Geoutet und bedroht

09. März 2018 07:35; Akt: 09.03.2018 13:20 Print

«Ich bin Albaner, schwul und stehe dazu»

Der Schweiz-Kosovare Admir H. aus Zürich ist in einer Facebook-Gruppe an den Pranger gestellt worden, weil er homosexuell ist und Frauenkleider trägt. In Live-Videos schlägt er zurück.

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«Ich bin ein homosexueller Transvestit», erklärt Admir H. (20) aus Zürich. «In meinem Herzen bin ich eine Frau und kleide mich dementsprechend. Und ich stehe klar auf Männer. Da ich aber nun einmal in diesem falschen, männlichen Körper geboren wurde, mache ich das Beste daraus.» Im Gegensatz zu vielen anderen Homosexuellen aus dem Kosovo will er seine Identität nicht verleugnen. Für viele Landsleute ist er ein rotes Tuch: «Sie beschimpfen mich, wollen meinen Tod.» Manche würden ihr Verhalten ihm gegenüber mit der Kultur und der Religion begründen: «Beispielsweise erinnern sie mich daran, dass Homosexualität gemäss dem Koran eine Sünde ist.» Doch das sei nur ein Vorwand für ihr «mieses Benehmen». Admir H. sieht sich dank seinem Outing als Vorbild für diejenigen, die so empfinden wie er. «Die Leute können sich von meinem Mut und meiner Kraft ein Stück abschneiden.» Er sei aber überzeugt, dass ein Umdenken stattfinden wird: «Auch wir lachen und weinen, atmen und sterben. Uns unterscheidet nur die sexuelle Orientierung oder das falsche Geschlecht. Ich bin mir sicher, dass sich unsere Situation in der albanischen Community in den nächsten Jahren verbessert.» Angefangen hat der Shitstorm, nachdem er in einer albanischen Facebook-Gruppe mit über 50'000 Mitgliedern von einem Nutzer als schwul geoutet wurde. Daraufhin erhielt Admir H. viele Hasskommentare. Beispielsweise: «Verbrennt das Ding, bevor es noch Eier legt.» Oder: «Ich würde ihm das Leben / seine Seele mit meinen Fingernägeln nehmen.» Oder auch: «Hurensohn» und «ekliger Alter».

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«Verbrennt das Ding, bevor es Eier legt», «Ich würde ihm das Leben mit meinen Fingernägeln nehmen», «Hurensohn» und «ekliger Alter»: Solche Kommentare musste sich Admir H.* (20) in den letzten Tagen von seinen Landsleuten anhören. Auch wurde er mit dem Tod bedroht. Angefangen hat der Shitstorm, nachdem er in einer albanischen Facebook-Gruppe mit über 50'000 Mitgliedern von einem Nutzer als schwul geoutet wurde. Obwohl Homosexualität laut Admir in der albanischen Community geächtet wird, steht er offen dazu. Auf Facebook ging er live und erklärte sich.

Schaut man die Kommentare in der Gruppe an, zeigt sich: Viele haben Mühe damit, dass Admir H. mit den Tabus bricht. «Ich bin ein homosexueller Transvestit», erklärt der Zürcher. «In meinem Herzen bin ich eine Frau und kleide mich dementsprechend. Und ich stehe klar auf Männer. Da ich aber nun einmal in diesem falschen, männlichen Körper geboren wurde, mache ich das Beste daraus.» Dieser falsche Körper gebe ihm auch gewisse Freiheiten: «Ich kann auch Dinge machen und erleben, die Frauen niemals können.» Deshalb zaudere er noch, eine Geschlechtsangleichung vorzunehmen.

«Sie beugen sich dem Druck aus der Gemeinschaft»

Admir H. ist, wie er selbst sagt, in «einer typisch kosovarischen Familie unter gläubigen Muslimen» aufgewachsen. «Kulturelle oder religiösen Handschellen» habe er sich aber nicht anlegen lassen. «Ich wusste schon immer, wer ich bin und was ich will, obwohl andere versuchten, dies zu ändern oder mir ein schlechtes Gewissen zu machen für das, wie ich bin.» Inzwischen sei er seit Jahren bei seiner Familie geoutet. Zu Beginn habe das zu Konflikten geführt. Zwischenzeitlich habe er sich distanzieren müssen.

Anders als er würden sich viele Homosexuelle oder Transmenschen aus dem Kosovo oder dem restlichen Balkan dem Druck aus der Gemeinschaft aber beugen: «Das führt dazu, dass sie ihr wahres Ich kaum kennenlernen oder totschweigen müssen», sagt Admir und seufzt dabei traurig. Für ihn wäre das eine Lebenslüge: «Ich könnte das nie. Was bringt es mir, wenn ich sterbe und nicht einmal meine Liebsten wissen, wer ich tatsächlich war?»

«So behandelt zu werden, macht einsam»

Laut Admir gibt es viele Homosexuelle und Transmenschen aus dem Balkan in der Schweiz. Dass sie sich nicht mal in der Schweiz getrauten, sich zu outen, tue ihm leid. Obwohl die Situation hier besser sei als im «eher homophoben und transphoben Balkan». «Immerhin treffen wir uns hier im Ausgang, beispielsweise an Balkan-Gay-Partys», so Admir, der bis vor rund drei Wochen mit einem Albaner eine Beziehung führte. «Im Kosovo kannst du das Leben als unseresgleichen vergessen.» Es sei aber nicht in allen Balkanländern gleich schlimm. Albanien sei da schon etwas weiter. «Sie haben beispielsweise Schwulenbars.»

