Gewalt bei Sportveranstaltungen

05. Mai 2014 05:51; Akt: 05.05.2014 11:23 Print

«Gefühl bei Schlägereien ist besser als Sex»

Schlägereien, Vandalismus, Petarden – Gewaltausbrüche an Fussballspielen werden immer schlimmer. Die Gründe dafür liegen laut Experten in der Entwicklung der Gesellschaft.

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In Italien und Deutschland ist vergangenes Wochenende die Gewalt an Fussballspielen eskaliert. Es fielen Schüsse, ein Fan ringt um sein Leben, Dutzende wurden verletzt, Gegenstände zerstört, Angst und Panik herrschte unter den Anwesenden. Wie neue Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, haben Straftaten an Sportveranstaltungen 2013 auch in der Schweiz zugenommen. Und zwar um ganze 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (siehe Box).

Gewaltforscher Gunter A. Pilz sagt sogar, die Gewalt an solchen Events sei nicht nur gestiegen, sondern auch brutaler geworden. Was ist passiert? «Früher hatten Hooligans noch einen Ehrenkodex, dieser ist heutzutage verloren gegangen.» Zwei Typen von Menschen seien für dieser Art von Gewalt bereit: «Der eine ist der Unzufriedene, er hat eine schwach ausgeprägte Persönlichkeit und leidet an Minderwertigkeitskomplexen und unter seinen Misserfolgen.» Jemanden zu verprügeln, gebe ihm ein Gefühl von Macht und poliere sein Selbstwertgefühl auf. «Liegt ein Verletzter vor ihm auf dem Boden, fühlt er sich stark und gross», so Pilz. An Sportveranstaltungen finde dieser Typ Mensch ein Ventil für den Frust, den er tagtäglich mit sich herumschleppe.

«Dann gibt es den Menschen aus der mittleren oder oberen Gesellschaftsschicht, der einen guten Job hat und viel Geld verdient.» Aufgrund des Leistungsdrucks müsse er sich den ganzen Tag zurücknehmen und könne seine Emotionen oder angestauten Aggressionen nicht rauslassen. «An einem Fussballmatch hat er die Möglichkeit, in der Anonymität einmal richtig die Sau rauszulassen.»

Auswärtsspiele sind besonders gefährlich

Man dürfe ausserdem nicht unterschätzen, was eine solche Jagd – mit Flaschen in der Hand und Adrenalin im Blut – für eine Reaktion im Körper erzeuge: «Hier werden Glücksgefühle en masse freigesetzt. Manche sagen, dieses Gefühl sei besser als mit einer Frau im Bett zu sein», so Pilz. Und: Da sich Schlägereien an Sportevents etabliert hätten, reisten mittlerweile auch nicht Sport interessierte Menschen an solche Veranstaltungen, um ihr Gewaltbedürfnis zu befriedigen. «Vor allem bei Auswärtsspielen sehe ich das oft: Die Männer fahren geschlossen im Zug, schaukeln sich auf dem Weg schon gegenseitig auf, dann versammeln sie sich vor dem Stadion und lassen ihrer geballten Wut und ihren angestauten Aggressionen freien Lauf.»

Dass die Gewaltbereitschaft derart zugenommen haben, heisse aber nicht, dass sich der Mensch grundsätzlich geändert habe. Wenn etwas anders sei, dann seine Umgebung, sein Umfeld, die gesellschaftlichen Bedingungen. «Der Leistungsdruck ist gestiegen, dabei muss man seine Emotionen immer unter Kontrolle haben. Wer sich selbst nicht verwirklichen kann, ist in der heutigen Zeit ein Versager». Das schüre Aggressionen und Frust, die sich irgendwann entladen müssten.

«Zivilcourage hat abgenommen»

Auch Thomas Hurter, SVP-Nationalrat und Präsident der Sicherheitskommission, sieht den Grund für die Zunahme von Straftaten an Sportveranstaltungen in der Entwicklung der Gesellschaft: Die Bereitschaft zur Gewalt sei in allen Bereichen unseres Lebens gestiegen, nicht nur im Sport. Er sieht das Problem bei der Zivilcourage, die allgemein abgenommen habe. «Menschen trauen sich weniger, für andere einzustehen.» Als zweiten Grund nennt Hurter die Angst der Behörden davor, an der Umsetzung von Gesetzen festzuhalten: «Bestrafungen von Gewalttätigen ziehen sich oft in die Länge.» Das dritte Problem liege in der Reduktion und Verschiebung der Sicherheitskräfte. «Man muss sich besser überlegen, wo und wann man Sicherheitsbeamte braucht, diese müssen künftig besser eingesetzt und unterstützt werden», so Hurter.

Weitere Ursachen liegen laut Hurter beim Internet, vor allem bei Portalen wie Facebook und Twitter: «Hegt jemand einen Groll gegen dich, wirst du heute sofort öffentlich an den Pranger gestellt.» Diese Art von Angriff fördere andere Aggressionen als eine gesunde Ohrfeige. Auch die Erziehung spiele eine wichtige Rolle: Eltern müssten mit ihren Kindern das Thema Gewalt von klein auf behandeln. «Es ist notwendig, dass wir dieses Problem ernst nehmen.» Nur gemeinsam könne dieser Trend gestoppt werden.

