Fanzug-Pflicht

20. September 2014 20:06; Akt: 20.09.2014 20:06 Print

«Fanarbeit ist kein Allerheilmittel»

von Romana Kayser - Der oberste Fanbeauftragte der Schweiz ist erleichtert, dass der Nationalrat die Fanzug-Pflicht abgelehnt hat. Allein mit gesetzlicher Repression erreiche man bei den Fans nichts.

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«Den Dialog mit den Fankurven pflegen, das Risikopotenzial möglichst gering zu halten» (KEYSTONE/Eddy Risch) (Bild: Keystone/Eddy Risch)

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Herr Gander, der Nationalrat ist gegen die Fanzug-Pflicht. Sind Sie zufrieden?

Thomas Gander: Ich bin froh, dass die Gesetzesvorlage wieder zurück beim Bundesrat ist. Das Gesetz wäre in dieser Form nicht umsetzbar gewesen. Wie hätte man etwa Fans die Benützung eines Regelzuges verwehrt und wer wäre dafür verantwortlich? Und was ist mit Fans, die gar keinen Extrazug benützen wollen? Ich vermute, dass es bei der Vorlage vor allem darum ging, die Haftungsverantwortung an die Fussballvereine zu delegieren.

Wer soll haften, wenn etwas passiert?

Grundsätzlich haftet in unserem Rechtsstaat derjenige, der einen Schaden verursacht hat. Die Vereine haftbar für seine Fans zu machen, finde ich heikel. Das birgt die Gefahr von Missbrauch. Ab wann ist ein Fan einem Verein zugehörig und wann nicht? Reicht es, wenn jemand einen Schal eines Clubs trägt? So könnte beispielsweise ein einzelner Fan, der sich als Anhänger ausgibt, einem Verein einen enormen finanziellen Schaden zufügen.

Was soll das Parlament denn sonst tun gegen das Hooligan-Problem?

Ich beobachte, dass das ständige Rufen nach Lösungen eher Schuldzuweisungen hervorbringt, statt dass es eine Zusammenarbeit fördert. Mit einem Gesetz, das vermeintliche Lösungen propagiert, kommen wir nicht weiter. Wenn es Charterzüge gibt, heisst das noch lange nicht, dass die Fans sie dann auch nutzen. Der Transport von Fussballfans ist eine herausfordernde Situation, da stimmen wir alle überein. Gerade deshalb gilt es auf die Experten vor Ort zu setzen, seien es die Transportpolizei, die SBB-Zugbegleiter, die Fanarbeiter und natürlich die Fans selber.

Politiker setzen ihre Hoffnungen nun in die Fanarbeit. Können Sie wirklich etwas ausrichten?

Wir werden immer etwas belächelt, weil es so «softiemässig» klingt, was wir tun. Das stört uns aber nicht. Es ist einfacher, mit der Gesetzesverschärfungskeule um sich zu schlagen, als den Dialog zu propagieren. Dabei ist es zentral, dass wir den Kontakt mit den Fankurven aufrechterhalten. Wenn sich eine Fankurve abschottet, fördert das Eskalationspotenzial und das gegenseitige Unverständnis.

Was können Sie tun, um die Situation zu verbessern?

Fanarbeit ist kein Allerheilmittel. Ein Nullrisiko möchten wir nicht als Zielsetzung verkaufen. Das kann aber niemand, da sollte man ehrlich sein. Sonst müssten wir den Fussball abschaffen. Aber wir arbeiten dauernd daran, Gewalt einzudämmen und Eskalationen zu vermeiden, damit ein Fussballspiel ein stimmungsvolles Erlebnis für alle ist.

Wie kriegen Sie einzelne gewaltbereite Chaoten in den Fankurven in den Griff?

Fankurven sind höchst heterogene Massen mit informellen Hierarchien. Dabei ist es wichtig, Kontakt zu den Leaderfiguren zu haben und Massendynamiken, aus denen Gewalt entstehen können, zu erkennen und zu deeskalieren. Wenn es jedoch einzelne Leute gibt, die den Fussball als Plattform für ihr Gewaltbedürfnis missbrauchen wollen, kommen wir sicher auch an unsere Grenzen.

Verstehen Sie, dass Bilder von fliegenden Petarden und vermummten Chaoten den Leuten Angst machen?

Der Fussballfan ist sicher auch wegen diesen Bildern in den politischen Fokus geraten. Durch diese starken Bilder und die Popularität von Fussball entsteht verständlicherweise eine persönliche Betroffenheit bei den Menschen. Ein Handeln wird gefordert. Meiner Meinung nach ist der aktuelle Fokus auf die Fussballfans aber übertrieben. Die Gesetzesverschärfungspirale steht nicht im Verhältnis, wie ich die tatsächliche Entwicklung in den letzten Jahren beobachte.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Milanesi am 21.09.2014 02:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einladung

    Nun ich gehe seit Jahren an die Spiele des AC Milan. Ich möchte die Politiker gern nach Mailand Einladen, um zu zeigen wie die Polizei das dort macht, und das sehr Erfolgreich. Kein Ticket ohne ID, Rigoroses durchgreiffen der Polizei, 48 Stunden Haft bei Festname. Und sehr wichtig die Polizei Stellt was dar.

