SP-Nationalrat

15. November 2016 08:54; Akt: 15.11.2016 09:47 Print

«Ich wurde angegriffen, weil ich schwul bin»

von J. Büchi - Homophobe Gewalt tauchte bis heute in keiner Statistik auf. Für Nationalrat Angelo Barrile ein Versäumnis – er wurde selber Opfer eines Angriffs.

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Herr Barrile, eine private Meldestelle erfasst in der Schweiz neu Gewalt gegen Lesben, Schwule und Transmenschen. Sie unterstützen das Projekt aktiv – warum?
Wir sprechen hier von Hate Crime, von Hassverbrechen: Leider kommt es auch in der Schweiz regelmässig vor, dass Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Opfer von Gewalt werden. Oft schämen sich die Betroffenen, melden die Tat nicht oder denken sogar, sie seien selber schuld. Das muss sich ändern: Das Thema gehört auf den Tisch. Es stört mich, dass es bis heute keine Statistik gibt, die solche Gewalttaten erfasst.

Umfrage
Sollen die Behörden Straftaten gegen Schwule und Lesben statistisch erfassen?
54 %
6 %
38 %
2 %
Insgesamt 5168 Teilnehmer

Haben Sie selber Erfahrungen mit homophober Gewalt gemacht?
Ja. Als ich 23 Jahre alt war, haben mich Fremde angegriffen, weil ich schwul bin. Passiert ist es mitten im Zürcher Niederdorf – und niemand hat reagiert. Ich war mit meinem Partner unterwegs: Wir haben uns weder geküsst noch an den Händen gehalten, aber man sah, dass wir zusammengehörten. Plötzlich begannen Leute, uns anzupöbeln. Sie überschütteten uns mit Bier und schmetterten uns Dosen ins Gesicht.

Wie haben Sie und Ihr Partner reagiert?
Wir versuchten, ruhig zu bleiben. Wir wehrten uns nicht körperlich, sondern sagten bestimmt: «Zeigen Sie uns Ihren Ausweis!» Irgendwie hat das gewirkt, die Täter rannten davon. Anschliessend gingen wir zur Polizei. Doch der diensthabende Polizist wollte die Anzeige zunächst nicht entgegennehmen. Er sagte: «Wahrscheinlich haben Sie die Angreifer provoziert und sich in der Öffentlichkeit geküsst.» Ausserdem würden die Täter sowieso nicht gefasst.

Also verzichteten Sie auf eine Anzeige?
Nein. Ich drohte, mich an den Stadtrat zu wenden, da lenkte der Polizist ein. Ich weiss, dass die Stadtpolizei heute anders reagieren würde und für das Thema sensibilisiert ist. Damals aber fühlte ich mich sehr alleingelassen.

Wie haben Sie das Erlebte verarbeitet?
Nur der engste Kollegenkreis wusste davon. Den Eltern habe ich nichts erzählt, damit sie sich keine Sorgen machen. Für mich selber war das Erlebnis sehr einschneidend: Ich habe mich lange nicht mehr getraut, in der Öffentlichkeit Hand in Hand herumzulaufen. Irgendwie suchte ich den Fehler bei mir selbst, auch wenn ich eigentlich wusste, dass das Blödsinn ist.

Nur weil Übergriffe in einer Statistik erfasst werden, verschwinden sie nicht. Was erhoffen Sie sich konkret von der Meldestelle?
Zunächst einmal, dass wir eine Ahnung davon bekommen, wie häufig solche Übergriffe tatsächlich passieren. Erst kürzlich sprach ich mit einem 20-Jährigen, der ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie ich. Die Bevölkerung und die Politik müssen für die Problematik sensibilisiert werden. Nach dem Attentat in einem Schwulenclub in Orlando flackerte das Thema im Sommer kurz auf, es verschwand aber sogleich wieder von der Bildfläche.

Was erwarten Sie von der Politik?
Grundsätzlich sollten nicht private Organisationen Buch über solche Straftaten führen müssen – das ist Aufgabe der Behörden. Ich bin ich der Meinung, dass man mit homophober Gewalt ähnlich umgehen müsste wie mit häuslicher Gewalt: Sie ist heute zu Recht ein Offizialdelikt. Schliesslich ist es auch wichtig, dass angehende Polizisten in allen Kantonen in ihrer Ausbildung für das Thema sensibilisiert werden. Ich prüfe einen entsprechenden Vorstoss im Parlament.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Manuela Keller am 15.11.2016 09:15 Report Diesen Beitrag melden

    leben und leben lassen

    Wichtiger als jede Statistik ist, dass die Polizei da hart durchgreift. Wer niemandem was tut, soll gefälligst in Ruhe gelassen werden. Niemand, ob hetero oder homo, sollte in der Schweiz angegriffen werden.

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  • Bas Ler am 15.11.2016 09:11 Report Diesen Beitrag melden

    Meiner Meinung nach...

    Ich bin selber schwul und kann eine gewisse Abneigung gegenüber Homosexuellen durchaus verstehen. Schliesslich muss man auch akzeptieren, dass es eben nicht jeder gut findet, wenn sich zwei gleichgeschlechtliche Personen küssen oder Hand in Hand herumstolzieren. (keine Gewalt!) Zwar möchte ich erwähnen, dass nicht alle Homosexuellen sich als Frau anziehen und in ihrer Freizeit die Regenbogenflagge schwenken, trotzdem ist die momentane, mediale Präsenz provokativ. Die Probleme von Durchschnittsbürgern werden kaum beachtet, Minderheiten aber gehypet.

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  • Scorpione am 15.11.2016 11:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso Outing?

    Was mich stört am ganzen Schwul-sein ist; das Outing, mich interressiert einfach gar nich wenn jemand Schwul ist, sein Problem nicht meins.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Thor mjoelnier am 15.11.2016 13:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wäre doch so einfach.

    geht ganz einfach. Leben und leben lassen. weitaus andere Probleme hierzulande.

  • Faseee1996 am 15.11.2016 13:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einfach herzlos

    Schwulen sind ja auch nur Menschen... deswegen müssen sie nicht grad diese "runtermachen"!!!

  • Roman am 15.11.2016 11:23 Report Diesen Beitrag melden

    Gute Idee

    Statistiken schaffen Arbeitsplätze beim Bund. Ist doch gut so. Dann können sich alle wieder schön über die Zunahme der Bürokratie und der daraus resultierenden Kosten aufregen. Dafür hat man dann eine 3 Jahre alte Statistik, die ausser den Lobbyisten niemanden interessiert, aber ein Vermögen gekostet hat. Daraus wiederum resultiert dann ein Gesetz, welche nicht durchsetzbar ist oder mit kleinen "Büsschen" geahndet wird. Ergo: Total "fürd Füchs" ist es für die Statistiker überhaupt nicht :-)

  • Querdenker am 15.11.2016 11:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Übeegriffe

    Übergriffe sind grundsätzlich nicht akzeptabel, egal ob diese gegen Schwule, Schwarze oder einfach andere Menschen gehen. Deshalb stört mich dieser Artikel wie auch das Wort Homophobie. Selten ist eine Angst dahinter, wie auch die Angriffe nur gegen Schwule gehen. Auch finde ich die Statistik falsch, die müsste, wenn schon, globaler gehalten sein. Ich denke eine Kampagne für mehr Zivilcourage wäre effektiver.

  • Scorpione am 15.11.2016 11:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso Outing?

    Was mich stört am ganzen Schwul-sein ist; das Outing, mich interressiert einfach gar nich wenn jemand Schwul ist, sein Problem nicht meins.