«Kriminelle gehören ins Gefängnis»

Max Hofmann, Generalsekretär beim Verband Schweizerischer Polizei-Beamter, sieht die Ursache in der Politik: Diese hätte das Problem nicht in der Griff bekommen. «Solange den Strafverfolgungsbehörden nicht die richtigen Instrumente gegeben werden, wird sich wenig ändern.» Wenn es so weitergehe, seien wir nicht mehr weit entfernt von Gewaltexzessen wie in Italien. «Die Auseinandersetzungen von Bern waren ja auch nicht harmlos. Das muss man ganz klar festhalten.» Es sei an der Zeit, dass man endlich verstehe, dass dieses Problem nicht mit normalen Massnahmen gelöst werden könne: «Diese Kriminellen gehören ins Gefängnis, und nicht nur für ein paar Tage.» In England habe man auch dank den knallharten Strafen etwas ändern können. «Es kann doch nicht sein, dass Polizisten ihr Leben jedes Mal aufs Spiel setzen müssen, weil man nicht im Stande ist, das Problem an der Wurzel zu packen», so Hofmann.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Walter am 05.05.2014 07:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Moderne Sklaverei

    Ich bin 1948 geboren und wir waren sicherlich nicht reich und mussten uns durch das Leben kämpfen. Aber es gab viel weniger Gesetze und man fühlte sich in einer gewissen Art frei. Viele Mütter waren die Chefs zu Hause und waren zuständig für die Erziehung der Kinder und das Wohl der Familie. Der Mann arbeitete und war für das finanzielle verantwortlich. Es gab klare Spielregeln und irgendwie funktionierte es. Vergnügungen gab es nicht viel aber man hatte eine Perspektive für die Zukunft. Zumindest glaubte man daran. Ich will damit nicht sagen, dass es viel besser war als heute aber anders.

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  • chrigu am 05.05.2014 08:27 Report Diesen Beitrag melden

    lasst sie doch auf die allmend

    lasst sie doch gegenseitig ihre köpfe einschlagen. 1h vor dem nächsten cupfinal alle auf die allmend schicken und los gehts. dann würden sie aus lauter vorfreude direkt im wankdorf aussteigen und sich auf ihrem fight vorbereiten. das blut kann dann im rasen versickern.

  • thatgirl am 05.05.2014 09:14 Report Diesen Beitrag melden

    fight club

    bei solchen artikeln, kommt mir immer der film"fight club" in den sinn... warum schliessen sich nicht ein paar frustrierte zusammen, und verpassen sich im gegenseitigen einverständniss ein neues gesicht? oder ist das dann nicht das selbe wenn beide sich prügeln wollen? ich verstehs nicht...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Erik Schiegg am 05.05.2014 11:47 Report Diesen Beitrag melden

    Ha haben die Wissenschaftler

    wohl im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst. Die Schweizer waren geschätzt als wortwörtlich schlägfertige Reisläufer und auch auf jedem 2ten Landfest gingen bis in die späten 80er Jahre regelmässig Bierkrüge, Bänke und Knochen mit einem unvergesslichem Knackston zu Bruch. Von wegen, die Gesellschaft ist Schuld. Der Gesellschaft ging es 20 Jahre lang besser. Das ist alles. Denn wenn es der Gesellschaft nicht mehr so gut geht, sind Schlägereien wie ganz früher nur normal. Und das ist eine allgemeingültige Einstellung der meisten Menschen, siehe unter anderem die Ostukraine.

  • Sebastian S am 05.05.2014 09:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    England sicher?

    Um Stadion ja zu 99%, aber ausserhalb war es schlimmer als bei unseren Kindergartenfanmärschen. Crystal Palace hat schon eine Ultrascene, Liverpool-Fans zünden immer öfter im Stadion Feuerwerk (siehe Youtube), Die Londoner Derbys eskalieren draussen auch immer nur verheimlicht das die Englische Polizei. War auch schom mehrmals dort und habe erfahrung

  • Bergmann am 05.05.2014 09:15 Report Diesen Beitrag melden

    Erwartungsdruck

    Ich stimme den Aussagen des Forschers zu. Im Gegensatz zu früher, ist der heutige Leistungs-und Erwartungsdruck beruflich wie auch privat enorm gestiegen. In jedem Beruf erwartet man Überduchschnittliches, Standart reicht nicht mehr. Das Familienleben hat hohe Erwartungen erreicht, leben in Luxus & doch noch genügend Zeit und Geduld für die Familie. Und wenn man dennnoch alle Erwartungen erreicht, ist man so angespannt und gereizt...den Frust bzw. Druck lässt man dann freien Lauf.

  • thatgirl am 05.05.2014 09:14 Report Diesen Beitrag melden

    fight club

    bei solchen artikeln, kommt mir immer der film"fight club" in den sinn... warum schliessen sich nicht ein paar frustrierte zusammen, und verpassen sich im gegenseitigen einverständniss ein neues gesicht? oder ist das dann nicht das selbe wenn beide sich prügeln wollen? ich verstehs nicht...

  • B.Zingg am 05.05.2014 09:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fürsorgerische Unterbringung (FU)

    Ich bin schon erstaunt, dass scheinbar seit Jahren kein politischer Wille besteht, vermummte, gewalttätige Personen von der Masse zu trennen, zu verhaften und ... zu bestrafen! Man sollte als Bürger halt wissen, dass jederzeit, jeder Mensch mittels psychiatrischer Diagnose wegen nichtigerem Anlass für Wochen in die nächste "Klinik" weggesperrt werden. Aber eben. Solch drastische Massnahmen hält man sich lieber für harmlose Einzelpersonen vor. Rechtlich gesehen werden dann diese Subjekte als krank stipuliert und erhalten dementsprechend keinen nennenswerten Rechtschutz!