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  • Separatismustian am 20.09.2014 23:02 Report Diesen Beitrag melden

    Nix Neues

    Oberster Fanarbeiter? Dieser SP-Sozialarbeiter? Ich wette, er kennt die Stadions der Schweiz nur von Google Maps. Und das dieser nun gegen die Fanzug-Pflicht ist, zeugt nicht gerade davon, dass er für die Fans arbeitet. Eigentlich nichts Neues, der Bundesrat arbeitet auch gegen das eigene Volk.

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  • sport frei! am 21.09.2014 06:04 Report Diesen Beitrag melden

    Fanarbeit für Kutten

    Der Typ deckt nur die Muttenzerkurve und setzt sich für eine optimale "Lösung FC Basel" ein. Diese Fanarbeiter werden von der Kurve eh nicht ernst genommen. Wer hat schon Respekt vor dahergelaufenen Soziologiestudenten? Darum haben auch Althauer das Sagen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Eis Kool am 21.09.2014 15:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So what!

    Wer einen Schaden verursacht ist haftbar.....das ist ja wirklich zum lachen!! Es wird ja niemals jemand verhaftet und dann verurteilt! Gilt nicht auch das Vermummungsverbot? Es gibt genug Gesetze, die nicht angewendet werden! Ich frage mich einfach WARUM ?

    • FC Züri am 21.09.2014 16:14 Report Diesen Beitrag melden

      Wahrscheinlich

      hilft es Politiker/innen bei Problemen mit dem Älterwerden, wenn man mit dem Finger auf ein paar Halbstarke zeigen kann. Scheinbar hat eine Mehrheit Angst, ihre Macht wo nötig einzusetzen, und nervt die Bürger lieber mit Aktionismus bei jedem Hafenkran, ich meine -käse. Und sicher ist der Ertrag bei der Polizei höher, wenn man sich auf Parkbussen und Hanf konzentriert. Möglicherweise bestehen da falsche Anreize.

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  • adi am 21.09.2014 14:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fanarbeit

    Ich gebe die Hofnung auf Besserung auf. Es ist nur eine Frage der Zeit, werden über sprechen und dann? Keinet war Schuld.

  • Steff am 21.09.2014 09:51 Report Diesen Beitrag melden

    Blablabla

    Also Grundsätzlich ist es so, dass man bei den Fans bei welchen man etwas erreichen will sowieso nichts mehr erreicht und die Fans die man nicht erreichen will jammern dann herum, dass eben jene anderen Fans ja Schuld seien... aber man ja dagegen nichts machen kann.

  • Fritzli am 21.09.2014 09:13 Report Diesen Beitrag melden

    Langsam wird es Mühsam!

    Erstens, es sind nicht nur die Fussballfans, im Hockey gibt es auch solche. Zweitens, vor ca 25 Jahren war der kleine FCG im B. Und siehe da, er gewann einmal in Basel! Wir als FCG Fans und Freunde der Spieler wollten eine Weile nach dem Spiel das Stadion durch den Spielerausgang verlassen. Da standen aber solche Chaoten und bedrohten uns. Was machte die Polizei, sie schauten zu! Ihre Antwort nach Aufforderungen, die machen ja nichts > bedrohen ist nichts! Als Basel nach Glarus kam kostete der Sicherheitsaufwand dem FCG beinahe die Existenz. Damals war es nur Basel! Schlechte Vorbilder.

  • Falkenauge am 21.09.2014 07:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Feiglinge!

    Die Vorfälle der letzten Jahre haben deutlich gezeigt, dass in der Fanszene eine kleine agressive Gruppe Grenzen sucht. Pyros in Stadien, verwüstete Züge und andere Delikte gehören zum Alltag. Bereits hat sich um diese Missstände eine Industrie etabliert. Sicherheitsfirmen, Betreuer und Reinigungskräfte, alle profitieren von den 3 Millionen jährlich, welche alleine die Bahn zu beklagen und verteilen hat... Die Politik versagt und der Bürger bezahlt!

    • Fritz us Basel am 21.09.2014 09:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Aufgaben der Politik

      deiner Aussage nach werden hier Arbeitsplätze produziert, auch Aufgabe der Politik :-) Bei 3 Mio CHF entspricht dies ca 30 Arbeitsplätze. Ich gehe davon aus das dies erreicht wird. Ob nun unsere Steuergelder direkt als Arbeitslosenunterstützung oder indirekt in diese Arbeitsplätze investiert wird ergibt in etwa das gleiche.

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