Arbeitsloser Akademiker

18. November 2015 23:10; Akt: 19.11.2015 13:18 Print

«Ich hatte 200 Mitbewerber aus aller Welt»

Unter den Arbeitslosen sind immer mehr Hochqualifizierte. Ein promovierter Naturwissenschaftler erzählt, wie schwierig es ist, sich gegen hunderte Bewerber durchzusetzen.

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Heute verfügt in der Schweiz mehr als jeder dritte Erwerbstätige über eine höhere berufliche Bildung, ein Fachhochschul- oder Universitätsstudium. Doch eine gute Ausbildung schützt längst nicht mehr vor Arbeitslosigkeit: Der Anteil an Stellensuchenden mit tertiären Bildungsabschlüssen ist zwischen 2002 und 2013 von 10 auf 17 Prozent gestiegen. Im Kanton Zürich hat inzwischen knapp ein Viertel aller Stellensuchenden einen Hochschulabschluss. Dies zeigt eine Studie der Arbeitsmarktbeobachtung Ostschweiz, Aargau, Zug und Zürich (siehe Box).

Der gut 30-jährige L. N.* bekam die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt am eigenen Leib zu spüren – trotz Bilderbuch-Lebenslauf. N. ist promovierter Naturwissenschaftler, schrieb eine Doktorarbeit in Biochemie an einer Schweizer Universität mit der Note «Summa cum laude». Danach absolvierte er den Postdoc an einer sehr guten Adresse in den USA. Gleichzeitig bewarb er sich in der Schweiz und im Ausland für die Zeit danach. In der Schweiz wurde er nicht fündig und ein erstes Mal arbeitslos. «Schliesslich erhielt ich eine einjährige Stelle bei einer bekannten Biotechfirma in England.»

Hunderte Bewerber

Nach seiner Rückkehr in die Schweiz im November 2014 fiel N. länger in die Arbeitslosigkeit: Trotz vielen Bewerbungen auf die nicht sehr zahlreichen Angebote wollte es einfach nicht klappen mit einer Stelle. «Bei den sehr spezifisch formulierten Stellenausschreibungen ist das Problem, dass man als Spezialist selten passt. Es gibt immer jemanden, dessen Qualifikation noch genauer auf die sehr detaillierte Stellenbeschreibung zutrifft.» Bei den offen formulierten Stellen gebe es dafür manchmal mehrere hundert Bewerbungen aus der ganzen Welt.

N. kennt viele, die in einer ähnlichen Situation sind und waren. Dabei sei sein Studium eine technische Ausbildung und nicht eines dieser Phil.-1-Studien gewesen, die oft als brotlos bezeichnet würden.

«Die Zeit als Arbeitsloser war sehr stressig»

L. N. blieb hartnäckig in dieser «klar sehr stressigen Situation»: «Man hatte eine lange Ausbildung, viel in Kauf genommen.» Und man wisse, dass die Zeit als Arbeitsloser auf dem Lebenslauf nicht gut aussehe. Zudem hatte er als ehemaliger Student mit längerem Auslandaufenthalt nur Anspruch auf Arbeitslosengeld während 100 Tagen – danach wurde er ausgesteuert.

Mit viel Glück, wie N. selbst sagt, fand er nach neun Monaten eine Stelle in der Pharmabranche. Etwa 200 Mitbewerber habe er gehabt, wie ihm sein Vorgesetzter später mitteilte. «Es ist eine dieser Stellen, bei der man ausgebildet wird, richtig eingearbeitet wird.» Diese seien rar geworden. In der Industrie gebe es nämlich zwei Tendenzen. «Zum einen wollen die Unternehmen Spezialisten abholen, ohne sie einzuarbeiten. Solche, die fixfertig ausgebildet sind.» Zum anderen hätten die Firmen das Gefühl, dass der Pool an Bewerbern nicht gross genug sein könne, da sie nur so an die besten Leute kommen würden: «Dreissig Bewerber scheinen ihnen nicht genug zu sein.»

«Personenfreizügigkeit als Einbahnstrasse»

Die Rekrutierung sei mit der Personenfreizügigkeit sehr einfach geworden. «Es ist für sehr viele aus dem europäischen Raum äusserst attraktiv, in der Schweiz zu arbeiten.» Das Gleiche gelte auch für die Schweizer, die die Vorzüge von Arbeitsbedingungen und Löhnen bei Schweizer Firmen kannten. «Ich finde die Personenfreizügigkeit an sich gut. Das Problem ist, dass sie im Moment für die Schweiz fast nur als Einbahnstrasse funktioniert.»

