Amok-Rentner Kneubühl

12. Dezember 2012 21:16; Akt: 12.12.2012 21:17 Print

«Ich verbringe viel Zeit mit Schreiben»

Im September 2010 hielt Peter Hans Kneubühl die Bieler Polizei in Atem. Er verschanzte sich in seinem Haus und schoss auf einen Polizisten. Jetzt erzählt er von seinem Leben im Gefängnis.

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Neun Tage lang hielt der Amokrentner Peter Hans Kneubühl im September 2010 Biel in Atem. Er wurde dem Amok-Rentner zum Verhängnis: Diensthund Faro steht im Sold der Kapo Basel-Land und stellte Peter K. im Morgengrauen des 17. September 2010. Dem Gemüsebeet im unteren Bildrand entlang ging Peter, als die Polizei eintraf. Die Polizisten verfolgten ihn. Dann liess der Hundeführer Faro los. Als der Hund Peter K. stellte, liess er sich widerstandslos festnehmen. Er wurde durch den Hundebiss leicht verletzt, war aber ansonsten in guter gesundheitlicher Verfassung. Die Fähnchen zeigen den Weg von Peter K. Wollte er sich im Gemüsefeld gerade sein Frühstück holen? Die Stelle befindet sich am Waldrand, nur 15 Minuten von der Taubenlochschlucht entfernt am Rand der Stadt Biel. Seither sitzt der berühmteste Rentner von Biel im Regionalgefängnis in Untersuchungshaft. Noch am Vortag war die Polizei einem Hinweis aus Pieterlen BE nachgegangen. Mit Hunden jagten sie über ein Feld in Richtung Schrebergärten. Ausgangspunkt war offenbar das Altersheim in Pieterlen. Am Nachmittag des 16. September, kurz vor drei Uhr, waren dort Kastenwagen vorgefahren. Im Altersheim soll eine Tante des Amok-Rentners wohnen, erzählten Anwohner. Die Kapo Bern veröffentlichte am 13. September ein neues Foto, das dem bisherigen nicht gerade ähnlich sieht. Ein zweites, neu veröffentlichtes Bild zeigt den 67-Jährigen als Heimwerker. Bisher stellte sich die Kapo Bern Peter K. so vor. Sie hatte ein Bild aus den 80er-Jahren künstlich altern lassen. Doch das Bild zeigte den Vater von Peter K. «Peter, bitte melde dich»: Mit diesen Flugblättern versuchte die Kapo Bern, Kontakt mit Peter K. herzustellen. Die Polizei warf diese am Montag in der Region Biel aus Kleinflugzeugen. Peter K. fand auch Anhänger: Am Montag, 13. September demonstrierten rund 20 Personen für Peter K. und forderten einen «Notausgang» für den Rentner. Während Peter K.s Flucht bewachten ununterbrochen Polizisten das Lindenquartier in Biel. Die Schule blieb geschlossen. Denn laut Gerüchten von Anwohnern soll er in der Nacht auf Sonntag, 12. September zum zweiten Mal bei seinem Haus aufgetaucht sein. Vermutungen wurden auch laut, Peter K. habe ein unterirdisches Gangsystem gebaut. Mit Spezialgeräten suchte die Polizei darum nach Hohlräumen. In der Nacht auf Donnerstag, 8. September 2010 war Peter K. aus dem Haus am Mon-Désirweg in Biel geflohen, nachdem er sich dort über 20 Stunden verschanzt hatte. Das Haus war in einem ungepflegten Zustand: Der Garten war verwildert, ... ... das Garagentor beschädigt. Peter K. soll das Haus seit einem Jahr kaum verlassen haben. Es soll aber im Mittelpunkt des Dramas stehen: Nach Informationen der Behörden sollte das Haus im Bieler Lindenquartier zwangsversteigert werden. In der Folge hatte sich der 67-Jährige am Mittwoch vor dem ersten Besichtigungstermin darin mit seinem Gewehr verschanzt. Die Polizei hatte versucht, mit Peter K. zu sprechen. Mehrere Polizeifahrzeuge, eine Ambulanz und Feuerwehrleute waren aufgefahren. Doch Peter K. war nicht bereit zum Gespräch: Er verbarrikadierte sich im Haus ... ... die Polizei rückte deshalb mit einem Grossaufgebot an. Die Beamten umstellten das Wohnhaus. 40 Personen mussten aus dem Quartier evakuiert werden oder konnten nicht nach Hause gehen. In der Nacht auf Mittwoch eskalierte die Situation: Peter K. schoss mehrmals auf Polizisten und verletzte einen Beamten schwer - obwohl dieser eine schusssichere Weste trug. Derweil entwich der Rentner - unbemerkt. Die Polizei bemerkte anscheinend erst gegen Mittag, dass der Senior geflohen war. Die Polizei weitete in der Folge das Suchgebiet aus. (Bild der Berner Kantonspolizei zur Verfügung gestellt) Ein Armeehelikopter kreiste über Biel mit Wärmebildkamera. Der naheliegende Wald wurde genauso zum Zielgebiet wie Büren an der Aare. Dutzende Mitglieder von Spezialeinheiten aus der ganzen Schweiz standen im Einsatz. Doch Peter K. ist weiterhin flüchtig und «mit einem Gewehr bewaffnet und gefährlich», meinte François Gaudy, Polizeichef der Region Berner Jura/Seeland, an einer Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag. Die Bevölkerung müsse zwar nicht beunruhigt sein, Gaudy mahnte allerdings zur Vorsicht. Im Verlauf des Donnerstags suchte die Polizei an Bushaltestellen, ... ... in Parks, ... ... in Gärten, ... ... an Quartierstrassen und am Bahnhof in Biel nach dem Rentner. Das gesamte Lindequartier wurde am Donnerstagmorgen 9. September abgeriegelt und die Schule geschlossen. Eine landesweite Fahndung wurde ausgelöst: Dennoch konnte Peter K. in der Nacht auf Samstag, 11. September nochmals zurückkehren, erneut auf Beamte schiessen und wieder abtauchen.