Seine Landsleute würden sich oft keine Gedanken machen, wie es für Leute wie ihn ist, in einem «unsichtbaren Gefängnis» zu leben. Auch realisierten sie nicht, dass es zahlreiche Homosexuelle und Transmenschen gibt und dass sie selbst jemanden wie ihn in der Familie haben könnten. «So behandelt zu werden, macht einen einsam, verletzlich, aber irgendwie lernt man, damit zu leben», so Admir. «All die negativen Vorkommnisse in meinem Leben haben mich stärker gemacht, deshalb kann ich so offen darüber sprechen.»

«Homosexualität ist eine Sünde im Koran»

Wie homophob und transphob viele Leute aus dem Balkan seien, zeige sich im Verhalten seiner Landsleute ihm gegenüber: «Sie beschimpfen mich, sie wollen meinen Tod. Sie vergessen aber, dass ich trotz allem als Albaner sterbe.» Erst wenn sie seine «albanische Asche» sehen würden, würden sie merken, dass nicht Leute wie er den Albanern «das Gesicht nehmen, sondern verständnislose Leute, die andere mies behandeln oder zu so einer Tat fähig wären». Manche würden ihr Verhalten ihm gegenüber mit der Kultur und der Religion begründen: «Beispielsweise erinnern sie mich daran, dass Homosexualität gemäss dem Koran eine Sünde ist.» Doch das sei nur ein Vorwand für ihr «mieses Benehmen».

Admir H. sieht sich dank seinem Outing als Vorbild für diejenigen, die so empfinden wie er. «Die Leute können sich von meinem Mut und meiner Kraft ein Stück abschneiden. Ich bin Albaner, schwul und stehe dazu», sagt er. «Ich bin mir sicher, dass sich unsere Situation auch in der albanischen Community in den nächsten zehn Jahren verbessert.» Er wünsche sich, dass seine Landsleute mit der Zeit verstehen, dass Homosexuelle und Transmenschen in der Gesellschaft zumindest akzeptiert werden wollen. «Auch wir lachen und weinen, auch wir atmen und sterben. Uns unterscheidet nur die sexuelle Orientierung oder das falsche Geschlecht.»

*Name der Redaktion bekannt

(qll)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Maxxx am 09.03.2018 09:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jedem das seine

    Ich albaner finde es nicht schlimm Jedoch nervt es mich das hier dargestellt wird als würden nur die albaner ein problem damit haben auch in der schweiz ist nicht nur tolleranz auffindbar..

    einklappen einklappen
  • SJthecat am 09.03.2018 08:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hut ab

    Ich habe einen albanischen Kumprl, der sich nur im - mehrheitlich schweizerischen - Freundeskreis geoutet hat. Seine Familie und andere Leute wissen nichts davon, weil er Angst hat vor einem Ehrenmord. Das darf hier in der Schweiz einfach nicht sein! Hut ab, dass Admir sich traut, so offen hin zu stehen, ich könnte das nicht.

  • Toni am 09.03.2018 09:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ???

    Bin selber Albaner und habe 5 Jahre mit einem schwulen geouteten Albaner bei einem Betrieb mir über 400 Angestellten gearbeitet. Er wurde nie gemobbt oder vernachlässigt. Imgegenteil er kam mit uns in den Ausgang oder zum Mittag essen. Mensch ist Mensch- wenn er mit seiner "sexuellen Situation" klar kommt und wohl fühlt, hat mich der Rest nicht zu interessieren!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Pink Eagle am 09.03.2018 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    Mut!

    Lieber Admir Ich kann mir nur wage vorstellen, wie schwer es für dich gewesen sein muss, zu deiner Orientierung offen zu stehen und dich zu outen. Meinen Respekt und meine Hochachtung hast du auf jeden Fall. Du gibst vielen Menschen Mut, vergiss das niemals. :) Ich arbeite und lebe fast schon in Zürich und es ist erstaunlich, wie oft ich Landsmänner antreffe, welche ihre sexuelle Orientierung geheimhalten, nur weil man Angst davor hat, seine Eltern zu "enttäuschen". Eine Scheinehe mit einer Frau aus der Heimat führen, nur um nicht "entdeckt" zu werden oder aufzufliegen.

  • Beo Bachter I am 09.03.2018 13:29 Report Diesen Beitrag melden

    Leidiges Thema

    Man soll diese Menschen respektieren wie jeden anderen auch. Jedoch haben mir die "Toleranten" auch nicht vorzuschreiben diese Neigungen für gut zu befinden. Meiner Meinung nach leben wir in einer zunehmend orientierungslosen Gesellschaft die einfach alles "geil" findet.

  • Gene Belcher am 09.03.2018 13:26 Report Diesen Beitrag melden

    alles gute lieber admir

    hoi admir, ich wünsche dir viel kraft, energie und liebe auf deinem lebensweg. deine geschichte berührt mich tief und ich wünsche dir alles erdenklich gute. :)

  • Wendy E. Müller am 09.03.2018 13:22 Report Diesen Beitrag melden

    ......

    In meinem Herzen bin ich eine Frau und kleide mich dementsprechend - Also für mich scheint es so als er/sie Trans ist und nicht Transvestit. Ein Transvestit kleidet sich als Frau für den show effekt. Ich bin Trans. Viele verwechseln das.

  • Kuki am 09.03.2018 13:20 Report Diesen Beitrag melden

    Schockierend wenn man um sein Leben

    bangen muss?! In welchem Jahrhundert leben wir?