*Name der Reaktion bekannt

(lnr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • P.W. am 18.11.2015 23:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer finden Job im Ausland?

    Ich wie ein Kollege machten genau dieselbe Erfahrung. Wir sind Schweizer, habe an der ETH abgeschlossen, Postdoktorat gemacht und fanden nur sehr schwer einen Job. Mein Kollege arbeitet heute in Deutschland, weil er in der Schweiz keinen Job fand! Dabei liest man immer wieder, dass wir gesuchte Fachleute seien und weil es zu wenige davon in der Schweiz gibt, müsse man sie im Ausland holen. Dafür schicken wir unsere Leute dann ins Ausland?

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  • B. Andencheck am 18.11.2015 23:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Angebot und Nachfrage

    Es ist ja auch klar, dass es diese sogenannten Spezialisten nur selten braucht. Maurer, Köche und Strassenbauarbeiter braucht es immer an X Orten. Das muss man sich halt bewusst sein, wenn mam so eine "Karriere" anstrebt. Ausserdem: Nur weil jemand Akademiker ist, heisst das noch lange nichts. Man muss eben auch richtig arbeiten können.

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  • Der Türke am 18.11.2015 23:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz hat schwere Schulen

    Liebe Schweizer,lasst euch bitte nicht blenden.Mehr als die hälfte dieser Akademiker die in der Schweiz sind, haben ihren Abschluss im Ausland gemacht. Es kann doch nicht sein,das ein indisches Uni-Diplom gleich viel wert hat wie eines aus der Schweiz. Ich sehe es immer wieder in der IT,die können gut reden,aber dahinter steckt nichts und weil der Chef selber keine Ahnung hat,stellt er genau solche Leute ein.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sürmel Sa am 19.11.2015 15:04 Report Diesen Beitrag melden

    Pensionskasse ist das Problem

    Die PFZ wird immer eine Einbahnstrasse sein. Man findet als studierter und nicht studierter mit Berufserfahrung problemlos auch Stellen im Ausland. Oft wird man sogar mit Handkuss genommen. Daran scheitert es nicht, aber das loch in der PK ist der schlimme Teil und ohne Expat Zulagen liegt ein Auslandaufenthalt schlicht nicht drin. Zumindest sind die Mehrkosten so massiv hoch, dass ich es sicherlich nicht mehr tun werde und jedem davon abrate. Egal wie lehrreich es war.

  • tinu am 19.11.2015 10:25 Report Diesen Beitrag melden

    ora et labora

    Als guter KV'ler mit Fachausweis habe ich in meinem Berufsleben viel mit Leuten gearbeitet, welche FH oder Uni Abschluss hatten. Nach kurzer Einführungszeit wurde mir schon wieder langweilig, weil viele Arbeitsstellen gute Qualifikationen voraussetzen (ich weiss, ich hatte etwas Glück) jedoch wenig intellektuell zu bieten haben. Meine Mitgspändli sahen das aber anders. Sie meinten:"Nein, das ist ein sehr interessanter Job". Ich habe das meinen Mitgspändli aber nie abgenommen. Ich finde die Büro Arbeitswelt sowas von langweilig. Aber die Löhne halt...

  • Erik Schiegg am 19.11.2015 08:27 Report Diesen Beitrag melden

    Solange man einen anständig bezahlten

    Job und eine zahlbare Wohnung hat, ist PFZ schöön. Wenn nur eines von beidem fehlt, schrumpft die Toleranz, egal, wie hoch man gebildet ist. Sigmund Freud sagt: "Es dreht sich alles um den Phallus" - und ich sage gleich danach dreht sich alles ums Geld. Wobei bei einigen die Reihenfolge durchaus umgekehrt verläuft. Und erst wenn diese Grundtriebe befriedigt sind, kann sich Toleranz, wörtlich "etwas dulden, ertragen oder zulassen können", entwickeln. Und wenn eines davon fehlt, schrumpft oder verschwindet diese Toleranz eben.

  • Alumdria841 am 19.11.2015 08:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweinerei

    Es müsste endlich mal ein Gesetz verfasst werden, dass die Schweizer Vorrang haben.

    • Chnoblibrot am 19.11.2015 09:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Alumdria841

      Jetzt hat er ja in England einen Job, sprich einem englischen Arbeitnehmer den Job weg genommen....

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  • joe1972 am 19.11.2015 07:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arbeitslosigkeit

    Ich war auch lange Arbeitslos und hatte nie aufgegeben um eine Stelle zu finden