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Der Rentner, der vor über zwei Jahren in Biel die Polizei tagelang in Atem hielt, verbringt seine Zeit im Regionalgefängnis in Burgdorf vor allem mit Schreiben. Das sagte Peter Hans Kneubühl in seinem ersten Fernsehinterview mit dem Sender TeleBärn am Mittwochabend.

Es gehe ihm eigentlich relativ gut, sagte Kneubühl mit weicher, aber voller und ruhiger Stimme. Heute gehe es ihm etwas weniger gut, weil er über seinen Fall in der Zeitung gelesen habe.

Was es denn in ihm auslöse, wenn er über sich selber in der Zeitung lese, wollte die Reporterin von Kneubühl wissen. Es sei etwas deprimierend, denn er habe die Öffentlichkeit nicht gesucht, antwortete Kneubühl. Wenn die Berichterstattung der Wahrheit entspreche, sei es gut, aber oft sei dies nicht der Fall, dann sei es für ihn belastend.

Seinen Alltag beschrieb der Rentner als strikte Gefängnisroutine. Er sei mehr oder weniger den ganzen Tag eingeschlossen, ausser wenn er in den Spazierhof gelassen oder wenn zwischendurch fürs Putzen und Ähnliches aufgeschlossen werde. Er verbringe die Zeit damit, an seiner Verteidigung zu arbeiten, sagte Kneubühl. «Ich schreibe jeden Tag.»

Kein Kontakt zu Angehörigen

Zudem werde er «ständig bombardiert mit amtlicher Post», die es zu beantworten gelte. So gehe die Zeit rasch vorbei. Er erhalte keinen Besuch, erzählte Kneubühl, und habe auch mit keinen Angehörigen Kontakt.

Im Gefängnis könne man nicht frei kommunizieren, Briefe würden gelesen und zensiert, so Kneubühls Begründung. So könne man nicht schreiben und sagen, was man wolle. Die Leute, welche die Briefe erhielten, riskierten ihrerseits, registriert und untersucht zu werden.

Kneubühl wirkte während des Gesprächs ruhig, präsent und klar. Er war ausgesprochen höflich und strahlte eine gewisse Herzlichkeit mit leicht melancholischem Unterton aus.

Geschossen und geflohen

Im Herbst 2010 hatte sich Kneubühl im Zuge einer Erbstreitigkeit mit Waffengewalt gegen die Zwangsräumung seines Hauses in Biel gewehrt. Zunächst verschanzte er sich in der Liegenschaft. Als die Polizei anrückte, schoss Kneubühl auf einen Polizisten und verletzte ihn schwer. Dem Rentner gelang die Flucht. Tagelang hielt er ein Grossaufgebot der Polizei in Atem. Schliesslich konnte er oberhalb von Biel festgenommen werden.

