Überreaktion auf Flirt

06. April 2018 07:22; Akt: 06.04.2018 07:22 Print

Warum irritiert Schwulen-Anmache Hetero-Männer?

von Silvana Schreier - Heterosexuelle Männer reagieren empfindlich, wenn sie von einem schwulen Mann angeflirtet werden. Warum eigentlich?

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Schwule und Heteros feiern immer öfter in denselben Clubs und Bars. Für René Schegg, Geschäftsführer von Pink Cross, ist das eine erfreuliche Entwicklung. «Natürlich kommt es dabei immer wieder zu Situationen, in denen ein schwuler Mann einen heterosexuellen anflirtet», sagt Schegg. Hetero-Männer überreagierten dann oft und wiesen den flirtenden Mann schroff ab. «Im Extremfall kann es auch in verbalen oder körperlichen Attacken enden.»

Umfrage
Haben Sie schon einmal einen unerwünschten Annäherungsversuch erlebt?

Solche Situationen haben auch einige 20-Minuten-Leser erlebt. Sie erzählen, wie sie reagiert haben:

Tommy (30):
«Ich wurde kürzlich in einer Bar von einem Typen angequatscht. Erst dachte ich, es sei nur ein angetrunkener Typ, der reden wollte. Als er aber auf mehrere Wegweisungen nicht reagierte und mich auch berührte, schmiss ich ihn aus der Bar.»

Mirko G. (24):

«Ich wurde mal auf einem Festival von einem schwulen Mann angeflirtet. Er suchte immer wieder meine Nähe und fing an zu flirten. In einer ruhigen Minute unter vier Augen sagte ich ihm, dass ich hetero bin und eine Freundin habe. Er akzeptierte das. Für seine Gefühle kann er ja nichts, genauso wenig, wie wenn ich eine Frau toll finde und versuche, mit ihr zu flirten.»

Nicolas Künzle (42):

«An gemischten Partys passiert es ab und zu, dass mir ein Hetero gefällt. Wenn ich mir nicht sicher bin, frage ich einfach, ob er überhaupt schwul sei. Denn das mit dem Schwulenradar klappt auch bei uns Homosexuellen nicht immer zu 100 Prozent. Meinen Hetero-Kollegen sage ich immer: ‹Du musst dir erst Sorgen machen, wenn dich kein Typ mehr anmacht. Denn dann ist die Chance gross, dass es die Frauen auch nicht tun.›»

Julian S. (23):
«Ich selbst bin schwul und empfinde Flirten jeweils als Gratwanderung. Du musst aufpassen, nicht zu aufdringlich zu sein, da die andere Person ja heterosexuell sein könnte und du nicht als Psycho rüberkommen willst. Aber gleichzeitig willst du ja auch Interesse zeigen. Meine Faustregel lautet: Schaut die Person so oft zu dir, wie du sie anschaut, go for it!»

«Wehe, es flirtet mich ein schwuler Mann an»

Patrick Weber, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Integration und Partizipation an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), ist selbst schwul und weiss von Situationen, in denen sich Hetero-Männer angegriffen fühlen. Er ist sich sicher: «Es geht dabei um eine Verletzung des Männlichkeitsbildes.»

Die Gesellschaft habe eine genaue Vorstellung davon, was männlich sei und was eben nicht. Und Homosexualität werde als unmännlich betrachtet. Einige heterosexuelle Männer würden darum Aussagen machen wie: «Ich habe nichts gegen Schwule, aber wehe, es flirtet mich einer an.»

Ist die Gesellschaft homophob?

Dass sich heterosexuelle Männer noch immer in ihrer Männlichkeit bedroht fühlten, hängt laut Schegg von Pink Cross damit zusammen, dass Homophobie in der Gesellschaft weiterhin stark vorhanden ist. «Wir leben in einer Kultur, die sehr stark von klassischen geschlechtsspezifischen Rollenbildern geprägt ist: Der Mann soll stark sein, die Frau sensibel.» Alles, was davon abweiche, werde als «minderwertig oder gar als Bedrohung» wahrgenommen. Homophobie hänge aber nicht zwingend mit Kultur zusammen: «Homophobe Personen gibt es überall.» Aber gerade die Religion trage eine Mitverantwortung für Homophobie in der Gesellschaft.

Weber veröffentlichte 2017 eine Studie zur «Einstellung und dem Verhalten von heterosexuellen Jugendlichen gegenüber Schwulen». Diese zeigte: 67,1 Prozent der befragten männlichen Sekundarschüler fühlten sich unwohl in einer Gruppe homosexueller Jungen. Im Fragebogen antwortete etwa ein Jugendlicher: «Ich akzeptiere Homosexualität, aber wenn ich mit Schwulen bin, fühle ich mich einfach nicht so wohl.»

Eine klare Antwort sei die beste Reaktion

Beide Experten empfehlen heterosexuellen Männern, die unerwünschte Annäherungsversuche durch schwule Männer erleben, jeweils offen zu reagieren: «Eine klare, aber nicht verletzende Antwort auf einen Flirt findet den meisten Respekt beim Gegenüber», sagt Schegg von Pink Cross. Weber ergänzt: «Sie sollten sich selbst fragen: Was ist überhaupt so schlimm daran, wenn mich ein anderer Mann anflirtet?» Schliesslich könne man das auch als Kompliment auffassen.