Psychiater zum Vierfachmord

12. März 2018 08:42; Akt: 12.03.2018 10:28 Print

«Er ist kalt genug, um mit der Tat zu leben»

von Jennifer Furer - Wird Thomas N. vor Gericht Reue zeigen? Der forensische Psychiater Thomas Knecht blickt im Interview in die Psyche des mutmasslichen Täters von Rupperswil.

Über den Vierfachmord von Rupperswil hat 20 Minuten einen Dokumentar-Film gedreht. (Video: Murat Temel und Jennifer Furer)
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Noch heute beschäftigt mich die Frage, wie jemand zu einer solchen Tat, wie sie Thomas N. begangen haben soll, fähig sein kann.
Das ist sicher etwas, was man einer Durchschnittspersönlichkeit nicht zutrauen oder zumuten kann. Man muss nicht nur fähig sein, eine solche Tat zu verüben, sondern man muss es hinterher auch verkraften können. Es braucht schon eine besondere seelische Ausstattung.

Was gehört dazu?
Sicher eine überdurchschnittliche Belastbarkeit, also auch die Fähigkeit, eine Tötungshemmung zu überschreiten, ohne dass es einen selber emotional überwältigt. Eine gewisse Empathielosigkeit spielt da mit, das heisst, dass man sich gar nicht mit dem Leiden der Opfer identifiziert. Und es braucht sicher eine Brutalität, um den entscheidenden Schritt, eine Tötung aus kürzester Distanz, mit einem Messer zu vollziehen.

Wie würden Sie die Psyche des Täters einschätzen?
Drei bis vier Persönlichkeitsdimensionen würde ich als Experte sicher vertieft abklären. Die erste Dimension wäre der Narzissmusfaktor. Das ist eine ungesunde Selbstbezogenheit. Narzissten neigen dazu, ihre Umgebung nur als Ausbeutungsobjekt zu sehen, im materiellen oder sexuellen Sinn. Andere Personen sind ihnen nicht gleichgestellt, sondern dienen nur dazu, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.

Und der zweite Faktor?
Das ist der sogenannte Machiavellismus oder die machiavellistische Intelligenz. Dort geht es darum, dass eine Person andere Personen dazu bringt, notfalls gegen ihren Willen, sich so zu verhalten, wie man es selber wünscht, also dass das Verhalten den eigenen Zwecken dient. Hier spielen eine gewisse manipulative Fähigkeit und Kontrollfähigkeit und eine starke Persönlichkeit mit. Der dritte Faktor ist die «Psychopathie». Da geht es um die extreme Skrupellosigkeit. Also, dass jemand ohne emotionale Regungen andere überfallen, töten oder missbrauchen oder alles miteinander machen kann, ohne, dass er selber von irgendwelchen negativen Gefühlen, überwältigt wird. Dann gibt es noch eine vierte Dimension. Das wäre der Faktor Sadismus, also ist eventuell noch eine Lust am Quälen da.

Kann Thomas N. überhaupt reuig sein?
Wir unterscheiden in der Psychiatrie zwischen Tatreue und Tatfolgenreue. Wenn jemand eine Tat so minutiös plant, denke ich, ist er kalt genug ist, um mit dieser Tat zu leben, wenn sie unentdeckt bleibt. Aber wenn sie das nicht bleibt, hat es für ihn höchst negative Konsequenzen. Dann kommt sicher ein Gefühl des Bedauerns auf, weil das eigene Schicksal einen negativen Verlauf nimmt.

Die Kälte zeigt sich auch in der Tatsache, dass Thomas N. am Abend nach der Tat ins Steakhouse und Casino ging. Wie konnte er die Tat verdrängen?
Man geht davon, dass einem Durchschnittsbürger nach so einer Tat der Appetit vergeht. Aber wenn jemand die nötige Skrupellosigkeit, Gemütskälte und fehlende Empathie hat, dann kann er relativ schnell wieder zur Tagesordnung übergehen und in einem gewissen Sinn seinen Sieg, seinen Gewinn feiern, indem er sich selber etwas Gutes tut.

Welche Spuren hinterlässt eine solche Tat bei Ihnen?
Man wird sich bewusst, dass die menschliche Grausamkeit und Destruktivität fast keine obere Grenze hat. Das Menschenbild muss stückweise erweitert werden. Dementsprechend ist es ein Lerneffekt, an dem praktisch alle forensisch tätigen Personen partizipieren. Etwas in diesem Schweregrad habe ich bisher auch noch nicht begutachten müssen. Daher ist der Prozess sicher auch ein Studienobjekt für Fachleute.

