Eis go zieht mit... Martin Naef

16. Juni 2014 15:17; Akt: 21.08.2015 09:45 Print

«In anderen Ländern werden Schwule gehängt»

von J. Büchi - «Eis go zieh» mit Martin Naef: Bei einem Glas Wein spricht der SP-Mann über sein italienisches Temperament, über eine prägende Begegnung mit einem Ladendetektiv und über seinen Kampf für Schwulenrechte.

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«Wissen Sie, was das Beste am Café Digi ist? Das Bundeshaus ist so nah, dass der Pager auch hier noch funktioniert.» Martin Naef strahlt. Das Lokal, das er für das Treffen vorgeschlagen hat, passt gut zu ihm. Das ehemalige Café Diagonal ist urban und doch elegant. Farben und Formen sind bis ins Detail aufeinander abgestimmt. Genauso wie das Outfit des SP-Mannes: Der silbergraue Seidenschal, Hemd und Anzug – alles harmoniert perfekt.

Im Café liegen Zeitungen aus aller Welt auf. «Ich lese gerne die FAZ und trinke einen Kaffee dazu», so der Zürcher. Genauso gut hätte er einen Medientitel aus Italien, Frankreich oder Grossbritannien nennen können. An der Kantonsschule schloss er alle Sprachen mit Note 6 ab. Er reist so viel und gern, dass er nach eigenen Angaben «praktisch pleite» ist. Und in seinen Adern fliesst italienisches Blut. Seine «Nonna» sei während des Krieges in die Schweiz geflüchtet, erzählt Naef.

«Frühmorgens joggen können andere»

Er fühle sich schon auch ein bisschen als Italiener, so der 43-Jährige. Zwar besitzt er keinen italienischen Pass. Dafür ist er neben der SP auch Mitglied beim sozialdemokratischen Partito Democratico, der derzeit erfolgreichsten Partei Italiens. Und er sei privat und in der Politik sehr emotional, so Naef. Auch das sei auf seine italienischen Wurzeln zurückzuführen. Genauso wie seine Angewohnheit, beim Reden wild mit den Händen zu gestikulieren. Sagts, und fuchtelt grad noch etwas arger.

Naef bestellt einen Pinot Grigio, und fährt fort, er sei ein Geniesser: «Wenn Bundesräte gern morgens um fünf an der Aare joggen gehen, sollen sie das tun. Ich schlafe in meiner Freizeit lieber aus oder lese an der Sonne ein gutes Buch.» Der Sozialdemokrat kokettiert damit, alles ein wenig lockerer zu nehmen. Sein Werdegang – vom Zürcher Verfassungsrat zum Präsidenten der Zürcher SP bis ins Bundeshaus – lässt aber erahnen, dass Naef harte Arbeit nicht scheut.

Ärger wegen Spielzeugautos

Seit seiner Wahl in den Nationalrat vor drei Jahren kämpft der Zürcher als Mitglied der Aussenpolitischen Kommission – seinem Wunschgremium – mit viel Herzblut für seine Überzeugungen. Sein Sinn für Gerechtigkeit habe ihn schon früh in die Bredouille gebracht, erzählt er. Dann nämlich, als er als Primarschüler in einem Supermarkt unsanft von einem Ladendetektiv gepackt und ins Büro geschleift wurde. Sein Vergehen: «Mir war aufgefallen, dass dieselben Spielzeugautos im Laden unterschiedlich viel kosteten. Da hatte ich die Preisschilder kurzerhand mit solchen günstigerer Produkte vertauscht.»

Warum er das getan habe, könne er sich nicht mehr erklären. Er wisse nur noch, dass er wie am Spiess geschrien habe, als ihn der Detektiv – «ein Riesenfetzen» – am Kragen gepackt habe. Und dass er es furchtbar ungerecht gefunden habe, weil er ja nichts gestohlen habe. Auch seine Eltern seien etwas ratlos gewesen, als der Detektiv sie aufgebracht über die «Tat» ihres Sohnes aufgeklärt hatte.

«Tragen Sie Waffen?»– «Nein, wir sind Schweizer»

Heute geht es Naef, dem Visionär, um grössere Fragen. Der Ärger über die Kleingeistigkeit mancher Zeitgenossen ist aber geblieben. Als Co-Präsident der NEBS, der Neuen Europäischen Bewegung Schweiz, engagiert er sich für einen Beitritt der Schweiz zur EU. Dass dieses Anliegen derzeit nicht den besten Stand hat, ist ihm bewusst: «Manchmal sind meine bürgerlichen Konkurrenten regelrecht perplex, wenn ich öffentlich zugebe, für den EU-Beitritt zu sein.» Für ihn ist aber klar, dass es für die Schweiz langfristig keine andere Option gibt. «Schliesslich sind wir alle nicht nur Schweizer, sondern auch Europäer.»

Seit seiner Wahl ins Parlament hat Naef unzählige Länder bereist: «Kurdistan, Burma, Palästina, Guinea-Bissau, den Kosovo … Ich sass so oft in Flugzeugen, dass ich es als Linker eigentlich fast nicht sagen darf.» Bezahlt hat er die Reisen selber – daher die bereits erwähnte Ebbe im Portemonnaie. Naef schwärmt von der Vermittlerrolle der Schweiz im Ausland, die hierzulande oftmals unterschätzt werde. Einst, auf einer Reise in Gaza mit anderen Parlamentariern, habe ein israelischer Soldat die Gruppe gefragt, ob sie Waffen mit sich führten. Die lokale Chefin der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, die sie begleitet habe, habe geantwortet: «No, we are Swiss.»

«Keine Homestory in der Badewanne»

Die Schweiz müsse dieses «grandiose Image» bewahren, fordert der studierte Jurist. In gewissen Fragen vermisse er bei den Schweizern eine gewisse «Grosszügigkeit im Geist». Auch, wenn es um die Rechte von Schwulen und Lesben geht, seiner Herzensangelegenheit. «In einigen Ländern werden schwule Männer aufgehängt», so Naef, «und wir diskutieren noch darüber, ob wir den Betroffenen Asyl geben sollen oder nicht!»

Der Sozialdemokrat selber macht aus seiner Homosexualität kein Geheimnis. «Auch, wenn ich nicht gerade eine Homestory mit dem Partner in der Badewanne brauche.» Die Frage sei erlaubt: Ist der Parlamentarier denn derzeit in einer Beziehung? «Hm», antwortet dieser etwas verlegen. «Auf Facebook würde man wohl sagen, es ist kompliziert. Also: gut kompliziert, meine ich.»