Psychische Misshandlung

29. Mai 2015 23:08; Akt: 29.05.2015 23:08 Print

«Gewalt mitzuerleben, belastet viele Kinder»

Die Zahl der Kindsmisshandlungen ist 2014 markant angestiegen. Dies, weil der Kinderschutz neu auch häuslicher Gewalt nachgeht.

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Wenn Kinder häufig zu Hause Gewalt miterleben, kann das zu akuten Belastungsstörungen führen. (Bild: Keystone/Luis Berg)

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Herr Wopmann, die Zahl der Kindsmisshandlungen ist erneut stark angestiegen. Besonders im Bereich psychische Misshandlung. Wieso?
Markus Wopmann*: Das hat mit der Vorgehensweise von Polizei und Kinderschutzgruppe zu tun. Im Kanton Aargau etwa haben wir seit rund zwei Jahren ein neues System. Die Polizei meldet uns alle Fälle häuslicher Gewalt von Haushalten, in denen Kinder leben. Wir erreichen so neu Kinder, die potenziell gefährdet sind, von denen wir sonst keine Kenntnis hätten.

Was tun Sie bei solchen Meldungen genau?
Wir rufen bei der betroffenen Familie an und laden sie zu uns in die Klinik ein. Für uns war das am Anfang etwas ganz Neues. Wir kamen plötzlich in Kontakt mit einer relativ schwierigen Bevölkerungsgruppe, mit der wir sonst nichts zu tun hatten.

Wie reagieren die Betroffenen?
Meist ablehnend. Fast immer bekommen wir Sätze wie «Was wollen Sie noch, es geht uns bestens und wir lieben uns wieder» zu hören. Wenn wir nach den Kindern fragen, wollen uns die Eltern eigentlich immer weismachen, dass die Kinder geschlafen haben und von allem nichts mitbekommen haben oder der Vorfall aus irgendeinem anderen Grund für das Kind kein Problem ist.

Können Sie die Eltern zwingen, mit ihren Kindern zu Ihnen in die Klinik zu kommen?
Nein. Wir stellen aber klar, dass wir eine Gefährdungsmeldung machen können, wenn sie nicht bei uns auftauchen. In der Regel hat das die nötige Wirkung.

Wie viele solche Fälle haben Sie pro Jahr?
Wir betreuen bei uns nur den halben Kanton Aargau und haben fünf bis sieben Fälle pro Woche. Im Jahr sind es rund 300 Fälle. Diesen 300 müssen wir nachgehen und uns ein Bild machen, ob die Kinder gefährdet sind.

Sind die Kinder dabei selbst von Gewalt betroffen?
Direkte Gewalt an Kindern ist relativ selten. Das macht 10 Prozent oder weniger aus in diesen Fällen. Viel häufiger ist das Miterleben der Gewalt. Etwa bei der Hälfte der Fälle glauben wir, dass dies nicht mehr spurlos an den Kindern vorbeigeht. Insbesondere, wenn die Eltern immer wieder heftige Auseinandersetzungen haben. Das ist etwas ganz anderes als wenn es einmalig ist.

Wie zeigt sich das?
Wir betrachten jene Kinder als psychisch misshandelt, die Zeichen einer akuten Belastungsstörung aufweisen. Das sind zum Beispiel Schlafstörungen, Angstzustände oder depressive Züge.

Wie gehen Sie dann vor?
Wichtig ist, die Eltern ins Boot zu holen. Wenn auch ihnen bewusst ist, dass es schwierig ist für die Kinder, haben wir schon viel erreicht. Dann gibt es Beratungen und auch psychologische Hilfe für die Eltern und natürlich die Kinder.

Sind psychische Misshandlungen schwieriger zu erkennen?
Das ist sicher so. Klar ist, wir müssen das Kind gesehen haben. Wichtig ist zudem, was uns die Polizei berichtet. Die Beamten vor Ort müssen in ihrem Rapport auch den Zustand des Kindes beurteilen. Weint es, ist es aufgelöst oder hat es geschlafen und vom Streit nichts mitbekommen. Diese Angaben haben wir auf dem Polizeirapport und sind für uns wichtige Hinweise. Ein Alarmzeichen ist zudem, wenn die Polizei immer wieder zu derselben Familie ausrückt. Hier schalten wir, wenn nötig, auch weitere Stellen ein, wenn die Eltern nicht kooperieren.

Stellen Sie nebst häuslicher Gewalt noch andere Formen psychischer Misshandlung fest?
Es gibt Eltern, deren Erziehungsmassnahmen sind wirklich jenseits. So habe ich den Fall eines Vaters erlebt, der glaubte, seine 16-jährige Tochter habe einen Freund. Darauf hat er ihr zur Strafe ihre schönen langen Haare einfach abrasiert. Seine Tochter hat in der Auseinandersetzung geschworen, sie habe den Jungen nie getroffen. Als der Vater herausfand, dass das nicht stimmt, hat er ihr noch Schlimmeres angedroht. Wir sind daraufhin sofort eingeschritten.

