Kritik an Bildungssystem

14. Januar 2015 14:02; Akt: 14.01.2015 18:25 Print

«Fast 18 und keine Ahnung von Steuern»

von J. Büchi - Eine Gymnasiastin kritisiert, das deutsche Schulsystem bereite sie nicht auf das Leben vor. Auch in der Schweiz orten Jungpolitiker Handlungsbedarf.

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«Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.» Dieser Tweet von Naina, einer Gymnasiastin aus Köln, hat in Deutschland eine Debatte über die Allgemeinbildung an den Schulen entfacht. Die Nachricht der bis dahin unbekannten Schülerin wurde auf Twitter über 11'000-mal geteilt. Praktisch alle grossen deutschen Onlinemedien haben das Thema aufgenommen, in den Kommentarspalten bekommt die 17-Jährige viel Applaus.

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«Klar hat die junge Frau recht», schreibt beispielsweise ein Leser auf Focus.de. Das Volk beherrsche zwar die Integralrechnung, habe in der Allgemeinbildung aber grosse Lücken. Ein anderer kritisiert: «Wir quälten uns durch Hundertwasser, Kandinsky und Dalí.» Die Fragen «Wie wasche ich Wäsche? Wie handhabe ich meine Finanzen? Was ist bei Krediten zu beachten?» seien dagegen unbeantwortet geblieben. «Es wäre sicher nützlich, ein Fach 'Alltag' einzuführen.» Kritiker erwidern, es sei Sache der Eltern, die Kinder auf das Leben vorzubereiten.

«Nach der Matur kommen sie auf die Welt»

Die Diskussion lässt auch Schweizer Jungpolitiker aufhorchen. Anian Liebrand, Präsident der Jungen SVP, sagt, er höre vor allem von Gymnasiasten immer wieder, dass sie sich schlecht aufs Leben vorbereitet fühlten. «Nach der Matur kommen sie auf die Welt: Sie merken, dass sie literarische Werke interpretieren, aber keine Steuererklärung ausfüllen können.» Für Liebrand ist es deshalb wichtig, dass auch die Schweiz diese Debatte führt: «Sonst bilden wir haufenweise Leute aus, die zwar theoretisch eine gute Ausbildung haben, aber in der Wirtschaft nicht brauchbar sind.» Er fordert eine zusätzliche Wochenlektion im Fach «Wirtschaft und Recht», die praktischen Beispielen gewidmet ist.

Maurus Zeier, Chef der Jungfreisinnigen, ging selbst zuerst auf ein Gymnasium und hat dann eine Lehre als Kaufmann mit Berufsmatur begonnen. Er sagt: «In der Berufsschule wurden wir viel besser aufs Leben vorbereitet als im Gymnasium.» Es sei zwar klar, dass die gymnasiale Ausbildung per Definition einen anderen Zugang biete als eine Berufsschule – gewisse Basics seien aber auch da nötig. «Es ist im Interesse von Wirtschaft und Gesellschaft, dass jeder Bürger weiss, wie man eine Steuererklärung ausfüllt und eine Bewerbung schreibt.»

«Nicht nur lernen, was Wirtschaft nützt»

In einzelnen Bereichen sieht auch Juso-Präsident Fabian Molina Handlungsbedarf. «Die politische Bildung beispielsweise kommt tendenziell zu kurz.» Auch Schüler, die in diesen Fragen nicht auf die Unterstützung der Eltern zählen können, müssten lernen, wie man richtig abstimmt und wählt. Molina betont jedoch: «Unter dem Strich lernen wir in der Schule viel fürs Leben.» Dass an den Gymnasien Geisteswissenschaften einen hohen Stellenwert haben, sei richtig. «Es darf nicht nur darum gehen, zu lernen, was der Wirtschaft nützt. Genauso wichtig ist es, dass wir Zeit haben, über Sachen nachzudenken, die uns interessieren.»

Dies betont auch Gisela Meyer Stüssi, Vizepräsidentin des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrer: «Das Gymnasium ist kein Rezeptbuch, das für jedes Problem im Leben eine Lösung präsentiert.» Es gehe vielmehr darum, zu lernen, wo man sich die nötigen Informationen beschaffen kann. «Wenn die Schüler Fragen zur Steuererklärung haben, können sie beispielsweise auf ihre Eltern oder einen Lehrer zugehen.»

