Mohrenkopf-Streit

15. September 2017 19:04; Akt: 15.09.2017 19:04 Print

«Ich esse keine Produkte mit Schimpfwörtern»

von B. Zanni - «Mohrenköpfe» gäben dunkelhäutigen Menschen das Gefühl, sie seien minderwertig, sagt die Afroamerikanerin Brandy Butler.

Bildstrecke im Grossformat »
«Ich kenne viele dunkelhäutige Leute, die in der Schweiz zur Schule gingen und auf dem Pausenplatz von anderen Kindern jeden Tag als Mohrenkopf ausgelacht wurden», sagt Brandy Butler. Der Stein des Anstosses: die Mohrenköpfe der Firma Dubler. Laut dem Komitee gegen rassistische Süssigkeiten ist der Name Mohrenkopf eine für den Kopf einer dunkelhäutigen Person. Es hat eine Petition gegen den Namen gestartet. , sagt Besitzer Robert Dubler im Interview mit 20 Minuten. Im Zusammenhang mit der Süssigkeit sei der Begriff nicht rassistisch, sonder sogar positiv besetzt. Eine Umbenennung des Produkts käme unter keinen Umständen infrage. Sein Vater habe im Jahr 1946 angefangen mit der Produktion. Die «Mohrenköpfe» hätten schon immer so geheissen. Laut Gülcan Akkaya, Vizepräsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus EKR, sein», sagt Akkaya. Celeste Ugochukwu, Präsident des afrikanischen Diaspora-Rates, befürwortet dagegen eine Namensänderung. Man solle dunkelhäutige Personen zwar nicht dauernd in der Opferrolle drängen, das habe auch etwas Rassistisches. Aber: Das gelte es zu vermeiden. Das Wort «Mohrenkopf» hat seinen Ursprung im althochdeutschen «mor», was die , das «maurisch» oder «afrikanisch» hiess. Auch die Muslime des mittelalterlichen Spaniens hiessen damals «moros», also Mauren. Im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm wurde der Mohrenkopf 1885 erstmals als «Biskuitgebäck mit Schokoladenüberzug» erwähnt. Seit den 1940er-Jahren gibt es den «Mohrenkopf» auch in der Schweiz.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Frau Butler, essen Sie gern Mohrenköpfe?
Nein. Ich mag Mohrenköpfe überhaupt nicht. Ich bin mehr der Gummibärchen-Typ. Aber auch wenn mir die Süssigkeit schmecken würde, liesse ich die Finger davon. Ich unterstütze doch keine Produkte, die sich mit Schimpfwörtern für eine bestimmte Gruppe von Menschen schmücken.

Haben Sie die Petition des «Komitees gegen rassistische Süssigkeiten» also unterschrieben? Diese fordert, dass die Firma Dubler ihre Mohrenköpfe umbenennt.
Natürlich. Das Wort Mohrenkopf ist verletzend. Ich habe das noch nie in einem positiven Kontext erlebt. Ich kenne viele dunkelhäutige Leute, die in der Schweiz zur Schule gingen und auf dem Pausenplatz von anderen Kindern jeden Tag als Mohrenkopf ausgelacht wurden. Produkte mit solchen Namen geben dunkelhäutigen Menschen das Gefühl, minderwertig zu sein und nicht zur Gemeinschaft zu gehören.

Die Firma Dubler nennt das Dessert schon seit 1946 so. Im Zusammenhang mit der Süssigkeit sei der Begriff nicht rassistisch, sondern positiv besetzt, sagt Besitzer Robert Dubler. Können Sie das nachvollziehen?
Wer darf entscheiden, ob das Wort positiv oder negativ besetzt ist? In der Schweiz leben auch farbige Menschen. Es gibt keinen Grund, Essen mit einer Hautfarbe zu verbinden – auch wenn es herzig gemeint ist.

Wie meinen Sie das?
Für einige Leute in der Schweiz ist es ganz normal, Schokoladenmandeln «Negerzechä» zu nennen. Auch erhielt ich schon Nachrichten von Männern, die mich mit «Schokoladenfrau» anschrieben. Sie meinten, sie würden mich gern in «allen Farben von dunkler Schokolade bis Caramelschokolade fressen». Die Firma Dubler hätte ein positives Zeichen setzen können für die gegenseitige Wahrnehmung von Weissen und Schwarzen, indem sie die Süssigkeit freiwillig schon vor Jahrzehnten umbenannt hätte. Schliesslich bieten sie ihre Produkte Kunden aller Hautfarben an.

Über 70 Prozent von gegen 100'000 Teilnehmern einer Leserumfrage von 20 Minuten sind jedoch der Meinung, dass der «Mohrenkopf» seinen Namen behalten solle. Sind das alles Rassisten?
Nein. Kein weisser Mensch, der einen Mohrenkopf isst, soll sich schlecht fühlen. Es geht mir um den negativen Gebrauch des Begriffs. Es darf nicht sein, dass eine ganze Generation Kinder eine Süssigkeit kauft, deren Name ein Schimpfwort ist.

Der Präsident des afrikanischen Diaspora-Rates machte darauf aufmerksam, dass man dunkelhäutige Personen nicht dauernd in die Opferrolle drängen solle. Machen Sie jetzt nicht genau das Gegenteil?
Nein. Rassismus ist ein Gift. Äusserlich sieht man es nicht. Es geht unter die Haut und verletzt überall. Der Rassismus ist auch im 21. Jahrhundert in der Schweiz noch nicht überwunden. Als ich 2003 als Au-pair in die Schweiz kam, hatten die Kinder Angst vor mir. Sie dachten, sie würden schmutzig, wenn sie meine dunkle Haut berühren.

Sollten Produktenamen wie «Mohrenkopf» oder «Mohrenbräu» und Gemeindewappen mit Mohren verboten werden?
Nein, damit kämen wir nicht weiter. Wir müssen kleine Schritte machen und das Problem an der Wurzel packen. Es beginnt damit, dass wir uns darüber einig werden müssen, was Rassismus heute überhaupt genau ist. Die verletzenden Kommentare auf die Petition zeigen, wie geteilt die Schweiz in dieser Frage ist. Den Schweizern muss deshalb immer wieder vor Augen geführt werden, welche Ungerechtigkeiten Dunkelhäutige wegen ihrer Hautfarbe durchleben mussten und heute leider immer noch müssen.

Brandy Butler (37) ist eine Schweizer Musikerin mit afroamerikanischen Wurzeln. Sie engagiert sich für ein positives Image schwarzer Menschen in der Schweiz, unter anderem mit der Organisation Blash.