Krank im Strassenverkehr

18. Juli 2017 20:46; Akt: 18.07.2017 20:46 Print

«Einen Anfall zu erkennen, ist schwierig»

Ein Beifahrer musste ein Fahrzeug in eine Leitplanke steuern, weil der Fahrer einen epileptischen Anfall hatte. Vorhersehbar sind solche Anfälle nicht.

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Ein 33-Jähriger hat letzte Woche als Beifahrer einen Lieferwagen in einen Autobahnteiler gesteuert, weil der Fahrer einen epileptischen Anfall hatte und immer weiter aufs Gas drückte. Ob er von der Krankheit wusste oder erstmals einen Anfall erlitt, ist nicht klar.

Das Problem: Es können auch einmalige Anfälle auftreten. «Geschätzt wird, dass rund fünf bis zehn Prozent der Menschen in ihrem Leben mindestens einmal einen epileptischen Anfall haben», sagt Julia Franke, Geschäftsführerin der Schweizerischen Epilepsie-Liga. In der Schweiz litten rund 70'000 bis 80'000 Personen an Epilepsie.

«Von Person zu Person verschieden»

Im Vergleich zu Herzkrankheiten oder Sekundenschlaf, die im Strassenverkehr zu ähnlich gefährlichen Situationen führen können, gelten bei Epilepsie strenge Regeln. «Halten sich Epilepsie-Betroffene an die Regeln, ist die Unfallgefahr deutlich geringer als etwa bei einem männlichen Junglenker», sagt Franke.

Manche spürten, wenn sich ein Anfall anbahne, weshalb es nicht immer zu einem Unfall kommen müsse. «Das ist jedoch von Person zu Person verschieden.» Es gibt unterschiedliche Formen von Epilepsie. Bekannt ist jene, bei der man Krampfanfälle erleidet. «Es gibt aber auch solche, die sich zum Beispiel durch Absenzen bemerkbar machen. Die Person reagiert dann einfach nicht mehr», so Franke.

Nicht immer ist ein Arzt nötig

Trotzdem könnten sich Anfälle etwa in Form von Kribbeln in den Extremitäten oder Unwohlsein ankündigen. «Das ist sehr individuell.» B. habe kaum Chancen gehabt, den Anfall kommen zu sehen. «Von aussen ist es sehr schwierig, das zu erkennen. Da müsste man die Person sehr gut kennen», erklärt Franke.

Hat jemand einen epileptischen Anfall, sollte man nicht zu viel machen. «Man sollte die Person vor Verletzungen schützen, ihr nichts in den Mund legen und die Dauer des Anfalls messen», so Franke. Bei bekannter Epilepsie brauche es nicht immer einen Arzt – oft genüge es, die auf der Notfallkarte angegebene Person zu verständigen. Nur wenn jemand länger als drei Minuten «krampfe» oder verletzt sei, handle es sich um einen Notfall.

«Wusste er davon, wäre das fahrlässig»

Passiert dies jedoch, während der Betroffene ein Fahrzeug lenkt, muss der Beifahrer reagieren, wie Rechtsanwalt Sandro Imhof, Experte für Strassenverkehrsrecht, erklärt. Im aktuellen Fall konnte B. so verhindern, dass das Auto etwa von der Fahrbahn abkommt oder in andere Fahrzeuge prallt. Somit hat er trotz einer Verletzung der Verkehrsregeln eine schlimmere Situation verhindert und dürfte damit aufgrund eines rechtfertigenden Notstands straffrei davon kommen.

Beim Fahrer selbst komme es darauf an, ob er von den Anfällen gewusst habe. «War ihm das nicht bewusst, ist mit der Einstellung des Strafverfahrens zu rechnen.» Dann ordne allerdings das Strassenverkehrsamt in der Regel eine Abklärung der Fahreignung an. «Wusste er, dass er einen Anfall bekommen könnte, wäre das Fahren eines Motorfahrzeugs grobfahrlässig, insbesondere wenn er sich nicht vorgängig von einem Arzt untersuchen liess.»

5611 Ausweisentzüge in einem Jahr

Oft werde die fehlende Fahreignung aufgrund von Krankheiten aber erst nach einem Unfall vom Strassenverkehrsamt festgestellt. Das gilt auch etwa bei Diabetes oder Sekundenschlaf. «Oft lenken auch Personen mit solchen Krankheiten ein Auto, ohne sich der Gefahr für sich und andere bewusst zu sein», sagt Imhof. Deshalb haben auch Ärzte oder allenfalls Drittpersonen das Recht, bei solchen Krankheiten das Strassenverkehrsamt zu informieren.

Gemäss der Vereinigung der Strassenverkehrsämter der Schweiz wurden in der Schweiz im vergangenen Jahr 5611 Ausweise wegen Krankheit oder Gebrechen auf unbestimmte Zeit entzogen. 2980 der Betroffenen waren über 70 Jahre alt.

