Food-Populismus

12. September 2017 19:46; Akt: 12.09.2017 19:46 Print

«Lieber in eine hippe Beiz als an ein Konzert»

von D. Pomper - Jugendliche besuchten lieber Restaurants, um Fotos zu posten, als an Konzerte zu gehen. Warum heute Essen Halt im Leben gibt und nicht mehr Musik, weiss Christine Schäfer.

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Dieser Grundsatz gilt laut dem aktuellen «European Food Trends Report» mehr denn je. Viele junge Leute besuchen inzwischen sogar lieber Restaurants, um davon Fotos auf Instagram zu posten, als an ein Konzert zu gehen. Was diese Pizza wohl über über die Fotografin aussagt? Oder was möchte uns dieser Herr mit Sonnenbrille und Glace gern sagen? «Essen ist zu einem und sie mit komplizierten Rezepten und hyperlokalen Zutaten bekochen und übertrumpfen», sagt Trendforscherin Christine Schäfer vom Gottlieb-Duttweiler-Institut. Schäfer: «Wir essen heute zuerst mit unseren Smartphones. Die techaffinen Millennials haben mit ihrer Begeisterung für Social Media unsere Beziehung zum Essen endgültig revolutioniert. Wer Fotos an die richtige Community verschickt, kann über die rasche Ausbreitung von Trends mitentscheiden.» Andererseits wolle man sich über die Fotos auch profilieren. Schäfer: Für immer mehr Menschen nehme die Ernährung religiöse Züge an. Zwischen Veganern und Fleischessern tobe teils ein regelrechter Glaubenskrieg. Es gelte: Die Nahrungsmittelindustrie ist des Teufels und man sollte seine Produkte nur vom Bauern aus der Region beziehen. Man kann von einem Food-Populismus sprechen. Entweder gehört man zu den Guten oder zu den Bösen, mit denen man die Diskussion verweigert. Diese aktive, ja aggressive moralisierende Komponente des Essens ist neu. Auch Produkte wie Eier, Milch ... ... Weissbrot ... ... und Nudeln oder stark verarbeitete Produkte mit Geschmacksverstärker wie Fertigpizza oder Kebabfleisch sind in unserer Gesellschaft zunehmend verpönt. Ebenso gesättigte Fettsäure und tierisches Fett. Zu den «guten» Lebensmittel dagegen gehören «»: Kürbiskerne, Avocado oder Algen sollen die Leistungsfähigkeit des Gehirns steigern. Chiasamen, Gojibeeren, Kurkuma, Kokoswasser, Grüntee, Mandeln, Avocado, Granatapfel, Brokkoli, Heidelbeeren, Walnüsse, Olivenöl sollen gesundheitsfördernd und leistungssteigernd sein. Natürliche, biologische, frische, lokale, vegane und unverarbeitete Produkte stehen hoch im Kurs. Doch die Foodtrends haben auch ihre : «Der Hype um Superfoods kann für die Produzenten vor Ort zu grossen Problemen führen. Der Avocado-Boom führt etwa zu illegalen Abholzungen in Mexiko. Für das grüne Gold werden illegal Kieferwälder gerodet. Pflanzen und Tiere verlieren ihren natürlichen Lebensraum. Der wasser- und chemikalienintensive Anbau führt zu Wasserknappheit und gesundheitlichen Beschwerden. Und: das wichtigste Anbaugebiet mexikanischer Avocados wird inzwischen zu einem grossen Teil von einem Drogenkartell kontrolliert. Zahlen die Bauern kein Schutzgeld, müssten sie damit rechnen, dass sie ermordet werden.» wie Sauerkrauf, Kimchi, Kombucha oder probiotische Joghurts wird positive Wirkung auf die Darmflora zugeschrieben. Diese Lebensmittel könnten in den nächsten Jahren die Nahrungsindustrie revolutionieren. In der Schweiz dürfen seit dem 1. Mai 2017 drei Insektenarten als Lebensmittel zum Verkauf angeboten werden: Mehlwürmer, Grillen und die europäische Wanderheuschrecke. Und so werden die Insekten als Burger angepriesen. Essen wir bald alle ? Es wird aus tierischen Stammzellen im Labor gezüchtet. Trendforscherin Schäfer: «Diese Alternativen brauchen weniger Fläche und Wasser und belasten das Klima weniger. Und: Es sterben keine Tiere.»

