie nach einer Konsultation eine in einfachen Worten gehaltene Leistungsübersicht vorgelegt bekommen und unterschreiben. Im Restaurant kontrolliert man die Rechnung ja auch.

Muss auch die Eigenverantwortung bei den Versicherten gestärkt werden, etwa mit einer höheren Wahlfranchise von 5000 Franken?
Ja, eine solche Franchise würde helfen. Sie setzt einen Anreiz, nicht bei jeder Bagatelle den Notfall oder einen Spezialarzt aufzusuchen. Es gibt aber auch Leute, die eine hohe Franchise nicht verkraften. Deshalb sollten die Kantone jetzt nicht die Prämienverbilligungen kürzen, sondern gezielter denen geben, die sie tatsächlich brauchen.

Der Bund will 2018 mit Korrekturen beim Ärztetarif 470 Millionen Franken einsparen. Das heisst, dass die Ärzte gewisse Behandlungen günstiger anbieten müssen. Wird das funktionieren?
Nein, befürchte ich. Schon 2014 hat Herr Berset die Tarife der Hausärzte erhöht und jene der Spezialärzte gesenkt – die Spezialärzte haben das Geld einfach anderswo wieder reingeholt. Es braucht ganz neue Ansätze. Heute wird einfach die Menge der Leistungen abgerechnet. Dürften Ärzte aber nur noch jene Behandlungen abrechnen, die auch erfolgreich waren, würden die Kosten sinken.

Herr Berset sagt, dass seine Massnahmen den Prämienanstieg gedämpft haben.
Er treibt ein gefährliches Spiel. Der Bund hat die Kassen aufgefordert, die Einsparungen bei den Prämien einzurechnen. Klappt es nicht, steigen die Prämien 2019 umso stärker. Ich zweifle an der These, dass die bisherigen Massnahmen der Politik überhaupt etwas genutzt haben. Das Kosten- und Prämienwachstum beträgt jedes Jahr etwa vier Prozent.

Könnte man auch bei den Kassen sparen?
Die Arbeit der Kassen kostet die Versicherten inklusive Kundenwerbung etwa 160 Franken pro Kopf und Jahr, also etwa gleich viel wie bei der AHV. Überzogene Provisionen für Versicherungsvermittler und aggressive Werbung sind jedoch für viele Leute ein Ärgernis. Hier sollten die Kassen über die Bücher, wollen sie nicht der Einheitskasse den Weg ebnen.

Eine Volksinitiative der SP verlangt, dass die Prämien bei einem Haushalt maximal zehn Prozent des Einkommens auffressen dürfen. Was halten Sie davon?
Die immer höheren Rechnungen sind für viele ein Problem. Ein Plafond würde zwar den Mittelstand entlasten, aber die Eigenverantwortung schwächen. Der alljährliche Ärger über höhere Prämienrechnungen führt dazu, dass sich jeder Einzelne fragt, ob eine Behandlung wirklich nötig ist.

(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • cycling_alex am 29.09.2017 06:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stoppt die Pharmalobby

    Von wegen mehr Eigenverantwortung mittels Franchise von 5000chf! Wenn ich in der Schweiz ein Medikament verschrieben bekomme, dass in Deutschland oder Frankreich nicht einmal ein Fünftel des Preises ausmacht. Ich wüsste ganz genau wo man sparen kann. Schafft endlich die Pharmalobby ab. Schaut euch nur mal die Preisentwicklung für Aspirin an. Und seitdem es auch gut fürs Herz ist ist der Preis nochmals angestiegen.

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  • Selbstsparer am 29.09.2017 06:00 Report Diesen Beitrag melden

    Alles selbstbezahlen

    Bei einer Francise von 5000.- plus monatlicher KK-Prämie zahle alles selbst. Da brauche ich keine Kk mehr sondern mache einen Dauerauftrag auf einem separaten Konto.

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  • Bsm2429 am 29.09.2017 06:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum nicht......

    Franchise von 5000.- ja genau warum nicht.....hat ja jeder auf dem Sparkonto oder unterm Kopfkissen, um die rechnungen gleich zu bezahlen.... neuer trend in der schweiz...Extremsparen für die Arztkosten. Da freut sich dann das Betreibungsamt, weil die Rechungen nicht bezahlt werden können.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Jonas Meier am 01.10.2017 19:54 Report Diesen Beitrag melden

    Weg mit dem Schrott

    Wer die Prämie selber zahlen muss wählt doch schon heute die höchste Franchise, es ist egal ob die 2000 oder 5000 Franken beträgt. Und jeder der so eine Franchise hat geht nur zum Arzt wenn es nötig ist, denn er berappt diesen ja selbst! Das Problem sind diejenigen, denen die Prämie bezahlt wird - da interessieren die Kosten eben nicht. Bitte führt doch gleich eine Franchise von 250'000 Franken ein, dann muss ich diese verdeckte Sozialsteuer nicht mehr berappen.

  • marco am 01.10.2017 10:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    5000fr franchise

    Eine Franchise von 5000fr. Da brauche ich keine Krankenkasse mehr. bezahle ich alles selber

    • roger am 01.10.2017 20:00 Report Diesen Beitrag melden

      Naja...

      Bei 5000 Franken liegt wohl keine Krebsbehandlung, kein Herzinfarkt und wohl auch sonst nicht viel drin, was eine OP und einen Aufenthalt von mehr als 3 Tagen im Spital erfordert. So gesehen, Du versicherst genau die Risiken, die Du eben nicht selbst bezahlen kannst und das wäre auch richtig so...

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  • ribu1386 am 30.09.2017 18:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unsinn 5000Chf

    Für was bezahle ich monatlich die KK Prämie wenn ich schlussendlich eh alles selber zahlen muss.? Das Ganze nervt nur noch. Habe 2 Kinder und kann das Geld auch anderswo gebrauchen.

  • A. Ferkel am 30.09.2017 18:13 Report Diesen Beitrag melden

    Lösungsvorschlag

    Jeder darf wählen. Für rund 50 % der Bevölkerung eine durch die Prämien gedeckete Einheitskasse, bei welcher die Bundespolitik weiterhin das Sagen hat. Für die anderen verschiedene privatwirtschaflichen Kassen, bei welchen sich der Bund bei der Wahl / Kassenvorgabe betreffend Leistungsanbietern heraushält. Fünf Jahre später möchte ich die Prämien vergleichen.

  • S@m.W am 30.09.2017 18:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Minimal Lohn!?!

    Ich Frage mich gerade wer 5000.- einfach so auf der Seite hat wenn er mal ne Behandlung hat die eine Franchise übersteigt...