Reinhold Messner

03. Februar 2018 06:41; Akt: 03.02.2018 06:41 Print

«Es wird gefährlicher in den Alpen»

von M. Lüssi - Bergsteiger Reinhold Messner warnt vor den Gefahren, die das Schwinden des Permafrosts in den Alpen mit sich bringt. Selbst im Tal sei man nicht mehr sicher.

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Herr Messner, vor wenigen Monaten gab es den Felssturz von Bondo, die Bedrohung, die vom Berg ausgeht, beschäftigt uns stark. Trifft der Eindruck zu, dass es in den Alpen gefährlicher wird?
Das stimmt, es wird gefährlicher. Die Gletscher schwinden, werden dünner, das Eis fliesst und wandert. Damit reissen mehr Spalten auf. Doch das Hauptproblem ist der Schwund des Permafrosts. Der hat auch zum Bergsturz von Bondo geführt. Der Permafrost hat bisher die Berge zusammengehalten. Aussen angelehnte Stücke, die so gross sein können wie ein Wolkenkratzer, lösen sich, weil der Kitt dazwischen, jener gefrorene Lehm, der in der Eiszeit entstand und 10'000 bis 12'000 Jahre lang gehalten hat, von aussen immer mehr aufgewärmt wird. Da verflüchtigen sich die Eiskristalle, daraus wird eine Gleitschicht, und es kommen riesige Brocken runter. Das passiert auch in meiner Heimat, in den Dolomiten.

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Wie dramatisch ist diese Entwicklung?
Ich beobachte die Dolomiten seit bald 70 Jahren. Was in den letzten fünf, zehn Jahren runtergekommen ist, ist viel mehr als in den gesamten 50 Jahren davor.

Wird es irgendwann so gefährlich, dass man gar nicht mehr Bergsteigen kann?
Nein, Gefahren gab es ja immer schon. Bisher ist bei Permafrost-Abbrüchen nicht besonders viel passiert. In Bondo allerdings waren Leute im Tal unterwegs, die es mitgerissen hat. Wir können jetzt nicht mehr wie früher sagen, wir gehen unten im Tal spazieren, und da kann uns nichts passieren. Jetzt kann es sein, dass hoch oben, weit weg, dort, wo wir gar nicht hinsehen, etwas abbricht und das Wasser, der Lehm, der Dreck so vorbeigeschossen kommt, dass es einen mitnimmt. Wir werden mehr Unfälle erleben, in denen jemand von abgebrochenen Brocken erschlagen oder in die Tiefe gerissen wird. Und es gibt Routen, die zu gefährlich geworden sind.

Müssen wir also unser Verhalten ändern?
Bergunfälle gibt es nur, wenn der Mensch sich den Bergen nähert. Noch vor 500 Jahren war dort oben niemand, weil die Menschen schlau genug waren, nicht unter den Felswänden durchzugehen oder die Gletscher zu überqueren. Der Mensch ging damals nicht in die Gefahrenräume. Dass man dies jetzt tut, ist eine Dekadenzerscheinung unserer Zeit.

Sollten wir also die Berge wieder meiden wie vor 500 Jahren?
Nein. Doch wer in die Gefahrenzonen geht, muss für sich selber schauen. Alpinismus hat mit Eigenverantwortung zu tun. Anders ist es beim Tourismus: Wer ihn in den Bergen anbietet wie die Schweiz und wir im Südtirol, muss sich darum kümmern, dass nichts passieren kann. Eine Skipiste hat so angelegt zu sein, dass keine Lawine auf sie niedergehen kann. Dafür ist der Investor, der Bergbahnbetreiber verantwortlich. Ein Skitourengänger, der in die Wildnis hinausgeht, trägt die Verantwortung hingegen selber. Allerdings gibt es vermehrt Skitourengänger, die Pisten benutzen und nicht in die Wildnis gehen. Sie nutzen eine Infrastruktur, die sie nicht bezahlen. Aus meiner Sicht ist das Betrug. Doch wir leben im Zeitalter des Pistanalpinismus.

Was heisst das?
Klettern ist ein beliebtes Hobby. Aber 90 Prozent der Kletterer tun dies in einer Halle oder auf stark gesicherten Kletterwegen. Das ist zwar Sport, ein sinnvoller Sport, hat aber nichts mit Alpinismus zu tun. Und auch 90 Prozent der Alpinisten bewegen sich nur auf gesicherten Wegen, auf Pisten, die es heute fast an jedem Berg gibt, sogar am Mount Everest. Wer eine bestehende Infrastruktur nutzt und sich nicht seinen eigenen Weg sucht, ist kein Alpinist, sondern ein Tourist.