*Name der Redaktion bekannt

(vro)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lexie am 18.07.2017 21:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verantwortung übernehmen

    Es gibt med. Vorfälle, die wirklich nichts und niemand vorhersehen kann. Aber es gibt auch Fälle wo es an uns liegt, verantwortungsvoll zu handeln. Ich leide an einer Erkrankung, die mir ziemlich überraschend die Konzentration völlig nehmen kann, einfach formuliert. Ohne Medikamente dürfte ich Autofahren, aber das werde ich nicht. Wegen meiner Faulheit, die mich hindert ÖVs zu nutzen, oder meiner eigenen "passiert schon nix" Einstellung soll niemals ein anderer Mensch oder ein Tier verletzt werden oder gar sein Leben verlieren!

  • Pete G. am 18.07.2017 21:08 Report Diesen Beitrag melden

    Was wäre die richtige Reaktion?

    Was wäre die richtige Reaktion als Beifahrer? Motor ausschalten? (Lenkung funktioniert evtl. nicht mehr...) Handbremse ziehen? Was soll man tun in einem solchen Fall?

    einklappen einklappen
  • Antje van Rojen am 18.07.2017 21:50 Report Diesen Beitrag melden

    Auch ohne Epilepsie.

    Vor meinem offenen Küchenfenster im 2. Stock hing plötzlich ein wimmernder Handwerker in der Luft an der Dachrinne und klammerte sich verzweifelt fest. Ich zerrte den korpulenten Mann am Übergwändli durchs offene Fenster in die Küche, dort fielen wir beide erschöpft zu Boden. Der Mann war Maler, sein liederlich aufgestelltes fahrbares Arbeitsgerüst rutschte ihm unter den Füssen weg und stürzte um. Wie ich mit meinen 50 kg und 1.62 m Grösse diese Aktion überhaupt schaffte, verstehe ich bis heute nicht, Hauptsache es gelang.

Die neusten Leser-Kommentare

  • jane77 am 19.07.2017 10:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wichtig

    mein Mann hat mir aufgrund des gestrigen Artikels erklärt was ich tun muss wen er wegnickt aus irgend welchen Gründen. habe auch keinen Ausweis und jeder der Beifahrer ist sollte wissen wie man reagieren muss

  • Bürger am 19.07.2017 07:17 Report Diesen Beitrag melden

    Krank 2.0

    Wer gesund ist kann ( so wie ich ) locker auf kranke herumhacken...Verantwortung,Gesundheitscheck....etc. bis man mal selber betroffen wird, dann wird laut gejammert...ist unfair oder was. Viele kranke sind auf das Auto angewiesen, es gibt auch nicht immer tolle öv verbindungen. Aber warum sind heuto soviele Krank ??? Arbeit,Stress, Industie Food....das wird bewusst von der Politik totgeschwiegen, da ist handlungsbedarf von nöten. Einerseits erwartet man topfitte gesunde Autofahrer und anderseits darf man nicht krank werden, ( wie denn ? ) 5 er und das Weggli gibt es halt nicht.....

  • Herz am 19.07.2017 07:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anfall

    Apropos Betroffene und Epilepsie...kann es auch anders ablaufen ! Ich hatte damals den 1. Anfall je in meinem Leben am Steuer...Riesenunfall ! Danach die 1. Frage: "Hatten Sie Fieberkrämpfe als Kind ? " Temporallappenepilepsie... Fieberkrämpfe können Narbe hinterlassen...häufigste Form bei Erwachsenen...Form wo bei vielen Medikamente nicht helfen ... Riesen-Operation...es hiess nie mehr...nach 1 Jahr Anfallsfrei und verschiedenen Testen darf man wieder Autofahren nach 9 Jahren wieder am Steuer plötzlich Ohnmächtig ...nur noch viel schlimmer, grosse Anfälle...wieder Entscheid ...Operation...

  • Anonym am 19.07.2017 06:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Diabetiker

    Die Versicherungen reden seit Jahren davon, dass Diabetiker vor JEDER Fahrt BZ messen sollen und die Fahrt nur antreten dürfen wenn der BZ stimmt. Gemacht wird es nicht. Das Strassenverkehrsamt sieht da offenbar keinen Handlungsbedarf . Den sieht man nur bei Epileptikern. Ich war mit einem Diabetiker verheiratet. Ich habe sowohl Über - wie Unterzucker besser und früher erkannt als er.

  • Hulk am 19.07.2017 05:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    .....

    Heut zu Tagen hätten es viele nötig zuerst ein Gesundheitscheck zu machen so wie zum teil gefahren wird Horror ! So verwunderts mich garnicht mehr wenn ich einen Unfall sehe.