Bipolarer erzählt

06. August 2017 08:34; Akt: 06.08.2017 10:43 Print

«Ich war Hausbesitzer und wurde zum Obdachlosen»

Er war gut integriert und hatte Frau und Kinder. Dann brach bei Luca B. die psychische Erkrankung bipolare Störung aus.

Bildstrecke im Grossformat »
Seine bipolare Störung hat sein Leben zerstört: Luca B. Die Krankheit ist relativ weit verbreitet. Auch viele Stars leiden unter ihr, wie Sie der restlichen Bildstrecke entnehmen können. Bei Russel Brand soll angeblich ADS und eine bipolare Störung festgestellt worden sein. Brand hat auf jeden Fall immer sehr offen über seinen Kampf gegen Depression, Ritzen, Drogen und Sexsucht gesprochen. Am Set von Zoolander soll Ben Stiller immer wieder die Fassung verloren haben. Diese Ausbrüche soll er mit seiner Erkrankung entschuldigt haben. «Ich bin kein unbeschwerter Mensch. Ich glaube, man nennt es bipolare manische Depression», soll er gesagt haben. Stiller gab an, dass diese Erkrankung eine weitreichende Verbreitung habe in seiner Familie. Mel Gibson, der mit dem Film Mad Max berühmt wurde, ist auch schon Mad Mel genannt worden, weil er durch antisemitische Pöbeleien, Alkohlexzesse und heftige Streitereien aufgefallen ist. 2008 gestand der Schauspieler öffentlich, dass bei ihm eine bipolare Störung festgestellt worden sei. «Ich hatte wirklich gute Höhen, aber einige sehr tiefe Tiefen. Vor Kurzem habe ich herausgefunden, dass ich manisch-depressiv bin.» Demi Lovato zählt zu den wenigen Stars, die schon früh sehr offen mit ihren Problemen rund um ihre bipolare Störung umging. Dazu zählten Ritzen, Anorexie, Bulimie und Drogenmissbrauch. «Rückblickend macht es Sinn. Es gab Zeiten, da war ich so manisch, dass ich sieben Songs in einer Nacht schrieb und bis 05.30 Uhr in der Früh wach blieb», erzählte sie in einem Interview. Catherine Zeta-Jones - hier mit ihrem Ehemann und Schauspieler Michael Douglas - machte 2011 öffentlich bekannt, dass sie aufgrund einer bipolaren Störung behandelt wurde. Endgültiger Auslöser der der bipolaren Störung sei bei ihr die Erkrankung ihres Mannes an Kehlkopfkrebs gewesen. Dies habe sie vollständig aus der Bahn geworfen. Jahrelang gab Schauspielerin Ashley Judd an, unter Depressionen zu leiden. Erst vor wenigen Jahren rückte sie damit heraus, dass sie eigentlich an einer bipolaren Störung leidet. Die irische Sängerin Sinead O'Connor, hier am 49. Montreux Jazz Festival 2015 in der Schweiz, erzählte 2007 in der Ophrah Winfrey Show von ihrer Diagnose bipolare Störung. O'Connor soll schon mehrfach versucht haben, sich das Leben zu nehmen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Luca B.* (53) hat eine bipolare Störung (siehe Box). Die psychische Erkrankung hat sein ganzes Leben zerstört. Gleichzeitig hat der Basler mit seinem Verhalten vielen Personen in seiner Umgebung das Leben sehr schwergemacht. Aus B.s Sicht fing alles im Jahr 2007 an. «Damals war ich stellvertretender Leiter der Webdienste beim Basler Finanzdepartement, renovierte mit meiner Familie ein Haus und war vor kurzem Vater geworden.»

Er sei privat an den Anschlag gekommen und das habe sich auf sein Verhalten im Job ausgewirkt. Darauf sei es zu Problemen gekommen. «Eine Mitarbeiterin hat nicht mehr mit mir geredet und mein Teamleiter sah das als mein Problem an.» Als sich der Abteilungsleiter einschaltete und ihm alle Schuld zuschob, sei bei ihm nichts mehr gegangen. «Ich fiel in ein Loch, hatte eine schwere Depression und war neun Monate krankgeschrieben.»

Rückblickend kann er nicht mehr sagen, ob er vielleicht damals schon manisch-depressiv war. «Aus meiner Sicht hatte ich vor allem eine Depression, aber das alles ist schon lange her.» Vorher, so ist B. überzeugt, sei er normal gewesen. «Ich hatte mein Leben im Griff, war gut integriert und funktionierte», sagt er. Doch nach seinem Zusammenbruch sei nichts mehr wie vorher gewesen und er sei langsam abgerutscht. «Vor allem weil ich lange nicht wusste, was mein Problem ist.»

