Schweizer Roma-Frau

08. April 2017 13:28; Akt: 08.04.2017 13:28 Print

«Ich bin eine stolze Zigeunerin»

von B. Zanni - Die Bernerin M.S. (28) kämpft gegen die Diskriminierung von Roma in der Schweiz. Jetzt sucht sie eine Lehrstelle.

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Frau S., Schweizer mit Roma-Wurzeln protestieren gegen Klischees und Diskriminierung. Kennen Sie das?
Auf jeden Fall. Deshalb habe ich meine Herkunft oft verschwiegen, wenn mich jemand danach fragte. Ich habe zwar den Schweizer Pass, aber mit meiner dunklen Haut und den dunklen Haaren sah ich zu ausländisch aus, um mich als gebürtige Schweizerin auszugeben. Ich sagte jeweils, ich sei Spanierin. Doch eigentlich bin ich stolze Zigeunerin.

Umfrage
Fühlten Sie sich von anderen Menschen in irgendeiner Form schon einmal diskriminiert?
61 %
26 %
6 %
7 %
Insgesamt 2030 Teilnehmer

Viele Schweizer denken da an Menschen, die im Wohnwagen umherziehen, musizieren, betteln und aus der Hand lesen.
Damit habe ich überhaupt nichts zu tun. Ich weiss gar nicht, welche meiner Vorfahren zuletzt noch nicht sesshaft waren. Erfahren Leute in der Schweiz von meiner Herkunft, haben sie aber immer wieder solche Vorurteile. Sie glauben auch, dass Zigeuner klauen und dreckig sind. Einmal fragte ich eine Verkäuferin in einem Schmuckgeschäft, ob sie mir etwas zeigen könne. Ich erzählte ihr, dass ich als Zigeunerin Goldschmuck besonders möge. Darauf musterte sie mich misstrauisch und sagte: «Dafür haben Sie kein Geld.» Dabei hatte ich mit ihr zuvor ein nettes Gespräch geführt. Diskriminiert fühle ich mich auch bei der Lehrstellensuche.

Warum?
Ich habe ein Bürofachdiplom und würde gern eine KV-Lehre machen. Mittlerweile habe ich über 100 Bewerbungen abgeschickt und nur Absagen erhalten. Ich glaube, dass es an meiner Herkunft liegt. Kam es zu einem Bewerbungsgespräch, waren die Arbeitgeber auch oft skeptisch. Sie betonten immer wieder, dass die Angestellten in ihrer Firma «sehr viel Geld» verwalteten. Von meinen vorherigen Arbeitgebern erfuhr ich, dass viele nachfragten, ob ich schon einmal Geld geklaut hätte. Das ist ungerecht, denn ich habe mir in der Schweiz alles selbst hart erarbeitet. Nie im Leben habe ich etwas geklaut.

Was war besonders hart?
Ich war 15 Jahre alt, als ich mit meinen Eltern aus Serbien in die Schweiz flüchtete. In Serbien hatte ich die obligatorische Schulzeit absolviert und hätte in der Schweiz gern das Gymnasium besucht oder eine Lehre gemacht. Meine Eltern wollten dies aber nicht. Ich musste den ganzen Tag zu Hause bleiben. Sie hatten Angst, dass ich als Zigeunerin in der Schweiz schlecht behandelt werden könnte. Auch fanden sie, dass es für mich höchste Zeit war, zu heiraten. Sie stellten mir etwa sieben Männer vor, die sie auf Hochzeiten und Roma-Partys für mich ausgesucht hatten. Ich gab jedem einen Korb. Aus Angst vor einer Zwangsheirat haute ich für zwei Tage ab. Als ich zurückkam, sahen meine Eltern ein, dass ich wirklich nicht heiraten wollte.

Und dann?
Ich wollte mich unbedingt integrieren, Deutsch lernen und selbstständig sein. Zum Glück hatte ich die Gelegenheit, einen Gastronomie-Kurs zu absolvieren und fand eine Stelle in einem Hotel. Weil ich Geld verdienen wollte, arbeitete ich jeden Tag bis zu 18 Stunden. In der Schweiz konnte ich mir ein Leben aufbauen, von dem ich in Serbien nur hätte träumen können.

Wie meinen Sie das?
In Serbien werden Zigeuner wie der letzte Dreck behandelt. Fahrende Zigeuner können weder lesen noch schreiben und sind völlig ungebildet. Sie klauen und arbeiten nicht. Da mein Bruder und ich dunkelhäutig sind, warfen uns die Serben mit diesen Zigeunern in denselben Topf. Wir hatten aber ein Haus und mein Vater arbeitete als Daunenproduzent. Aus Wut auf unsere Herkunft brachen Serben bei uns immer wieder ein. Einmal schlugen sie meinen Vater und verlangten Geld mit der Drohung, mich ansonsten zu vergewaltigen. Aber auch die anderen Kinder waren gemein.

Was machten sie?
In der Schule waren mein Bruder und ich die einzigen Zigeunerkinder. Die anderen Kinder schlossen uns deshalb aus. Ich hatte keine Freunde. Niemand wollte sich in der Schule neben mich setzen. Auch lud mich kein Kind an sein Geburtstagsfest ein. Dabei unternahm meine Mutter alles, damit uns andere Kinder nicht ausschliessen konnten.

Haben Sie ein Beispiel?
Sie hatte Angst, dass uns jemand vorwerfen könnte, wir seien dreckig. Jede Woche holte sie jemanden nach Hause, der unsere Köpfe nach Läusen absuchte. Mein Bruder und ich hatten nie Läuse. Unsere Mutter schamponierte unsere Haare aber trotzdem mit diesem scheusslichen Gegenmittel ein.

Was muss sich in der Schweiz ändern?
Ich lebe wie eine Schweizerin. Die Schweizer sollten endlich akzeptieren, dass wir Schweizer Roma uns längst integriert haben. Mit Roma, die klauen, betteln und singen, habe ich nichts zu tun.

M.S. ist 28 Jahre alt und lebt im Kanton Bern.