Mindestlohn

18. April 2014 16:17; Akt: 18.04.2014 14:21 Print

«Heute gibt es mehr arme Familien als in den 60ern»

von Camilla Alabor - Trotz wachsendem Reichtum: Der Anteil armer Familien in der Schweiz sei gestiegen, sagt Wirtschaftshistoriker Bernard Degen. Das liege auch daran, dass Geld heute wichtiger sei.

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«Das Bild vom Mann als alleinigem Ernährer hat nie ganz gestimmt», sagt Wirtschaftshistoriker Bernard Degen.

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Heute gibt es Familien, die zu wenig zum Leben verdienen, obwohl beide Elternteile arbeiten. Dagegen soll ein Mindestlohn von 4000 Franken helfen. Täuscht der Eindruck, dass Familien noch vor ein paar Jahrzehnten von einem Gehalt ganz gut leben konnten?
Bernard Degen: Ja, das täuscht. Das Bild vom Mann als alleinigem Ernährer hat nie ganz gestimmt. Reine Hausfrauen gab es nur in gut situierten Familien, in denen der Mann als Lehrer, Unternehmer oder Pfarrer arbeitete. Bei den ärmeren Familien mussten schon immer Mann und Frau Geld verdienen. Gerade in den Schweizer Textilfabriken arbeiteten sehr viele Frauen – zuerst Schweizerinnen, dann Ausländerinnen – bevor diese in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts nach und nach schlossen.

Woher kommt dann das Bild von der traditionellen Familie mit der klaren Rollenteilung von Mann und Frau?
Unser Geschichtsbild wird von jenen geformt, die eine Stimme haben. Das sind die Gebildeten und Gutsituierten – eben diejenigen, deren Frauen zu Hause blieben. Die Arbeiter und ihre Lebenswelt hingegen kommen in den Medien kaum zu Wort. Interessanterweise ist das Bild der Hausfrau aber nicht überall gleich stark verankert: Während es in der Schweiz und in Deutschland das traditionelle Ideal ist, war es in Frankreich schon immer völlig normal, dass die Mütter arbeiten.

Woher kommt dieser Unterschied?
Es erklärt sich wohl damit, dass die bürgerlichen Traditionen in der Schweiz und in Deutschland stärker sind als in Frankreich. Zudem kümmerte sich der Staat dort viel früher um die Betreuung der Kinder und richtete selbst in ländlichen Gegenden Tagesschulen ein.

Wann kam der Einverdienerhaushalt überhaupt auf?
Das hängt vom Einkommen ab. Bei bürgerlichen Berufen war das schon im 19. Jahrhundert der Fall. Bei schweizerischen Arbeitern dauerte es bis nach dem Zweiten Weltkrieg, bei ausländischen Arbeitern hingegen kommt es auch heute kaum vor.

Stimmt der Eindruck, dass es heute mehr Familien gibt, die trotz Doppelverdiener-Einkommen nur knapp genug Geld zum Leben haben?
Ob es heute wirklich mehr Working Poor gibt oder nicht, ist schwierig zu sagen – in der Schweiz fehlen die entsprechenden Statistiken. Und diejenigen, die es gibt, sind verzerrt.

Inwiefern?

Wenn beispielsweise die Frau eines Handwerkers dessen Buchhaltung macht, taucht sie in den Statistiken nicht als Erwerbstätige auf – weil sie keinen Lohn erhält. Das heisst aber nicht, dass sie nicht im Betrieb gearbeitet hätte.

In Ermangelung statistischer Daten – was ist ihre persönliche Einschätzung?

Ich gehe davon aus, dass der Anteil armer Familien seit den 60er Jahren zugenommen hat. Das liegt erstens daran, dass es in den 60er und 70er Jahren einfacher war, einen Job zu kriegen. Der Mangel an Arbeitern war so gross, dass bis in die 70er sogar Rentner und Schüler eingestellt wurden. Das ist heute schwieriger. Zweitens sind bei den Schlechtverdienern die Reallöhne gesunken. Das zeigen zumindest die Daten für die USA; in der Schweiz fehlen die entsprechenden Zahlen. Ich glaube aber, hierzulande ist es ähnlich. Drittens war das Geld früher weniger wichtig.

In welchem Sinne?

Man brauchte nicht für alles Geld: So konnte man zum Beispiel Beeren im Wald sammeln gehen und daraus Konfitüre machen. Aus weggeworfenen Teilen konnte man sich selber ein Velo zusammen basteln. Und die Kinderkleider erhielt man vom Nachbarn.

Das könnten wir ja immer noch so machen.
Heute zählt der Schein mehr als die Funktion. Wenn ein Kind mit geflickten Kleidern zur Schule kommt, wird es sofort zum Aussenseiter. Vielleicht fielen ärmere Familien in den 50er und 60er Jahren auch deshalb weniger auf, weil mehr Leute ärmlich gekleidet waren.

Sind nicht auch die gestiegenen Fixkosten ein Grund, warum Schlechtverdiener Probleme haben, über die Runden zu kommen?

