Inländervorrang

08. November 2016 18:51; Akt: 08.11.2016 18:51 Print

«Köche zu finden, ist sehr, sehr schwierig»

von J. Büchi - Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer wehrt sich gegen eine generelle Stellenmelde-Pflicht fürs Gastgewerbe. Im Interview erklärt er, warum.

storybild

Ein Inländervorrang für alle Berufe im Gastgewerbe? Für Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer keine gute Idee. Bild: Tag der offenen Tür im Hotel Bellevue in Bern. (Bild: Keystone/Lukas Lehmann)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Herr Platzer, künftig sollen Gastro-Betriebe für jede offene Stelle drei bis fünf Bewerber aus dem Inland einladen müssen. Absagen müssten begründet werden – erst dann wäre die Rekrutierung einer ausländischen Arbeitskraft möglich. Wie beurteilen Sie als oberster Gastronom den Vorschlag der Ständeratskommission?
Für dieses Bürokratiemonster habe ich kein Verständnis. Es ist ein grosser Aufwand, verschiedene Personen einzuladen, Dossiers zu studieren, ausführliche Bewerbungsgespräche zu führen und Absagen schriftlich zu begründen. Und dies im Wissen, dass der Aufwand in vielen Fällen umsonst ist. Das Problem ist, dass die Politik alle Berufe einer Branche in denselben Topf wirft.

Umfrage
Ein Inländervorrang in Branchen mit hoher Arbeitslosigkeit - eine gute Idee?
31 %
15 %
42 %
9 %
3 %
Insgesamt 1775 Teilnehmer

Warum?
In jeder Branche gibt es Berufe, in denen es an Personal mangelt, und solche, für die es im Inland genug fähige Kandidaten gibt. Köche und qualifizierte Servicemitarbeiter zu finden, ist beispielsweise sehr, sehr schwierig. Beschliesst die Politik nun noch weitere Auflagen, legt sie uns damit nur Steine in den Weg. Für Berufe, in denen es tendenziell genügend Mitarbeitende im Inland gibt, wie zum Beispiel Zimmermädchen oder Tellerwäscher, ist eine Meldepflicht beim RAV akzeptabel.

Setzen Gastrobetriebe heute nicht einfach deshalb oft auf ausländische Arbeitskräfte, weil sie günstiger sind?
Nein, wir haben einen Gesamtarbeitsvertrag für das ganze Gastgewerbe. Wir dürfen ausländischen Arbeitnehmern gar keine tieferen Löhne auszahlen. Für jeden Betrieb ist es angenehmer, wenn er Personal im Inland rekrutieren kann. So kann er Bewerber aus der Schweiz etwa zum Probearbeiten einladen und schauen, ob es passt oder nicht. Bei Bewerbern aus dem Ausland ist das schwieriger.

Wie würden Sie die Suche nach geeigneten Mitarbeitern im Inland organisieren?
Es braucht Modelle, die eine nachweisbare Wirkung erzielen. Und die gibt es. Im Kanton Zürich existiert seit zwei Jahren ein praxistaugliches Modell: Zuerst wird gemessen, wie hoch der Mangel in den einzelnen Berufen ist. Wo kein Mangel herrscht, wird eine Stellenmeldepflicht verhängt. So ist es gelungen, einen Drittel mehr inländische Interessenten zu platzieren und die Zuwanderung zu reduzieren.

Das Zürcher Modell wäre für Sie also die Ideallösung?
Ja, vorausgesetzt, das RAV trifft eine gute Vorselektion bei den Kandidaten. Schon heute werden uns zum Beispiel im Service viele Arbeitslose zugewiesen. Viele haben aber gar keine Ausbildung in der Gastronomie, sondern haben höchstens einmal in einer Bar gejobbt. Da gilt es, genauer hinzusehen. Und wenn man einen Koch für ein Gourmet-Restaurant sucht, nützt es in der Regel nichts, wenn sich jemand bewirbt, der während 40 Jahren in einem Bergrestaurant gearbeitet hat, wo ganz andere Bedingungen herrschen.

