Anti-Foodwaste

30. Januar 2017 20:57; Akt: 30.01.2017 22:43 Print

«Gäste nehmen ihre Essensreste vermehrt mit»

von Camille Kündig - Früher war es verpönt, heute tun es viele ungeniert: Restaurantgäste verlangen, dass ihnen die Essensreste eingepackt werden.

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In den USA gehört der Doggy Bag längst zum Alltag. Nun erfreut er sich auch bei Gastronomen und Kunden hierzulande immer grösserer Beliebtheit – wohl eine Folge des Anti-Foodwaste-Trends.

Umfrage
Nehmen Sie Essensreste vom Restaurant in einem Doggy Bag mit nach Hause?
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12 %
21 %
3 %
7 %
18 %
Insgesamt 5306 Teilnehmer

Der Geschäftsführer des Lokals Da Carlo in Bern, Gianni Masullo, weist seine Gäste jeweils darauf hin, dass es möglich ist, das auf ihrem Teller übrig gebliebene Essen mitzunehmen. «Ich denke, dass viele Leute sich nicht trauen, selber danach zu fragen.» Abgelehnt werde das Angebot selten.

«Doch auch immer mehr Gäste verlangen selber einen Doggy Bag», sagt Masullo. Er hat nun Take-away-Schalen angeschafft. Je nach Speise genüge aber auch ein bisschen Alufolie. Ob vermehrte Sparsamkeit oder der Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung – was hinter dem Trend stecke, wisse er nicht.

«Bei wenig Resten liegt es beim Kunden, nach einem Doggy Bag zu fragen»

Auch in den Lokalen der Ospena Group AG, zu der unter anderem die Molino-Restaurants gehören, gibt es Doggy Bags. «Den Kunden mit viel übrig gebliebenem Essen auf dem Teller bieten wir an, die Speisereste für sie einzupacken», sagt Nicole Thurnherr, Mitglied der Geschäftsleitung. Sind noch wenig Reste im Teller, liege es am Kunden, nach einem Doggy Bag zu fragen, falls er einen wünsche. Dasselbe gelte für angebrochenen Wein. Verpackungen habe man für jegliche Speisen, auch für Suppen.

Im Zürcher In-Lokal Hiltl stapeln sich die Doggy Bags ebenfalls auf den Regalen. Rolf Hilt: «In unserem bedienten À-la-carte-Restaurant bieten wir unseren Gästen auf Anfrage an, dass sie vorige Speisen mitnehmen können.» In der Schweiz werde dies heute öfter von den Restaurantbesuchern verlangt als früher, so Hiltl. Jeden Gast zu fragen, ob er einen Doggy Bag wünsche, findet der Gastronom aber dann doch zu viel.

Beim Branchenverband Gastrosuisse begrüsst man die Reduzierung von vermeidbaren Lebensmittelabfällen. Massnahmen wie das Anbieten von solchen Boxen für die Mitnahme geeigneter Lebensmittel würden von vielen Mitgliederbetrieben betrieben, schreibt der Verband auf Anfrage.

Doggy Bag auch ohne Stilbruch möglich

Doch früher war diese Praxis in der Schweiz verpönt. Und: «Wenn man heute nach einem Doggy Bag fragt, finde ich das immer noch ein bisschen daneben», sagt Knigge-Expertin Susanne Zumbühl. Werde einem das Einpacken und der Transport der Reste aber angeboten, könne man das ohne Stilbruch akzeptieren.

Dass der Trend nun von Übersee zu uns geschwappt ist, erstaunt sie nicht: «Alles, was in Amerika üblich ist, wissen wir hier eine Stunde später», so Zumbühl. Ausserdem sei einem heute klar bewusst, dass weltweit viele Menschen hungern müssen und dass Foodwaste auch der Umwelt schadet. «Da möchte man es natürlich verhindern, Nahrungsmittel wegzuwerfen.»

«Essen hat immer mit Status zu tun»

Dass es in der Schweiz grundsätzlich unüblich ist, die Essensreste vom Restaurant mitzunehmen, habe verschiedene Gründe, sagt Stefan Sigrist, Gründer und Leiter des Think Tanks W.I.R.E. «Essen hat immer mit Status zu tun.» Essensreste mitzunehmen, sei deshalb bisher als Zeichen aufgenommen worden, dass man sich Nahrung nicht leisten kann und sparen muss.