Gerade, um künftige Probleme anzugehen, sei auch die Auseinandersetzung mit Literatur oder Philosophie wichtig. «Wer eine politische Frage – etwa das Thema Sterbehilfe – diskutieren will, muss Kenntnisse darüber haben, wie die Thematik historisch zu verschiedenen Zeiten beurteilt wurde. Es ist zu kurzsichtig, sich immer nur mit den aktuellsten Alltagsproblemen zu befassen.»

Sind Sie derzeit in Ausbildung? Teilen Sie uns mit, was Sie in der Schule fürs Leben lernen! Schreiben Sie uns an feedback@20minuten.ch

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thomas Cisco am 14.01.2015 14:15 Report Diesen Beitrag melden

    Bring- oder Holschuld?

    Ich habe meinen Eltern über die Schulter geschaut und mich informiert. Im Leben wird man nie alles auf dem Silbertablett präsentiert bekommen. Tut euch selber drum! Seid mündig!

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  • Marco am 14.01.2015 14:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selbst...

    Ich habe keine akademische Ausbildung, habe es mir aber selbst beigebracht eine Steuererklärung auszufüllen, "learning by doing" so macht's ein "Nicht Akademiker"

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  • rolf mündig am 14.01.2015 14:12 Report Diesen Beitrag melden

    tja....

    Ich bin 17 Wochen in die RS gegangen und habe keine Ahnung von Knopf-Annähen, Kochen oder Wäsche machen. Aber ich weiss dafür wie man in der RS friert, rumsteht und sich an seinen Vorgesetzten nervt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Lulu am 16.01.2015 04:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sich informieren?

    Wie wäre es wenn man einfach Mal die Eltern fragt??? Anstatt immer faul rum zu sitzen und Party machen wäre das vielleicht intelligenter. Das habe ich auch gemacht und ich weiss was Steuern, Miete, Versicherungen etc sind. Eventuell sollte die heutige Jugend selbst Etwas tun und sich informieren. Gibt genügend Möglichkeiten

  • Realist am 15.01.2015 21:37 Report Diesen Beitrag melden

    am falschen Ort

    Wer im Gymnasium nichts relevantes lernt sollte das Gymnasium nicht besuchen. Gymnasium ist fuer Leute die Studieren wollen. Wer eher handwerklich orientiert ist sollte eine Berufslehre machen. Es muss nicht jeder studieren. Und ein bischen selbststaendigkeit schadet auch nichts. Fragt die Eltern. Ich brauche das Schylwissen sehr oft. Auch im taeglichen Alltagsleben.

  • Sv am 15.01.2015 21:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Von wem lernen?

    Die Eltern sind mit sich beschäftigt und haben es auch nicht gelernt, die Lehrer Leben in ihrer Welt welche Grossteil nicht der Realität entspricht und sind mit der Planung der Ferien beschäftigt. Ich erachte es auch teilweise als Aufgabe der Schule die Jugendlichen auf das Leben danach vorzubereiten und nicht nur Mathe., Deutsch, Franz., Turnen usw.

    • AE am 15.01.2015 23:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Selbstständigkeit

      Würde vorschlagen das man mithilft sich auf das leben vorzubereiten. Wen man etwas nicht kann/weiss muss man selbst was dagegen/dafür tun. Und nicht warten bis es von jemandem vorgekaut wird. Wen alles pfannenfertig serviert wird, so wird das leben ja langweillig. Willst du eine wohnung mieten, so informiere dich über die mietverträge, brauchst du ein zug-abo so besorge dir die infos selbst und geh zum sbb schalter. Mit ein bisschen weniger bequemlichkeit erfährt man die dinge zum leben von selbst. Und nur aus fehlern lernt man.

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  • K. am 15.01.2015 19:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Genervt

    Wollt ihr als Eltern euren Kinder nichts mit auf den Weg geben??? Nicht alles muss die Schule machen ( die Hälfte der Schüler schläft sowieso während des Unterrichts)... Oder kümmert euch selber drum als so rumzuheulen ... Was Milliarden Menschen vor euch geschafft haben, schafft ihr ja sicher auch... P.S. Wozu gibt es den die Typen die eure Steuererklärung machen wenn ihr es selber nicht könnt???

  • Kopfschüttler am 15.01.2015 12:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ganz klar!

    Wer eine Steuererklärung anhand der Anleitung nicht auszufüllen vermag gehört nicht an ein Gymnasium oder eine anderer höhere Schule!!!