Eis go zieh mit ... Margrit Kiener Nellen

02. Januar 2015 16:58; Akt: 21.08.2015 09:33 Print

«Ich werde noch mit 90 Jahren an Demos gehen»

von S. Marty - SP-Nationalrätin Margrit Kiener Nellen hat sich den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeiten auf die Fahne geschrieben. Daran ändere auch die Steueraffäre nichts, sagt sie.

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Margret Kiener Nellen kann sich ein Leben ohne Politik nicht vorstellen.

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Weil sie und ihr Mann 2011 nur Vermögens- und Firmen-, aber keinen Franken Einkommensteuern bezahlten, wurde sie jüngst als «Cüpli-Sozialistin» beschimpft. Cüpli mag sie zwar keine, eine Sozialistin sei sie aber durch und durch. SP-Nationalrätin und Anwältin Margret Kiener Nellen trinkt an diesem Abend lieber ein Glas Weisswein aus dem Wallis – sie als «angeheiratete Walliserin» geniesse mit ihrem Mann oft einen guten Tropfen aus diesem Kanton – und erzählt von ihrem Kampf für die Frauen, für eine ökologische Umwelt und Lohngleichheit.

«Auch wenn unsere Steuererklärung vielleicht etwas anderes vermuten lässt, ich verkehre nicht in abgehobenen Kreisen», sagt sie scheinbar fast ein wenig, um sich zu rechtfertigen. Am wohlsten fühle sie sich nämlich unter Büezerinnen und Büezern. «Oder unter Menschen, denen es auch mal nicht so gut geht», fügt sie an und schüttelt einem Mitarbeiter des Restaurants Volkshaus in Bern die Hand, als sich dieser gerade in den Feierabend verabschieden will. Sie gibt ihm ihre Visitenkarte und sagt: «Angelo, ruf mich an, wegen der Sache, die wir letzthin besprochen haben.» Es sollte nicht der letzte kurze Schwatz mit einem Bekannten an diesem Abend sein. Kiener Nellen kennt die Menschen in Bern, und die Menschen kennen sie.

Was sie Angelo denn versprochen habe? «Ach wissen Sie, ich helfe den Leuten einfach gerne, wenn diese mal einen rechtlichen oder anderen Rat brauchen – nichts Grosses», sagt sie abwiegelnd.

«Wusste bis 20 nicht, was es bedeutet, schwul oder lesbisch zu sein»

Für Chancengleichheit und Gerechtigkeit will sie sorgen, diese Frau, die von sich selbst sagt, schon seit ihrer frühen Kindheit ein ausserordentliches Gespür für alles Ungerechte empfunden zu haben. «Ich kann mich zum Beispiel noch gut daran erinnern, dass ich unglaublich wütend wurde und es überhaupt nicht verstehen konnte, als mein Vater gegen das Frauenstimmrecht stimmte.» Damals sei sie sechs Jahre alt gewesen.

Und vielleicht gerade weil Kiener Nellen eine konservative Erziehung genoss – ihr Vater war SVP-Mitglied –, sieht sich die 61-Jährige heute noch «als Kämpferin für die Schwächeren in unserer Gesellschaft». War es früher das Frauenstimmrecht, ist es heute die Realisierung der Lohngleichheit, höhere Stipendien und AHV-Renten oder die Stilllegung der Atomkraftwerke, um nur ein paar wenige ihrer politischen Kernanliegen zu nennen. Kiener Nellen überlegt. «Doch, ich denke schon, dass mein Elternhaus einen starken Einfluss auf meine Lebenseinstellung hatte.» Sie sei ja wirklich hinter dem Mond aufgewachsen. «Stellen Sie sich vor, bis ich 20 Jahre alt war, wusste ich nicht einmal, was es bedeutet, schwul oder lesbisch zu sein.»

Neuseeland, Mexiko, Philippinen

Umso mehr verspürte Kiener Nellen als junge Erwachsene den Drang, aus dieser scheinbar heilen Welt auszubrechen. Vom kleinen Dörfchen Habstetten bei Bolligen ob Bern zog es sie nach der Matura ein Jahr nach Neuseeland. Danach reiste sie zeltend durch Mexiko und war dann als Berichterstatterin der Internationalen Juristenkommission auf den Philippinen tätig. Drei Jahre lange blieben sie und ihr Mann in Südostasien. Erst als die junge Juristin mit ihrem ersten Sohn schwanger wurde, sagten sie dem Ausland auf Wiedersehen. «Ich wollte nicht, dass meine Kinder in einem ärmeren Land privilegiert aufwachsen.»

Nach einem Zwischenstopp in Genf und mit dem Anwaltspatent sowie einem zweiten Sohn im Gepäck kehrte Kiener Nellen schliesslich zu ihren Wurzeln zurück. Doch in Bolligen schien die Welt stehen geblieben zu sein und Kiener Nellen galt unterdessen schon fast als Exotin. «Ich kam zurück und habe sogleich eine Anwaltskanzlei eröffnet und für die kleinen Kinder mit anderen fortschrittlichen Eltern zusammen einen Spielgruppenverein mit Krabbelgruppe ins Leben gerufen.» Klar sei sie da zum Dorfgespräch geworden. Doch Kiener Nellen fühlte sich angetrieben. «Ich merkte, dass ich etwas bewegen konnte – auch wenn es nur im Kleinen war.» So führte sie ihr Engagement schliesslich in den Bolliger Gemeinderat und 2003 in den Nationalrat nach Bern.

«Medienhetze hat mir mehr Aufträge verschafft»

Dort könnte es nun aber früher als geplant zu einem jähen Ende kommen. Denn ihre erneute Nationalratskandidatur ist wegen der Medienhetze um die eine Steuererklärung plötzlich ins Wanken geraten. Doppelmoral wurde der SP-Frau vorgeworfen – auch, weil die Nationalrätin sonst kein Pardon kennt, wenn es um die Kritik von Unternehmern und Reichen geht, die ihre Steuererklärung optimieren. «Es stimmt, ich habe ausgeteilt und dafür muss ich jetzt auch einstecken», sagt sie pragmatisch.

Ob und wie sich dieser «Tolggen in ihrem Reinheft» nun auf ihre Polit-Karriere auswirken wird, darüber mag sich die Bernerin den Kopf aber nicht zerbrechen. «Klar habe ich Respekt vor der Nominationsversammlung und ich hoffe natürlich sehr, dass ich nächsten Herbst nochmals antreten kann.» Es wären, aufgrund der Amtszeitbeschränkung, ihre letzten vier Jahre in Bundesbern. «Und wenn sich eine Mehrheit gegen mich aussprechen sollte, dann müsste ich diesen basisdemokratischen Entscheid halt akzeptieren.» So oder so werde sie aber auch danach ein genauso engagierter, politischer und prinzipientreuer Mensch bleiben wie bisher. «Ich werde auch mit 90 Jahren noch an Demos gehen, wenn es meine Gesundheit erlaubt.»

Und neben der Politik gebe es schliesslich auch noch ihre Anwaltskanzlei, in die seit Kurzem ihr Sohn eingetreten ist. «Und ob Sie es glauben oder nicht, die Medienhetze hatte auch ihr Gutes – es kamen mehr neue Aufträge rein denn je», sagt sie lachend und nimmt den letzten Schluck.