«Zudem galten und gelten vielerorts klare Tischregeln, die es nicht zulassen, Essen in einen Plastiksack zu verpacken.» Ganz anders sei das in den USA, wo auch Fast Food seit je eine viel dominantere Position habe. «Zusammen mit einem Hang zum Praktischen und den grossen Portionen haben Doggy Bags dort eine lange Tradition», sagt Sigrist.

«Heute gilt es als lobenswert, sorgsam mit dem Essen umzugehen»

Seine Erklärung für die Kehrtwende: Mit dem wachsenden Bewusstsein für einen nachhaltigen Lebenswandel gelte es heute als lobenswert, sorgsam mit Essen umzugehen und Reste auch am nächsten Tag noch zu essen. «Die Wertemuster verändern sich.»

Zudem hätten sich vielfältige, neue und vor allem unkomplizierte Gastroformate durchgesetzt, die es vereinfachten, das Essen mitzunehmen. «In der gehobenen Gastronomie ist es aber auch heute wenig üblich, Reste im Doggy Bag mitzunehmen.»

Wurde auch Ihnen im Restaurant bereits angeboten, Ihre Essensreste mit nach Hause zu nehmen? Bitten Sie das Personal jeweils selbst um einen Doggy Bag? Oder halten Sie dies für verpönt? Erzählen Sie uns davon.
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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Claudia am 30.01.2017 21:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bewusstsein

    Die Knigge-Expertin meint, dass es daneben sei nach einem Doggybag zu fragen... Ich finde es schon fast daneben, wenn man es nicht tut. Ist es besser, wenn man den Rest in die Tonne wirft, nur damit die Etikette gewahrt werden kann? Ich finde nicht!

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  • Eddie am 30.01.2017 21:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Richtig so!

    Täglich hungern Menschen überall, das Essen mitzunehmen ist das Mindeste was wir tun können. Find ich gut!

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  • phil am 30.01.2017 21:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    recht so

    macht doch sinn. wenn es eine grössere reste ist, ist das doch super. oftmals habe ich es zu hause bereut als ich wieder hunger bekam. als ich eine freundin in madrid besuchte war es für sie selbstverständlich die reste mitzunemehmen und diese an einen obdachlosen zu bringen. eine sehr gute idee wie ich finde. so ist doch allen geholfen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Foody Quaste am 31.01.2017 16:51 Report Diesen Beitrag melden

    Toll

    Mich ärgert schon, dass dafür wieder mal ein ganz toller englischer Begriff "Foodwaste" kreiert wurde, dann hört sich das auch ganz nobel an, und dann kann man auch den Rest des Hummers einpacken lassen und zu Hause der Katze füttern.

  • Tanja am 31.01.2017 15:27 Report Diesen Beitrag melden

    Esse ich halt zweimal.

    Ich habe Magenprobleme und kann dadurch nur kleine Portionen essen. Es ist in der Schweiz aber nicht einfach eine halbe Portion zu bekommen. Und wenn ich schon den vollen Preis zahle, kann ich auch zwei oder dreimal davon essen. An weniger Food Waste habe ich bisher nicht gedacht, aber auch da macht es Sinn.

  • Gerry41 am 31.01.2017 14:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Food Waste

    Finde die Idee des Doggy Packs gut und würde sie sofort nutzen.

  • Gutesser am 31.01.2017 14:11 Report Diesen Beitrag melden

    Komisch

    wer gut essen will, ist wohl kaum aufgewärmtes, ich jedenfalls nicht. Ich bestelle seit Jahren immer "bitte wenig" klappt immer, vorausgestzt man sagt dem Personal das man keine Preisreduktion erwartet.

  • Jessica am 31.01.2017 13:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Voellig in Ordnung

    In andern Laendern wie zum Beispiel China, Thailand usw ist das voellig normal

    • gaby z am 31.01.2017 14:54 Report Diesen Beitrag melden

      o.k.

      Auch in Tunesien ist es völlig normal, Essensreste mitzunehmen (sogar Knochen für Hunde oder Fischgräten für Katzen), so wird wirklich alles "verwertet".

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