Christliche Leitlinien

28. Juni 2017 21:12; Akt: 28.06.2017 21:22 Print

«Homosexualität ist vielleicht nur eine Phase»

von B. Zanni - Eine Broschüre des Bunds Evangelischer Schweizer Jungscharen rät ihren Mitgliedern, nur Sex in einer heterosexuellen Ehe zu haben. Sie soll jetzt überarbeitet werden.

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In den Leitlinien der aktuellen Broschüre des Bunds Evangelischer Schweizer Jungscharen BESJ für Gruppenleiter steht: «Ich lebe meine Sexualität in einer heterosexuellen Ehe.» Adrian Jaggi, Mediensprecher und Mitglied der Bundesleitung des BESJ, relativiert auf Anfrage: «Wir beschreiben hier lediglich Ideale und sind uns bewusst, dass wir diesen nie gerecht werden.» Den Kirchen stellt der BESJ frei, ob sie homosexuelle Leiter engagieren oder nicht. Allerdings gibt es dem BESJ angeschlossene Gemeinden, die keine schwulen oder lesbischen Leiter tolerieren. Jugendpastor A.K.* erklärt: «Wenn jemand Verantwortung übernehmen möchte, braucht man die gleichen Überzeugungen.» Seit den 90er-Jahren unterstützt der Bund den BESJ, dem über 15'000 Kinder und Jugendliche angeschlossen sind, finanziell. Sie würden gern eine Themenkonkordanz «zeitgemässer Begriffe» zur Verfügung stellen, kündigt der BESJ das Dossier auf seiner Website an. Inzwischen wurden die Inhalte gelöscht. Mit «Hilfsmitteln» unter der Rubrik Homosexualität sollen die Leiter der Teenie-Gruppen beim Bund Evangelischer Schweizer Jungscharen BESJ in den Andachten die Homosexualität aufgreifen. «Organisationen mit einem solch extremistischen Gedankengut haben in der Schweiz nichts verloren», sagt SP-Nationalrat Angelo Barrile. Es müsse verboten werden, dass Jugendorganisationen solche Aussagen verbreiten könnten. Auch SP-Nationalrat Mathias Reynard ist schockiert. Er fordert, dass auf den BESJ Druck ausgeübt wird, solch homophobes Gedankengut ab sofort nicht mehr zu propagieren. Laut Sektenexperte Georg Schmid vertritt der BESJ eine traditionelle freikirchliche Position. «Homosexuelle Mitglieder müssen sich dort bisher zwischen ihrer Kirche und dem Ausleben ihrer Sexualität entscheiden.» Mittlerweile sei im freikirchlichen Bereich in dieser Frage aber ein Umdenken im Gang. Andere Kritiker wollen weniger strikt vorgehen. «Verbote führen nur dazu, dass radikalisiert wird», sagt BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti. Ein runder Tisch unter anderem unter der Leitung von EVP-Nationalrätin Marianne Streiff sieht vor, dass von der Finanzierung ausgeschlossene Jugendorganisationen einen nationalen Dachverband gründen, der als Partner mit der Aus- und Weiterbildung von J+S-Leitern betraut werden kann.

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Sofort entfernte der Bund Evangelischer Schweizer Jungscharen BESJ das schwulenfeindliche und heftig kritisierte Online-Dossier von seiner Website. «Wir sind gar nicht homophob», stellte Adrian Jaggi, Mediensprecher und Mitglied der Bundesleitung des BESJ, klar. Und er betonte: «Gott gebietet uns, sich selbst und den Nächsten zu lieben – damit sind auch Homosexuelle gemeint.» Man sei offen für Homosexuelle.

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Die Leitlinien in der aktuellen Broschüre des BESJ für Gruppenleiter, die 20 Minuten vorliegt, zeigen allerdings ein anderes Bild. «Ich lebe meine Sexualität in einer heterosexuellen Ehe» – so lautet einer der vier Leitlinien für den Alltag. Auf diese Weise sollten Kinder und Teenies «eine positive Identität des eigenen Geschlechts finden und nachhaltig gute Entscheidungen in Bezug auf Partnerschaft und Ehe treffen», steht einleitend. Eine Broschüre aus dem Jahr 2007 legte sogar folgende Voraussetzungen fest: «Als Leitende im Alltag leben wir weder im Konkubinat noch in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung.»