In Ihrem neuen Vortrag, mit dem Sie nun auch in der Schweiz auf Tour gehen, sprechen Sie über 13 «Weltberge». Wie viele Schweizer Gipfel sind dabei?
Nur einer, das Matterhorn. Ich zeige in meinem Vortrag jene Berge, die für die Kulturgeschichte des Alpinismus wichtig sind. Das Matterhorn war der Schlusspunkt der Eroberung der Alpen, damals, als es zur Tragödie vom Matterhorn kam. Noch immer gibts dazu die Kolportage, ein Seil sei durchgeschnitten worden – das ist Humbug. Über das Matterhorn sind so viele Geschichten erzählt worden wie sonst über keinen Berg in den Alpen. Deshalb hat das Matterhorn auch diese Ausstrahlung.

Wie oft waren Sie selber auf dem Matterhorn?
Etwa ein halbes Dutzend Mal. Bekannt ist ja die Szene, als Kurt Felix mich für «Verstehen Sie Spass?» mit dem Kiosk auf dem Matterhorn reinlegte. Darauf werde ich heute noch angesprochen.


(Video: Youtube/Pennergameadmin)

Reinhold Messner zeigt in seinem neuen Vortrag Satellitenbilder der «Weltberge». Hier spricht er über seine Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt:

(Video: Youtube/DLR)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dave74 am 03.02.2018 07:26 Report Diesen Beitrag melden

    Echte Leistung

    Wohl einer der meist beneidetsten Menschen - darum auch die negativen Kommentare. Jemand der unglaubliche Leistungen vollbracht hat um ja, vielleicht auch so eine Berühmtheit zu erlangen. Aber immerhin ist er nicht nur Sohn oder Tochter von Beruf oder hat in einer Realityshow mitgemacht um zu dem Status zu kommen. Was mich freut ist, dass er seine Beobachtungen und Erkenntnisse auch weitergibt. Allerdings könnte das auch ein x beliebiger Alpinist, Bergführer, Abenteurer sein - das ist mir Wurscht.

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  • Oralapostel am 03.02.2018 07:43 Report Diesen Beitrag melden

    Visionär

    Als ich damals den Gag mit dem Matterhorn-Kiosk gesehen habe, habe ich sein Verhalten eher divenhaft gefunden. Aus heutiger Sicht mit dem immer mehr grassierenden Massentourismus, der Verkommerzialisierung jeder hintersten Ecke der Welt und dem Allmachtsgefühl der Touristiker über die Natur muss ich sagen: Eher ein Visionär!

  • R. Crusoe am 03.02.2018 07:45 Report Diesen Beitrag melden

    Der Berg ruft

    Das Problem sind nicht die Berge, sondern der Mensch wie er mit diesem Freiraum umgeht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • kurt am 04.02.2018 15:33 Report Diesen Beitrag melden

    Permafrost

    Schön das das ein Österreicher auch merkt. Richtig bewundernswert.

    • romeosail am 04.02.2018 15:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @kurt

      R.M. ist aber kein Österreicher.

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  • Mamut am 04.02.2018 11:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Gletscher schwinden

    Genau! Aber wenn man als Extrem Bergsteiger oft um die halbe Welt fliegt, für irgendwo einen Gipfel zu erklimmen hinterlässt man auch nicht gerade einen Ökologischen Fussabdruck dann, welche den Gletscher zu Gute kommt.

  • Peter J. am 04.02.2018 11:36 Report Diesen Beitrag melden

    Glaubt man es jetzt?

    Er hat Recht. Schade nur, dass man alle diejenigen die das schon vor Jahren sagten in eine Schwarzseher-Ecke stellte. Aber vielleicht beginnt man jetzt das ernster zu nehmen. Als Beispiel soll die letzte Sperrung der Gotthardautobahn dienen. Das erste mal kam da eine Mischung zwischen Schlamm und Schneelawine dermassen gewaltig runter. Auch in den letzten Sommern kamen Felsstürze immer häufiger vor und gingen weiter runter.

  • Dani S am 04.02.2018 10:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wow

    Wow da kommt man auch drauf ohne an den Yeti zu glauben. Einer der auf billigste Scherze wie ein Kiosk auf dem Matterhorn reinfällt ist für mich keine Referenz. Gruss aus den Alpen.

  • Innerschwyz am 04.02.2018 06:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Demut

    Reinhold messner weiss, wovon er spricht, schliesslich hat er in jungen jahren auf dem nanga parbat seinen bruder u 7 zehen verloren... respekt u demut vor der natur gehen bei einer bergbesteigung hand in hand.