Ist es möglich, dass Thomas N. irgendwann wieder freikommt?
Unmöglich ist in diesem Bereich gar nichts. Es ist sogar vorstellbar, dass irgendwann eine Therapiemethode erfunden wird, mit der auch schwerste Fälle normalisiert werden können. Aber wenn man sich den Forschungsstand ansieht, ist das ziemlich weit weg.

Denken Sie also nicht, dass Thomas N. lebenslang verwahrt wird?
Ich denke nicht, dass er für schuldunfähig erklärt wird. Das heisst, es wird primär eine Strafe geben. Vielleicht sogar die Höchststrafe, also lebenslänglich. Das bedeutet, Thomas N. wäre mindestens 15 Jahre im Gefängnis. Ein Gericht kann bei ganz schlechter Prognose eine Verwahrung aussprechen, weil man davon ausgeht, dass ein junger Mann auch nach der Höchststrafe noch gefährlich ist. Bei Thomas N. könnte ich mir das vorstellen, aber ich denke nicht, dass eine lebenslange Verwahrung ausgesprochen wird.

Wieso nicht?
Es gibt ja auch noch die ordentliche Verwahrung, bei der jedes Jahr die Fortschritte des Täters überprüft werden. Die radikale Lösung ist eben die lebenslange Verwahrung, bei der es keine Entlassung mehr gibt. Es ist eine Verwahrung bis zum Tod. Wenn ich die Praxis des Bundesgerichts anschaue, muss man Zweifel haben, ob diese überhaupt ausgesprochen werden kann, weil entsprechende Kriminalprognosen kaum praktizierbar sind. Eine Prognose bis zum Tod hält wissenschaftlichen Kriterien zurzeit noch nicht wirklich stand und ist schwierig zu stellen. Nach heutigem Erkenntnisstand der Psychiatrie ist es eigentlich gar nicht machbar.

Für den Entscheid, ob Thomas N. verwahrt wird, werden zwei psychiatrische Gutachten herbeigezogen. Wofür werden sie genau benötigt?
Das Gutachten muss gewöhnlich zu verschiedenen Beweisthemen Stellung nehmen. Eines ist, ob eine psychische Störung vorliegt und ob diese einen Einfluss auf die Schuldfähigkeit einer Person hat. Es geht also etwa um die Frage: Kann man Thomas N. mit den normalen Massstäben messen, kann man ihm die volle Verantwortung für das, was er gemacht hat, zusprechen? Zweitens geht es darum, ob er irgendwie behandelbar ist. Und der dritte Punkt, der heute fast am meisten interessiert, ist, wie gross die Gefahr ist, die jetzt noch vom Täter ausgeht. Also wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er vergleichbare Taten wieder verübt.

Können Sie das aus dem Stegreif beantworten?
Nein, das kann ich nicht mit einer genügender Genauigkeit sagen. Das sind Abklärungen, die heute zum Teil standardisiert sind. Man muss die ganze Lebensgeschichte, die Persönlichkeit des Täters und seine innere Einstellung kennen.

Wie ist es, als forensischer Psychiater mit so einem Menschen zu sprechen?
Es ist weniger problematisch als man denkt, weil der Täter den Psychiater als Hoffnungsträger und nicht als Bedrohung sieht. Er weiss, dass es etwas wie eine verminderte Schuldfähigkeit und Strafminderung gibt. Darum sind die Gespräche eigentlich überraschend entspannt. Was natürlich einkalkuliert werden muss, ist, dass der Täter nicht ergebnisoffen ist. Er will das Maximum für sich herausholen. Das heisst, er wird von Anfang an versuchen, den Gutachter günstig zu stimmen. Das läuft natürlich mit einer gewissen Regelmässigkeit auf Manipulationsversuche hinaus. Diese muss man erkennen und unterlaufen. Sonst könnte das Gutachten danebengehen.

Was würde das bedeuten?
Dann kommt es für den Täter zu günstig heraus. Das heisst, entweder gibt man ihm dann eine zu hohe Verminderung der Schuldfähigkeit oder man beurteilt seine Therapierbarkeit als zu günstig, was dazu führt, dass er eine Behandlung bekommt, die unzureichend ist. Es kommt dann schneller zu Lockerungen und zu mehr Freiheiten, was verheerend sein kann.