Heute möchte er seine Lebensgeschichte erzählen und andere, denen es ähnlich geht, ermuntern, den Tatsachen ins Auge zu sehen. «Die meisten psychisch Kranken wissen eigentlich, dass etwas nicht stimmt, wollen es aber nicht wahrhaben», sagt B. Auch er habe dafür Jahre gebraucht.

So habe er 2008 im Finanzdepartement wieder einen Job bekommen. «Während der Bewährungsfrist von einem Jahr habe ich mir Mühe gegeben, danach habe ich angefangen, schwierig zu tun.» Der 53-Jährige will nichts beschönigen, er sei ein sehr schwieriger Mitarbeiter gewesen und habe sich vor allem mit seinen Vorgesetzten ständig angelegt. Gleichzeitig habe es auch in seiner Ehe angefangen zu kriseln. Seine damalige Frau und er hätten es mit Paartherapie probiert. «Ich weiss noch, dass ich unzählige externe Gründe für unsere Probleme fand, bei mir selbst habe ich aber nicht gesucht.»

Als im August 2011 seine Frau ihn nach einem weiteren Konflikt bat auszuziehen, sei alles aus den Fugen geraten. Er sei nächtelang unterwegs gewesen und betrunken ins Büro gekommen. «Ich war in einer extrem manischen Phase und für niemanden erreichbar.» Geendet habe alles in einem brutalen Crash. «Ich kam in die Klinik und verlor gleichzeitig nach mehreren Verwarnungen meine Arbeit – nach 20 Jahren im Finanzdepartement. Ich glaube, sie waren froh, mich endlich los zu sein.» B. versuchte noch, sich gerichtlich gegen den Verlust seiner Arbeit zu wehren, scheiterte aber. «In dieser Beziehung war ich immer gut, ich habe die Anwälte und das Recht für meine Zwecke genutzt.»

Als er aus der Klinik kam, folgten Phasen mit Suizid-Gedanken und Verfolgungswahn. «Im Oktober 2012 beging ich einen Suizidversuch, den ich nur ganz knapp überlebte.» Darauf war B. monatelang in einer Klinik und wurde langsam auf die Rückkehr vorbereitet. «Als ich herauskam, war ich in einer manischen Phase und übertrieb es wieder.» In dieser Phase verbrachte er eine Nacht im Gefängnis und erhielt in mehreren Lokalen in Basel Hausverbot. Es folgte der nächste Zusammenbruch und der nächste Klinik-Aufenthalt. Als er aus der Klinik kam, fing alles wieder von vorne an. «Ich war oft ohne Grenzen und kannte gar nichts», sagt er.

Im Oktober 2014 verlor Z. seine Wohnung und lebte fortan auf der Strasse. «Ich klaute Esswaren, dealte, nahm Drogen und verkehrte mit Gangstern – ich war ganz unten.» Geschlafen habe er überall ein wenig, oft bei Bekannten oder Freunden. «Wenn ich nirgends unterkam, ging ich auf den Flughafen, setzte mich dort in einen Sessel und döste.» Anfang 2015 kam er wieder in die Klinik. Mit Hilfe eines Anwalts fand er danach eine Wohnung und bekam eine IV-Rente. Doch er brauchte einen weiteren Klinikaufenthalt, um zu realisieren, dass er etwas Grundlegendes ändern und wohl für immer Medikamente nehmen muss. «Sie helfen mir, mich zu stabilisieren.»

Heute arbeitet B. wieder 30 bis 40 Prozent und hat sein Leben besser im Griff. «Ich bin dabei, meine Schulden abzuzahlen und versuche auch sonst, meine Taten wieder auszubügeln.» Dazu gehöre für ihn, seine Geschichte zu erzählen. Der Basler verfolgt damit zwei Ziele. «Ich will mich damit bei all jenen entschuldigen, denen ich Leid angetan habe.»

Wenn er heute zurückblicke auf die Person, die er in den letzten knapp zehn Jahren gewesen sei, dann sehe er keinen sehr netten Menschen. «Ich war zu Mitarbeitern, Vorgesetzten und Freunden verletzend, schwierig und rücksichtslos, habe alles kritisiert, wurde laut, verlor die Kontrolle oder versuchte Leute zu manipulieren.» Er sei zwar nie handgreiflich oder gewalttätig geworden, aber die ständigen verbalen Entgleisungen seien schlimm genug. Ganz besonders möchte er sich bei seiner Familie entschuldigen. «Meine Ex-Frau und meine drei Kinder haben meinetwegen viel durchgemacht.»

Ausserdem will er die Gesellschaft auf die Probleme von Personen mit bipolarer Störung aufmerksam machen. «Ich möchte das, was ich gemacht habe, nicht entschuldigen, aber etwas Verständnis dafür wecken», sagt er. Denn wenn sich eine Person in einer manischen Phase befinde, verstehe sie selbst nicht, was sie mache und was sie antreibe. «Man ist extrem anstrengend und will nichts hören. Die anderen können einen praktisch nicht erreichen.»

* Name geändert.

(ann)