* Markus Wopmann ist Leiter der Fachgruppe Kinderschutz und Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche am Kantonspital Baden

(ann)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • wurks am 30.05.2015 06:18 Report Diesen Beitrag melden

    Hatte Kindesmisshandlung selber erlebt

    Ich (47) war leider direkt von Gewalt in der Kindheit betroffen. Mein Vater kommt aus Südeuropa und hatte natürlich den sozialen Aufstieg im Kopf, als er in die Schweiz einwanderte. Das ist eigentlich in Ordnung. Leider meinte er, dass er auch das Recht auf "Superkinder" hat. Und er wird es den Schweizern beweisen, dass seine "harten" Erziehungsmethoden der einheimischen, "weichen" Pädagogik haushoch überlegen ist. Ich wünschte, jemand hätte auch bei meiner Familie damals genauer hingeschaut und ich bin sehr dankbar für die Arbeit der Kinderschutzgruppe.

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  • M. P. am 30.05.2015 07:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gewalt

    Liebe Eltern. Ich (32) bin ein Junge, der die ganze Kindheit zu Hause massive psychische Gewalt miterleben und selbst am eigenen Leib erfahren durfte. Als Kind steht man immer zwischen Stühlen und Bänken, man kann nicht fliehen weil man Vater und Mutter liebt und abhängig ist. Plötzlich mit 17 ging bei mir gar nichts mehr und ich musste mehrere Monate in die psychiatrische Klinik. Der Weg zurück in ein normales Leben ist lang und steinig. Ich habe eine Lehre und FH abgeschlossen und meinen Weg gemacht, doch manchmal überrollen mich die Gegühle. Lasst euren Frust nicht an den Kindern aus.

  • Überlebende am 30.05.2015 10:48 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn Erwachsene ihr eigenes Leben nicht

    geregelt kriegen, sind Kinder immer die Leid tragenden. Habe selbst massivste körperliche und Seelische Gewalt erlebt und bis Heute nicht alles verarbeiten können. Ich hatte immer gebetet, dass Gott machen würde, dass mein Vater stirbt. Bin mit 15 ausgezogen. Kein Kind sollte so eine Hölle erleben müssen. Die Spuren bleiben ein Leben lang. Eltern holt Euch Hilfe, bevor ihr eure Kinder Körperlich oder Emotional umbringt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • m, 28 am 30.05.2015 18:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Wort

    Ich rede noch heute kein einziges Wort mit meiner Mutter, da sie uns regelmässig verprügelt hat.

  • hans am 30.05.2015 16:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wacht auf

    Wacht auf! Wir leben in einer gewaltätigen Gesellschaft. Die Kinder werden jeden Tag mit Gewalt konfrontiert. Das passiert nicht nur zuhause!

  • Scupola Anda am 30.05.2015 15:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das belastet sehr

    Ich frage mich immer wieder warum wird jetzt so gut hingeschaut,früher konnte mir niemand helfen nicht einmal die Polizei.

    • sue zaa am 30.05.2015 19:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      bessere Zeiten

      Weil sich die Zeiten ändern und besser werden. Das ist doch positiv. Es tut mir sehr leid, dass Dir niemand geholfen hat damals. Aber freue Dich doch, dass es für heutige Kinder mehr Hilfe gibt..

    • Sandra am 30.05.2015 22:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Zum.Glück ist es jetzt besset

      mir auch

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  • Muss gesagt werden am 30.05.2015 15:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Man sollte mit

    Pauschalaussagen und -vorwürfen doch sehr vorsichtig sein: aus einer Grenzen austestenden Laune heraus behaupten Kinder manchmal Unüberlegtes, was ihnen später Leid tut und zerstören damit das Leben anderer komplett.

    • Hans Papa am 30.05.2015 16:27 Report Diesen Beitrag melden

      schon so aber..

      ja, das ist schon auch richtig. Ich denke aber, dass die Leute, die damit beruflich in irgendeiner Form zu tun haben, sich dessen durchaus auch bewusst sind.

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  • Rolf am 30.05.2015 12:04 Report Diesen Beitrag melden

    Wo weggeschaut wird

    Beim Verhalten der getrennt lebenden oder geschiedenen Müttern wird oft weggeschaut. Da wird den Kindern jeglicher Kontakt, ausserhalb der Besuchszeiten, zum Vater verboten. Für heimlichen WhatsApp Kontakt zum Vater werden die Kinder bestraft. Ihre Weihnachtsgeschenke müssen sie dem Vater zurückgeben usw. Und was sagt die Beiständin dazu? Da ist der Vater Schuld, weil er es nicht geschafft hat, den Elternkonflikt zu beenden. Für das Leid der Kinder fühlt sich niemand zuständig, da sind die Behörden auf beiden Augen blind.