Pestizide

19. Juni 2017 13:39; Akt: 19.06.2017 16:24 Print

«Es werden laufend Gesetze gebrochen»

von S. Ehrbar / N. Thelitz - Im Kampf gegen die Gewässer-Verschmutzung greifen Umweltorganisationen den Bund an. Er mache zu wenig gegen die Pestizid-Plage.

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Der Bund mache zu wenig gegen den Einsatz von Pestiziden, sagen Umweltverbände. Besonders gefährliche Pestizide müssten verboten werden. Sie gefährden auch das Trinkwasser. An jeder fünften Trinkwasser-Messstelle hat der Bund im Rahmen der nationalen Grundwasserbeobachtung Naqua eine Pestizid-Konzentration über dem Toleranzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter gemessen. «Diese Resultate überraschen mich gar nicht, das Schweizer Trinkwasser ist alles andere als ausgezeichnet. Immer wieder werden die Toleranzwerte für Giftstoffe überschritten», sagt Franziska Herren, Kopf der Ende März lancierten «Initiative für sauberes Trinkwasser». Dass es auch ohne Pestizide geht, beweisen laut Initianten Bauernhöfe, die nach den Demeter-Richtlinen produzieren, die noch strenger als Bio-Vorgaben sind. «Es werden nur nicht-toxische Pflanzenschutzmittel eingesetzt, und die Tiere bekommen nur im Krankheitsfall Antibiotika», sagt Herren. Eine weitere Forderung der Initianten: Ein Bauernhof soll nur noch so viele Tiere halten dürfen, wie er durch die eigene Nahrungsmittelproduktion ernähren kann. Ein ähnliches Anliegen vertritt auch die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» der Westschweizer Gruppe Future 3.0 – sie wollen synthetische Pflanzenschutzmittel in der Schweiz verbieten. Doch steht es wirklich so schlimm um das Schweizer Trinkwasser? Der Wasserverband gibt Entwarnung. «Wir haben nach wie wie sensationelles Trinkwasser, das man absolut gefahrlos trinken kann», sagt Sprecher Paul Sicher. Damit dies so bleibe, brauche es griffige Massnahmen. «Unsere Trinkwasserressourcen müssen besser geschützt werden, es braucht ein weitläufigeres Verbot von Pestiziden im Einflussbereich um die Wassergewinnungsstellen.»

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Etwa 2200 Tonnen Pestizide werden laut dem Bundesamt für Landwirtschaft jedes Jahr in der Schweizer Landwirtschaft eingesetzt. Das hat Folgen für das Trinkwasser. An Orten mit intensiver Landwirtschaft sind bei über 70 Prozent der Messstellen von Trinkwasserfassungen zu hohe Konzentrationen an Pestiziden oder Abbauprodukten registriert worden, wie die «NZZ am Sonntag» schreibt.

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Umweltorganisationen werfen dem Bund vor, zu wenig dagegen zu unternehmen. Zwar hat der Bund als Reaktion auf ein Postulat von GLP-Nationalrätin Tiana Angelina Moser einen Aktionsplan vorgestellt. Der Einsatz besonders gefährlicher Pestizide soll demnach bis 2026 um 30 Prozent reduziert werden.

Besserer Aktionsplan gefordert

Das gehe zu wenig weit, sagt Werner Müller, Geschäftsführer der Organisation Birdlife. Müller ist in einer Allianz der Schweizer Umweltorganisationen vertreten. «Wir fordern einen deutlich besseren Aktionsplan als jenen des Bundes», sagt er.

Die Organisationen Birdlife, Greenpeace, Pro Natura und WWF wollen, dass die besonders gefährlichen Pestizide bis 2020 ganz verboten werden. Der Einsatz von Pestiziden mit hohem Gefahrenpotenzial soll bis 2026 um 50 Prozent reduziert werden.

«Überall werden Gesetze gebrochen»

Eine im April veröffentlichte Studie des Wasserforschungsinstituts Eawag belegt, dass in keinem von fünf untersuchten Bächen die gesetzlichen Anforderungen an die Wasserqualität eingehalten wurden. 128 Wirkstoffe aus der Landwirtschaft wiesen die Forscher nach, selbst als toxisch geltende Konzentrationen wurden überschritten. Die Einzugsgebiete der untersuchten Flüsse seien typisch für die landwirtschaftliche Nutzung in der Schweiz, schreiben die Forscher.

Hinzu komme, dass etwa im Wallis die Weinbauern viel zu viele Pestizide versprühten, sagt Werner Müller von Birdlife. «Es werden überall Gesetze nicht eingehalten.» Die Schweizer Wasserversorger fordern nun, dass in den Schutzzonen um die Trinkwasserfassungen der Einsatz von Pestiziden verboten wird. Diese Massnahme sei sinnvoll, sagt Müller.

Ist der Bund zu lasch?