Am Ende ist Ihnen aber jeder Inländervorrang lieber als eine Lösung mit Höchstzahlen und Kontingenten – oder irre ich mich?
Die Weiterführung der Bilateralen ist für uns das oberste Gebot, das stimmt. Wir sind auf die Personenfreizügigkeit angewiesen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tess Tinker am 08.11.2016 19:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bessere Bedingungen schaffen

    Bei Köchen ist es doch wie bei Ärztinnen - besch... Arbeitsbedingungen, die sich schlecht mit der Familie verbinden lassen. Köche verdienen auch einfach zu wenig, für das, was sie leisten.

    einklappen einklappen
  • Müller Peter am 08.11.2016 19:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Quatsch

    Man muss es richtig ausdrücken! Es ist schwierig Köche zu finden, welche zum Mindestlohn arbeiten! Liebe Arbeitgeber hört mal auf zu jammern! Ihr wollt das Feuferli und das Weggli... Inländer ja!!!

    einklappen einklappen
  • Dase am 08.11.2016 18:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Soziale Lehrbetriebe

    Mein Sohn wollte Koch letnen, musste nach 2 Jahren Ausbildung abbrechen. Wenn es Lehrbetriebe gibt bei denen die jungen Leute auf dem Knien um ein freies Weekend betteln müssen, verwundere man sich nicht....

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Glückliches Kochpaar am 09.11.2016 18:44 Report Diesen Beitrag melden

    Wenns nicht passt muss man was ändern...

    Wir sind seit August aus der Lehre raus. Haben fix eine 42h/Woche machen alle 5 Wochen Weekend Dienst. Verdiene 5500.- Arbeiten von 0600 bis 1500 Uhr. Berufswäsche ist gestellt inkl. Reinigung. Verpflegung ist inklusive. ....Was will man mehr....

    • Kochpaar am 09.11.2016 18:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Glückliches Kochpaar

      Ja wir haben einen tollen Job! macht Spass und was will man mehr :-)

    einklappen einklappen
  • Roger am 09.11.2016 18:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    vergessen

    Nachtrag, was ich noch vergessen habe zu schreiben ist (bin selber in der Lebensmittelindustrie tätig) ist das ja vor allem die Begüterten, lieber ins Ausland einkaufen gehen als dem Beck fürs Brot 10 Rappen mehr zu zahlen, traurig aber wahr.

  • Roger am 09.11.2016 17:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur

    Es ist doch in der gesamten Lebensmittelbranche so, das die Löhne nicht gerade überragend sind. Koch Bäcker Konditor auch den Bauern zähle ich dazu( obwohl der noch vom Staat unterstützt wird) doch der Konsument will es immer noch billiger, das aber viele Menschen davon Leben möchten und wollen, wird leider viel zu oft vergessen!!!

  • 807687 am 09.11.2016 17:32 Report Diesen Beitrag melden

    Branche mit hoher Arbeitslosigkeit

    da kann ich nur sagen: Die Bedingungen stimmen nicht. Wo die stimmen, gibt es keine hohe Arbeitslosigkeit. Unattraktive, familienfeindliche Arbeitszeiten, niedrige Löhne, harter Knochenjob - die müssten Löhne haben wie Banker und eine 40 Stunden-Woche. Und schlauere Arbeitszeiten. Mein Schwiegersohn ist auch Koch. Und hat Familie. Und so hat er sich eben eine Tagesstelle gesucht und eine solche gefunden - in einem Seniorenheim. So ist er am Abend bei seiner Familie.

  • IT'ler am 09.11.2016 14:04 Report Diesen Beitrag melden

    RAV?

    "Vorausgesetzt, das RAV trifft eine gute Vorselektion" -Dazu sind die doch mitunter überhaupt nicht in der Lage! Als ich dort hin musste, bekam ich innerhalb eines halben Jahres genau eine einzige Stelle vorgeschlagen, die zudem fachlich überhaupt nicht passte (was mir die Firma, die sie zu besetzen hatte, glücklicherweise sofort schon am Telefon bestätigte). Den Rest meiner Bewerbungen, unter anderem auch die für meinen jetzigen Job, habe ich in Eigeninitiative erbracht.

    • KV'lerin am 09.11.2016 17:44 Report Diesen Beitrag melden

      Stimmt genau!

      Ist mir haargenau gleich ergangen.

    einklappen einklappen