Kneubühl war vor der Tat schon jahrelang mit verschiedenen Behörden im Streit gelegen und hatte Behördenvertreter immer wieder mit seitenlangen Briefen eingedeckt.

Anfang kommenden Jahres befasst sich das Regionalgericht Berner Jura-Seeland mit Kneubühl. Die Richter müssen entscheiden, ob er schuldunfähig ist und in eine Anstalt eingewiesen wird.

Der zweite Teil des Gesprächs strahlt der Regionalsender TeleBärn am Donnerstag aus.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Johann Bürli am 13.12.2012 00:30 Report Diesen Beitrag melden

    polizei vs rentner

    so erbärmlich, dutzende von spezialeinheiten, wahrscheinlich hunderte von polizisten oh gott, Polizei hat kläglich versagt!! das gibt mir wirklich zu bedenken

  • zonics am 12.12.2012 23:27 Report Diesen Beitrag melden

    nachdenklich

    Mich würd die ganze Geschichte intressieren,wie es begann,was alles geschehen muss damit ein Mensch soweit kommt...und ich denke es kann jeden treffen...

    einklappen einklappen
  • Frage am 12.12.2012 21:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frage?

    Wo bleibt der abschlussbericht wer geschossen hat?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Philipp Hänni am 13.12.2012 00:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krank und egoistisch

    Ein kranker Mann hat eine Kranke Tat begangen, weil er einem Verwandten den Erbteil nicht ausbezahlen wollte. Und alle applaudieren, schimpfen gegen die Behörden und den Staat. Bis sie ihr eigenes Recht gewahrt haben wollen, dann soll der Staat plötzlich helfen. Ich hoffe dem Polizisten, den Kneubühl beinahe getötet hätte geht es wieder gut. Beim nächsten Mal riskieren seine Kollegen ihr Leben vielleicht für mich.

  • Heiri Sonderegger am 13.12.2012 00:49 Report Diesen Beitrag melden

    Erstes Reich Schweiz

    Unsere Strafjustiz ist zu einem totalitären Gulag-Regime verkommen. Ein Strafgefangener hat keine Menschenrechte mehr. Dass in der U-Haft Briefe zensiert werden (Verdunkelungsgefahr), kann wohl jeder nachvollziehen. Wenn aber verurteilte Gefangene mundtot gemacht werden, hat der STAAT etwas zu verbergen.

  • Johann Bürli am 13.12.2012 00:30 Report Diesen Beitrag melden

    polizei vs rentner

    so erbärmlich, dutzende von spezialeinheiten, wahrscheinlich hunderte von polizisten oh gott, Polizei hat kläglich versagt!! das gibt mir wirklich zu bedenken

  • zonics am 12.12.2012 23:27 Report Diesen Beitrag melden

    nachdenklich

    Mich würd die ganze Geschichte intressieren,wie es begann,was alles geschehen muss damit ein Mensch soweit kommt...und ich denke es kann jeden treffen...

    • Bieler J. am 13.12.2012 00:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      endlich

      mal jemand, der die Sache differenziert betrachtet und nicht mit dem üblichen Tunnelblick... danke

    • Manu am 13.12.2012 01:28 Report Diesen Beitrag melden

      Ja genau

      Das denke ich auch immer. Von der Vorgeschichte her, also das wo ich gelesen und gehört habe, verstehe ich die Reaktion von Herrn Kneubühl. Ich möchte jeden der das Maul so weit aufreisst mal in der gleichen Situation erleben wie Herr Kneubühl damals war und dann sollen sich genau diese Leute noch einmal dazu äussern.

    • Othmar K. am 13.12.2012 05:22 Report Diesen Beitrag melden

      Amtsschimmel ist mitschuld

      Danke Zonics, dass Sie den klaren Blick haben und nicht die 08/15 Einstellung der grossen Menge Schweizer. Dieser Typ ist wirklich zu bedauern, denn es braucht doch einige Zeit und vor allem Behördenprobleme bis ein Mensch soweit kommt, wie das bei ihm der Fall war. es ist auch richtig, jeden von uns könnte es treffen und wie wir schlussendlich reagieren kann niemand voraussagen. Aber im Verurteilen sind wir alle sehr schnell. Leider!

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  • Anastasija Carter am 12.12.2012 23:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der arme

    Er tut mir leid! Er wollte nur sein Heim schützen...

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