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Frau Schäfer*, «Du bist, was du isst.» Dieser Grundsatz gilt laut dem aktuellen European «Food Trends Report», an dem Sie mitgearbeitet haben, mehr denn je. Was sagt Ihre Ernährungsweise denn über Sie persönlich aus?
Ich versuche, mich möglichst ausgewogen zu ernähren. Wenn möglich esse ich frische, regionale und lokale Produkte. Seitdem ich am Report gearbeitet habe, habe ich meinen Fleischkonsum stark reduziert. Statt eines Steaks kommt bei mir Feta oder Halloumi auf den Grill. Mit diesem Trend bin ich nicht allein.

Ich dagegen bin mit meinen Essgewohnheiten kein Vorbild. Zum Mittagessen kaufe ich für meine ganze Familie in der Kantine ein Menü – meistens das mit Fleisch. Zum Znacht gibts Kafi complet und nach dem Ausgang einen Kebab. Habe ich frei, koche ich Bio-Reis und mache Avocadosalat. Die Linsen, die ich vor ein paar Wochen gekauft habe, habe ich allerdings noch immer nicht zubereitet. Was sagt das über mich aus?
So wie Ihnen geht es vielen. Unter der Woche ist man oft im Stress und viel unterwegs. Man muss sich schnell verpflegen und greift zu Convenience-Produkten. Über das Wochenende versucht man Gegensteuer zu geben. Die Leute gehen auf den Markt, sie kochen aufwendige Menüs und laden Freunde ein. So befriedigen sie ihr Bedürfnis nach dem Authentischen und Natürlichen.

Das klingt nach viel Arbeit ...
Essen ist zu einem Statussymbol geworden. Wir wollen mit unseren Foodie-Skills unsere Freunde beeindrucken und sie mit komplizierten Rezepten und hyperlokalen Zutaten bekochen und übertrumpfen.

Besucht man heutzutage ein Restaurant, gibt es immer Gäste, die das Essen fotografieren und online stellen. Woher rührt diese Obsession?
Wir essen heute zuerst mit unseren Smartphones. Die techaffinen Millennials haben mit ihrer Begeisterung für Social Media unsere Beziehung zum Essen endgültig revolutioniert. Wer Fotos an die richtige Community verschickt, kann über die rasche Ausbreitung von Trends mitentscheiden. Andererseits will man sich über die Fotos auch profilieren. Für viele Jugendliche ist es heute attraktiver, ein neues Restaurant zu besuchen und davon Bilder zu posten, als an ein Konzert zu gehen. Auch Streetfood-Festivals sind zu einem wichtigen Treffpunkt für junge Leute geworden.

Wie reagiert die Gastroszene darauf?
Es gibt Restaurantketten, die auf Social Media designt werden. Dort setzt man weniger auf schummriges, romantisches Licht, sondern auf Licht, das die Menüs besonders appetitlich aussehen lassen. Gewisse Restaurants stellen den Gästen Instagram-Kits mit Weitwinkel und Stativ zur Verfügung. Das lohnt sich mehr als jede Marketing-Investition.

Wie profiliere ich mich mittels Food-Posts?
Die Fitnessbloggerin posiert mit ihren gesunden Smoothies, der Kritiker der Nahrungsmittelindustrie prangert Fast-Food-Ketten an, der Gourmand zeigt seine Kochkünste und dann gibt es noch die, die mit ihrem fundiertem Wissen über Nahrungsmittel prahlen. Wir identifizieren uns heute noch stärker darüber, was wir essen – und noch mehr darüber, was wir nicht essen. Essen kann eine Form von sozialer Abgrenzung sein.