«Wir beschreiben lediglich Ideale»

Adrian Jaggi relativiert auf Anfrage: «Wir beschreiben hier lediglich Ideale und sind uns bewusst, dass wir diesen nie gerecht werden.» Es handle sich um christliche Ziele, die sie für erstrebenswert hielten. Damit sich niemand eingeschüchtert fühle, habe man den Text im Gegensatz zu den Leitlinien aus dem Jahr 2007 positiv formuliert. «Aber auch hier werden wir sicher nochmals über die Bücher gehen, denn es soll sich niemand angegriffen fühlen.» Den Kirchen stelle der BESJ frei, ob sie homosexuelle Leiter engagierten oder nicht.

Allerdings gibt es dem BESJ angeschlossene Gemeinden, die keine schwulen oder lesbischen Leiter tolerieren. Jugendpastor A.K.* erklärt: «Wenn jemand Verantwortung übernehmen möchte, braucht man die gleichen Überzeugungen.» Oute sich ein Leiter als homosexuell, suchten sie das Gespräch. «Es interessiert uns zu erfahren, inwiefern er sich mit uns identifizieren kann und ob seine Homosexualität vielleicht nur eine Phase ist.»

Leiter hätten eine Vorbildfunktion

Die Vorbereitungen der Predigten homosexueller Leiter müssten denn auch enger begleitet werden, sagt A.K.. Unter Umständen könnten Homosexuelle nämlich Werte wie Liebe und Familie anders bewerten. «Wir wollen, dass unsere Leiter wie in der Bibel die Sexualität zwischen Mann und Frau als positiv vermitteln.» Schliesslich hätten die Leiter auch eine Vorbildfunktion.

«Deswegen sind wir aber noch lange nicht homophob.» Sie würden die Homosexualität hinterfragen, sie aber nicht verteufeln. «Ich habe zum Beispiel einen guten Freund, der homosexuell ist. Es käme mir niemals in den Sinn, ihn deswegen als Menschen nicht zu akzeptieren.»

*Initialen von der Redaktion geändert.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dairo am 28.06.2017 22:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Oeffentlichkeit

    Jung mit alt ...alt mit jung, Frau mit Mann, Mann mit Mann, Mann mit 2 Frauen usw. für jede Vereinigung müssen die jeweiligen Partner das Einverständnis dazu geben. Nicht die Öffentlichkeit.

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  • patur96 am 28.06.2017 21:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht alle sind so

    Alles immer in die gleiche Schublade stecken ist einfacher als sich ein richtiges Bild davon zu machen. Ich bin selber Jungscharleiter in einer Jungschar und es schmerzt wirklich wenn man in die gleiche Schublade gesteckt werden wie Homophobe. Ich, und sicher auch viele andere, stecke sehr viel Energie, Frude und Liebe in einen Jungscharnachmittag und wollen die Kinder auch einfach in den Wald bringen und tolle Spiele machen etc.. klar, es gibt solche die so denken und ganz persönlich finde ich das auch nicht okay.. aber es gibt auch solche die nicht so denken.

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  • Regina . am 28.06.2017 22:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schon wieder dieselbe Leier

    Leben und leben lassen... Love is Love!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • christoph lenzi am 29.06.2017 18:24 Report Diesen Beitrag melden

    Christliche Spätzünder leiden heftig

    Gerade religöse Gruppen drängen Menschen mit solchen Sprüchen in die Enge und auch in eine Heteroehe wider allem persönlichem Empfinden. Ich kenne einige Fälle in welchen erst mit 33 - 38 der Druck so gross wurde, endlich zu seiner Art zu Fühlen zu stehen - meist sind die Betroffenen dann schon verheiratet und haben Kinder. Die Verletzungen welche dann zu Tage treten sind noch um einiges schlimmer als wenn man in jungen Jahren zu seiner Art zu fühlen stehen kann.

  • Marion am 29.06.2017 16:25 Report Diesen Beitrag melden

    Wer hat,s erfunden ??

    Schlimm... das es noch solche veralteten Meinungen gibt !!! Zeigt mal wieder wohin uns diese Bigotterie bringt !! Aber Priester die sich an kleinen Jungs vergreifen da schiebt man schön den Teppich des Schweigens drüber. Bin wirklich froh das ich nicht mehr in diesem Verein...in jeglicher Hinsicht.

  • Frank am 29.06.2017 13:23 Report Diesen Beitrag melden

    aufhören damit

    Die sollen sich nicht darum bemühen, dass sich niemand angegriffen fühlt. Die sollen aufhören, diskriminierende Inhalte unter Kindern und Jugendlichen zu verbreiten!

  • Un. Gläubig am 29.06.2017 13:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Religion

    Religion ist auch nur eine Phase doch gibt es immer wieder solche die auf diesen Irrglaube hereinfallen.

  • Hotwith am 29.06.2017 12:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Egal wer mit wem

    Ich unterstütze die liebe egal wer.