Sie reiche aber allein nicht aus, denn auch in vielen Bächen sei die Pestizidbelastung zu hoch. Das liege auch an der Zulassungspraxis des Bundesamts für Landwirtschaft

Dort ist man sich des Problems bewusst. «Der Einsatz von Pestiziden kann mit Risiken verbunden sein. Wir haben darum den Aktionsplan Pflanzenschutzmittel prioritär bearbeitet, der diese Risiken gezielt noch weiter minimieren soll», sagt Sprecher Jürg Jordi.

«Bevölkerung braucht heimische Lebensmittel»

Der Entwurf sehe vor, die Risiken von Pflanzenschutzmitteln um 50 Prozent zu reduzieren, indem ihr Einsatz vermindert und ihre unerwünschten Wirkungen vor allem ausserhalb der behandelten Parzellen begrenzt würden.

«Wir sind in Kontakt mit den Umweltorganisationen und beziehen sie mit ein», sagt Jordi. Man müsse bei den Massnahmen aber auch darauf achten, dass die landwirtschaftlichen Erträge sichergestellt seien. «Die Bevölkerung ist schliesslich auch auf genug einheimische Lebensmittel angewiesen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Fabi am 19.06.2017 13:48 Report Diesen Beitrag melden

    Bevölkerung? Ist doch egal!

    Wieviele Politiker haben wohl die Finger in Firmen, die diese Pestizide herstellen? Es geht in diesem Land doch schon längstens nicht mehr um das Wohl der Bevölkerung. Den Politikern ist das eigene Wohl und das ihres Bankkontos wichtiger!

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  • Söni am 19.06.2017 13:53 Report Diesen Beitrag melden

    Trauriges Spiel

    Der Mensch braucht keine natürliche Feinde, nein, er vergiftet sich selber und der Bund unterstützt das ganze noch mit Subventionen. Wohin führt das noch?

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  • Man U am 19.06.2017 13:49 Report Diesen Beitrag melden

    Aber sicher

    Natürlich ist der Bund zu lasch. Schliesslich will man es sich nicht verderben mit der Chemielobby und den damit einhergehenden Annehmlichkeiten.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • wildh. am 20.06.2017 22:47 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht möglich

    Gute und schöne Lebensmittel zu Produzieren ohne zu spritzen und zu pflegen ist schlicht nicht möglich. Auch die Biobauern spritzen und wenn es Kupfer und Schwefel ist und weis noch was das ist auch nicht zu Essen.

  • Nadja Z. am 20.06.2017 11:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    An der eigenen Nase nehmen

    Wir sprechen hier nur von der Menge. Doch Pestizide werden auch eingesetzt, damit Gemüse und Früchte genügend gross sind, da der Konsument ja schliesslich keine kleinen Kartoffeln oder kurze Karotten kauft. Es muss alles perfekt sein damit es die Prüfung im Supermarkt durch den Konsumenten besteht. Es liegt auch am Konsumenten eine gewisse Toleranz aufzubauen und auch einmal einen Apfel mit einem Fleck oder eine etwas kleinere Kartoffel zu kaufen. Viele wissen nicht, was alles anderweitig entsorgt werden muss, weil unser lieber Konsument nur Bilderbuchgemüse bzw. Früchte will.

  • Eduard J. Belser am 20.06.2017 07:30 Report Diesen Beitrag melden

    Zuviele LobbyistInnen der Agrochemie

    Es sitzen zu viele LobbyistInnen der Agrochemie-Industrie in unserem Bundesparlament. Das ist die wahre Wurzel dieses Übels. Sind diese Leute gewählt müssen sie zwar ihre Interessenbindungen offenlegen, aber nicht die damit verbundenen Bezüge. KandidatInnen für politische Ämter sollten ihre Interessenbindungen und die damit verbundenen Bezüge bereits vor der Wahl offenlegen müssen. Aber wir WählerInnen müssten dann auch hinschauen, wer welche Interessen vertritt und ob das unserer Interessen sind.

  • Fellini am 20.06.2017 06:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bauer oder nicht

    Habt Ihr euch eigentlich einmal Überlegt, dass das Wort Bauer gar nicht mehr der Zeit entspricht. Die Leute die heute die Lebensmittel herstelle, sprich Weizen, Milch, Gemüse, usw. Sind meiner Meinung nach keine Bauern, das sind Unternehmer oder kleine KMU. Die sogenannten heutigen Bauern, lassen von Lohn Unternemen die Felder abmähen, Oder besähen. Jeder Arbeitswillige Mensch, der, jetzt kommt das entscheidende: Land und die entsprechenden Maschinen verfügen würde könnte das auch. Doch das nötige Kleingeld fehlt. Das andere ist wer heute Geld hat will sich nicht mit Arbeit herumschlagen.

  • Don Logan am 19.06.2017 23:00 Report Diesen Beitrag melden

    Betrug am Konsumenten

    Der Konsument muss auch bereit sein etwas mehr für Bio-Produkte zu bezahlen. Nur leider werden die angeblichen Bioprodukte teilweise auch mit Pestizide verseucht. Eine 100 prozentige Garantie hat man nie.