Das spielt sicher auch eine Rolle. Der Verkehr kostet heute viel mehr als in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als man noch zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit ging. Auch gereist ist man kaum: Man hatte weder das Geld noch die Ferien dazu. Zudem sind die Ansprüche gestiegen. So heizte man früher beispielsweise nur ein Zimmer und lebte viel enger zusammen.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Elisa Steiner am 18.04.2014 17:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieder gelogen

    Das ist schlicht gelogen. In den 50iger, 60iger und 70iger Jahren haben normale Arbeiter, so z.B Drucker, Buchbinder etc. die Familie mit ihrem Lohn unterhalten. Unsere Mütter waren Hausfrauen, die den Haushalt machten inkl. kochen, flicken, nähen, stricken, einmachen etc..Es musste gespart werden, die Kinder mussten alles teilen, es gab Wanderferien, wir hatten keine Nike Schuhe, keinen Fernseher, schon gar nicht jeder einen eigenen, kein Markenzeugs und trugen Kleider von Bekannten nach. Aber die ganze Familie spielte zusammen und wir hatten es schön. Die heutigen Ansprüche sind gestört.

  • Kirchenmaus am 18.04.2014 16:58 Report Diesen Beitrag melden

    was ist "arm"

    Ich möchte die Möglichkeiten von Familien mit kleinem Einkommen keinesfalls diskreditieren, aber "arm" ist sehr relativ. Meine Eltern konnten sich kein Auto leisten.. wir haben coole Veloferien gemacht.. mit Zelt und Schlafsack. Es gab nur selten Fleisch auf dem Tisch.. und wir haben die Spaghetti und Pfannkuchen geliebt. Wir flogen nicht nach den Kanaren - für uns war schon Vorarlberg "weit weg". Ich hatte kein Schnöööke-Mountainbike .. sondern ein altes Rücktritt-Velo von einer SBB Gant. Und trotzdem waren wir nicht "arm".. sondern bescheidener.

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  • MTO am 18.04.2014 17:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gerechtigkeit muss her!

    Ich darf sagen, dass ich sehr viel Vermögen habe, eine Firma mit 65 Angestellte und eine soziale Ader habe. Keiner kann sich über seinen Lohn beklagen. Leider bin ich mit den meisten wohlhabenden Kollegen nicht einverstanden. Es kann nicht sein, dass gewisse Leute mit Jachten und Autos prallen und den Arbeitern ein Hungerlohn bezahlen!!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Zufrieden am 29.04.2014 07:00 Report Diesen Beitrag melden

    Die Finanzperversion der Abzocker

    ist auch eine Form der Armut. Wer sich nur über Geld und Besitz zu definieren vermag, ist nicht zu beneiden.

  • Cellius am 25.04.2014 14:17 Report Diesen Beitrag melden

    Einige wenige fressen das Geld aller...

    Ach ja? Was für ein Wunder. Solange es Leute gibt, welche in einem Jahr soviel verdienen wie ein durchschnittlicher Arbeiter sein ganzes Leben lang nicht verdienen kann, wird das sicher nicht besser. Und kommt jetzt nicht mit Neid. Jeder Reiche welcher hart dafür gearbeitet hat, hat sein Reichtum auch sicher verdient, nur haben diese selten solch überirdischen Löhen jenseit von jeglichem Verständnis. Da man Hypververdienern dann noch Steuererleichterungen zuschanzt, muss die Kohle halt wieder vom kleinen Bürger erbracht werden.

  • Heidi B. am 23.04.2014 16:33 Report Diesen Beitrag melden

    Auch Zuwanderer ein Problem

    Es wird länger je mehr arme Leute geben.Wenn die heutige Jugend in 50 Jahren im Pflegeheim ist ,können sie diese gar nicht mehr bezahlen.Darum nehmen immer je mehr Leute die Pflege einer ausländischen Person in Anspruch immerhin billiger als das Altersheim.Kenne viele Beispiele wo die Kinder das Haus ihrer Eltern verkaufen mussten wegen den Pflegeheimkosten.Finde das eine traurige Entwicklung.Zudem kommen zu tausenden in die Ch und wollen Arbeit eine negetative Entwicklung.Auch IV +AHV bekommen dadurch Schulden.Aber Hauptsache man hat Milliarden für so einen Gripen.

    • Mittelstand am 29.04.2014 10:07 Report Diesen Beitrag melden

      Ich bin es langsam leid!

      In letzter Zeit wird bei jedem Thema auf den Gripen gelenkt. Auch dieses Thema hat nichts mit dem Kauf vom Gripen zu tun und trotzdem kommt man von der Armut der Familien auf die Abstimmung über die Sicherheit der Schweiz. Sind Sie auch einer von denen, die glauben dass man die Kosten für den Gripen lieber woanders investieren sollte? Wachen Sie endlich auf!!!

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  • Common Sense am 22.04.2014 15:47 Report Diesen Beitrag melden

    Reality

    Wenn man sieht, dass es am Ende des Monats knapp wird, dann sollte man doch seine Lebensansprüche herunter schrauben... Karibik-Urlaub und Marken-Klamotten, sind heute anscheinend der Standard. Wir leben in einer Gesellschaft, in der jeder das Beste aus sich machen kann (Ausnahme, körperliche Benachteiligung), Bildung kostet nichts, Fleiss wird belohnt!

  • Mauro am 22.04.2014 14:55 Report Diesen Beitrag melden

    irgendwie ja und nein

    in den 60'igern hatte nicht jede 3 Zimmerwohnung 2 Bäder, einen Steamer, Parkett- resp. Steinböden und Waschmaschine mit Tubler. Wenns mehr hat, kostest auch mehr.