Früher haben sich viele Jugendliche über einen bestimmten Musikstil definiert – heute machen Sie das über das Essen?
Genau, in den letzten 30 Jahren wurde Musik weniger zentral und die Bedeutung des Essens als Identifikationsfaktor hat stetig zugenommen. Eine bestimmte Musikgruppe war früher der gemeinsame Nenner einer sozialen Gruppe. Inzwischen aber gibt es so viele Genres, dass man den Überblick verloren hat. Das Essen dient da neu als Abgrenzung gegenüber sozialen Gruppen. Essen wird zum neuen Pop.

Was für soziale Gruppen?
Liest man den Schlagabtausch zwischen Veganern und Fleischessern in den Kommentarspalten, hat man das Gefühl, dass ein Glaubenskrieg stattfindet. Fleischessen ist böse, nur biologisch produziert ist gut. Die Nahrungsmittelindustrie ist des Teufels und man sollte seine Produkte nur vom Bauern aus der Region beziehen. Man kann von einem Food-Populismus sprechen. Entweder gehört man zu den Guten oder zu den Bösen, mit denen man die Diskussion verweigert. Diese aktive, ja aggressive moralisierende Komponente des Essens ist neu.

Sie erwähnten die religiöse Komponente des Essens. Was hat es damit auf sich?
Tatsächlich nimmt für immer mehr Menschen die Ernährung religiöse Züge an. Aus Food wird Superfood, aus Kultur wird Kult, aus Fans werden Fanatiker. Während die christliche Religion in Westeuropa immer mehr an Bedeutung verliert, bleibt das Bedürfnis nach Halt und die Suche nach Sinn aber bestehen. Früher war Musik für viele sinngebend. Heute gibt das Essen Halt im Leben.

Früher rebellierten Jugendliche mit einem bestimmten Musikstil gegen ihre Eltern oder das Establishment. Funktioniert Provokation auch mit der Ernährungsweise?
Bestimmte Karnivoren-Eltern dürften sich mehr daran stossen, dass ihr Kind jetzt Veganer ist, als wenn es einem eröffnen würde, dass es jetzt Heavy Metal hört. Und auch die Vegetarier-Eltern dürften keine Freude daran haben, dass ihr Kind jetzt doch Fleisch isst. Eine bestimmte Ernährungsweise als Mittel der Provokation ist also denkbar.

Sind Menschen, die ständig Bratwürste und Rösti auf Instagram posten, eher bürgerlich und Menschen, die Fotos ihrer selbstgebackenen veganen Kuchen präsentieren, eher grün?
Das weiss ich nicht. Was man aber sagen kann, ist, dass sich das Essen in den letzten Jahren immer stärker zum Politikum entwickelt hat, während Musik informeller und unpolitischer wurde. Michelle Obama und Jamie Oliver etwa engagieren sich für gesünderes Essen in Schulkantinen. Auch der Steuerzahler ist aufgeschreckt durch die hohen Gesundheitskosten, die durch falsche Ernährung hervorgerufene Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht werden.

Ernährung dient nicht nur dem Status, sondern auch der Gesundheit, sind viele überzeugt.
Gesundheit ist zu einem Lifestyle geworden, indem die Ernährung eine entscheidende Rolle spielt. Das Zauberwort heisst «Digestive Wellness». Wenn es meiner Verdauung gut geht, geht es auch dem Rest meines Körpers gut – so die Vorstellung. Magen und Darm laufen dem Gehirn als wichtigstes Organ den ersten Rang ab. Immer mehr Menschen ernähren sich nach bestimmten Grundsätzen, achten auf die Zusammensetzung der Makronährstoffe – Proteine, Fette und Kohlenhydrate – in ihrer Ernährung oder verzichten bewusst auf einzelne Komponenten oder auf das Essen zu bestimmten Tageszeiten. Viele Leute probieren aus, ob sie sich besser fühlen, wenn sie keine Milch mehr trinken, auf Gluten und Fleisch verzichten.

Das klingt nach viel Disziplin. Wie wichtig ist eigentlich noch der Genuss beim Essen?
Essen ist heute nicht mehr nur Nahrungsaufnahme und auch nicht mehr nur Genuss. Essen ist Mittel zur Selbstoptimierung. Nur, wenn der Körper mit dem richtigen Kraftstoff getankt ist, kann dieser auch sein ganzes Potenzial ausschöpfen, so die Vorstellung. Das gilt sowohl für den Körper wie auch die Leistungsfähigkeit des Gehirns. Deshalb greifen so viele zu Superfoods wie Chiasamen, Gojibeeren oder Avocado, die als Wundermittel angepriesen werden. Ich hoffe aber, dass der Genuss beim Essen auch in Zukunft noch immer mitschwingen wird.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • trent am 12.09.2017 20:09 Report Diesen Beitrag melden

    Ein schöner Beweis

    dass die Menschheit wirklich verdummt.

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  • Scientist am 12.09.2017 20:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Superfood ist Marketing

    Ich staune immer wieder über die Ess Obsessionen gewisser Menschen. Auch die Leichtgläubigkeit als ob chia Samen oder ähnliches ein Allheilmittel sind. Gesund und ausgewogen ist wichtig, Superfood ist nichts als Marketing.

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  • S. am 12.09.2017 20:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Obsession

    Ich mache Photos von meinen Freunden, Familie, Natur, Ferien und von meinem Hund. Aber ganz bestimmt nicht von meinem Nachtessen!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mörf am 13.09.2017 13:12 Report Diesen Beitrag melden

    Social Media

    es gibt nichts was ich mehr hasse als die ganzen Essensposts auf Social Media...Ja liebe Leute, ich weiss dass auch ihr was essen müsst...

  • Prof. Dr. Abdul Nachtigaller am 13.09.2017 11:23 Report Diesen Beitrag melden

    Musik ist die Sprache der Seele

    Die neuen Medien sind extrem auf visuelle Reize getrimmt. Musik sieht man nicht. Es ist nur logisch dass wir von Fitnesstellern und nicht von Melodien überrollt werden. Das liegt auch an der Verwendung heutiger Mobilgeräte. Ohne Kopfhörer bleibt nur das Wischen durch Bilderarchive. Durch Filterblasen wird man in einen Strudel aus Fotos geschickt. Musik befreit den Geist. Ihr wundert euch weshalb ihr so gestresst seid? "Augen zu und durch" bekommt eine ganz neue Bedeutung.

  • Ernesto am 13.09.2017 10:47 Report Diesen Beitrag melden

    Was denn nun?

    Kam letztens nicht ein Artikel raus wo es hiess, dass kein anderes Volk an so viele Konzerte geht wie die Schweizer?

    • Mörf am 13.09.2017 13:16 Report Diesen Beitrag melden

      Nun denn....

      Es gehen wohl viele Konzertgänger mit Chia-Brötchen und Rüeblisticks & Bio Dip an Konzerte, man munkelt einige hätten sogar das vegane Notfallverpflegungsset dabei, keine Pommes, keine Bratwurst, kein Brot...wird am Stones Konzert nicht anders sein :) Man will sich doch als Individuum auch in der grossen Masse abheben und wenn einem dann nocht ein paar bewundernde Blicke über das eigene Essverhalten erreichen hat man die gewünschte Anerkennung erhalten. Eine andere Erklärung habe ich nicht.

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  • K. Rititker am 13.09.2017 09:27 Report Diesen Beitrag melden

    Bildstrecke oben, viele der Fotos

    zeigen eher ungesundes Essen und die Gesichter sind so was von Mainstream - ich auch -auswechselbar und einfach nur einfallslos. Manchmal geht es wohl eher um Selbstdarstellung und weniger um den Food.

  • Kochmammi am 13.09.2017 09:23 Report Diesen Beitrag melden

    Superfood - Supermarketing?

    Das ganze Gedöns um das Superfood ist ein Hype. Das ganze als Superfood Angebotene kann einfach durch lokale (Schweizerische/Europäische) Lebensmittel ersetzt werden. Ersten viel günstiger; zweitens mit weniger Gift; drittens ökologischer ohne lange Transporte; viertens die Wertschöpfung bleibt in der Schweiz. Der ganze Superfoodhype ist Marketing und die Macher verdienen sich eine goldene Nase auf unsere Kosten und vergiften uns noch nebenbei.