IT-Debakel

28. Juli 2016 12:11; Akt: 28.07.2016 15:05 Print

«Man kauft oftmals die Katze im Sack»

von J. Büchi - Die SBB haben Millionen für eine mangelhafte Software ausgegeben. IT-Beschaffungsexperte Matthias Stürmer erklärt, wie das passieren konnte.

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Herr Stürmer, beim Informatikprojekt-Projekt Sopre der SBB kam es gemäss Recherchen von 20 Minuten zu massiven Verzögerungen, Problemen und Kostenüberschreitungen. Warum enden IT-Projekte immer wieder als Flops?
Das liegt in der Natur der Sache: Anders als beim Bau eines Hauses kann man nicht so einfach nachvollziehen, wie zum Beispiel die Leitungen verlegt wurden. Es handelt sich um sehr komplexe Systeme, die zu verstehen viel fachliches Know-how erfordert. Selbst die Fachleute kennen oft nur einen Ausschnitt, beispielsweise die Abläufe oder die Technik. Dazu kommt, dass die technologische Entwicklung extrem rasant ist. Vor fünf bis zehn Jahren wurden Systeme noch weitgehend anders programmiert als heute.

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Heisst das, dass ein System bei seiner Einführung unter Umständen schon veraltet ist, wenn die Lancierung wie im Fall Sopre immer wieder verschoben wird?
Ja, im schlimmsten Fall ist das so. Ich kenne Beispiele, bei denen ein IT-Projekt wegen eines Formfehlers hängen geblieben ist. Als man die Arbeiten fortsetzen konnte, merkte man, dass die neue Software gar nicht mehr gebraucht wird. Generell haben IT-Projekte leider oftmals eine kurze Halbwertszeit. Oft denkt man bei der Planung nur an die heutigen Anforderungen – und nicht an Bedürfnisse von morgen oder übermorgen.

Im Fall der SBB erhielt das «wirtschaftlich günstigste Angebot» den Zuschlag. Steigt damit die Gefahr, auf einen Pfusch reinzufallen?
Das wirtschaftlich günstigste Angebot im Sinne des Beschaffungsrechts ist nicht das billigste, sondern jenes mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Krux der Sache ist, die Ausschreibung so zu gestalten, dass man das beste Angebot identifizieren kann. Grundsätzlich ist es schon so: Man kauft oftmals die Katze im Sack. Je innovativer eine Softwarelösung ist, desto weniger kann man im Voraus sagen, ob sie funktionieren wird.

Sind Grossprojekte, wie sie die SBB haben, besonders fehleranfällig?
Bei SBB oder Bund sind oft Lösungen gefragt, die es nur einmal braucht in der Schweiz. Dort gibt es einfach keine Standardlösungen, die man aus der Schublade ziehen könnte, wie wenn eine Firma eine neue Website braucht. Das war schon bei Insieme (gescheitertes Informatikprojekt der Eigenössischen Steuerverwaltung mit über 100 Millionen Franken Schaden, Anm. d. Red.) die grosse Herausforderung.

Die Gewerkschaft des Verkehrspersonals spricht von «haarsträubenden» Kostenüberschreitungen – die SBB schweigen sich über die Höhe der Mehrkosten aus. Ab welcher Schwelle ist eine Kostenüberschreitung problematisch?
Wenn ein Projekt 10 oder 20 Prozent mehr kostet, liegt das noch drin, finde ich. Auch bei Bauprojekten fallen nicht selten solche Zusatzkosten an. Was darüber hinausgeht, ist aus meiner Sicht problematisch. Allerdings ist es immer noch besser, ein System kostet 50 Prozent mehr und funktioniert am Ende einwandfrei, als wenn man wie im Fall Insieme 100 Millionen investiert und das Projekt am Schluss beerdigt werden muss.

Wie kann es sein, dass die Verantwortlichen so lange wursteln können, ohne dass jemand Wind von der Sache bekommt? Muss die Politik solche Projekte besser überwachen?
Seit Insieme ist in der Politik bereits viel passiert. Bei den so genannten Informatik-Schlüsselprojekten hat jetzt direkt der Bundesrat die Verantwortung, die Zuständigen müssen an ihn rapportieren. Oft ist ein Informationsdefizit verantwortlich dafür, dass Probleme in der Software-Entwicklung lange nicht Ernst genommen werden. Die Projektleiter haben oftmals Angst, das Projekt nach oben zu eskalieren, und behaupten deshalb möglichst lange, man sei noch im Budget und im Zeitplan. Es braucht viel Erfahrung, um zu wissen, wann man die Karten auf den Tisch legen sollte – und wann man damit nur unnötige Aufregung verursacht.

Kennen Sie die Firma Accenture, die für die Entwicklung der Sopre-Software verantwortlich ist?
Accenture ist eine der grössten internationalen Anbieterinnen für komplexe Softwarelösungen und in der Branche sehr bekannt. Im Alltag solcher Firmen ist es jedoch oft so, dass man viel in die Akquise eines Projekts investiert. Wenn man es dann hat, versucht man, es möglichst günstig durchzuziehen. Da besteht natürlich ein Zielkonflikt: Die SBB erwarten, dass die besten Leute auf dieses Projekt angesetzt werden – und nicht die günstigsten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Matthias Schweizer am 28.07.2016 06:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zeit die Verordnung zu ändern

    Was jammern jetzt wieder alle? So lange die Verordnung über die öffentliche Auftragsvergabe gilt und das "wirtschaftlich günstigste Angebot" genommen werden muss wird es immer wieder zu solchen Debakel kommen. Zum xten Mal zeigt es sich jetzt, dass der billigste nicht der beste ist und am Ende erst noch viel teurer. Das Gesetz muss geändert werden! Es müssen endlich wieder Experten entscheiden wer/was geeignet ist und nicht nur das Portemonnaie!

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  • Josi am 28.07.2016 05:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wirtschaftlich günstigstes Angebot?

    So kommt es eben raus, wenn eine Ausschreibung nur übers monetäre entschieden wird. Wer billig kauft halt immer zwei mal. Altes Sprichwort.

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  • Decryptic am 28.07.2016 05:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehler machen ist Menschlich

    Jedes System hat Fehler und das ist erfreulich, denn erst dadurch gibt es so viele und vorallem vielseitige Systeme. Schade nur dass die SBB diesen Fehler indirekt nicht bezahlen müssen sonder wir (wieder mal) mit erhöhten Billet-Preisen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bettina am 31.07.2016 07:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Meyer...

    ..kriegt über 1,1Millionen. Was wollen die sonst nich für Zahlen sehen?

  • Transpi am 30.07.2016 23:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Transparenz ist das Wichtigste

    Transparenz ist das grosse Thema der nächsten Jahre. Leider will keine Partei Transparenz, weil sie um ihre Privilegien fürchten. Das Volk wird siegen und Transparenz auf allen behörbdlichen Stufen durchsetzen.

  • Peschee am 30.07.2016 08:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aufsichtspflicht wahrnehmen

    der Bund als Treuhänder u werde Steuer Gelder und owner der SBB muss zwingend eingreifen!

  • Markus Maitre am 29.07.2016 18:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Kragen platzt....

    Hey Leute,das ist doch alles kein Problem... Die Millionen-Löcher und Fehlplanungen und Fehleinkäufe... Für das sind doch wir,das Fussvolk hier... Bezahlen bezahlen und nochmals bezahlen... Wie lange braucht Herr und Frau Schweizer noch, bis ihnen der Kragen oder das Portmonaie platzt..

  • Pebo54 am 29.07.2016 11:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    SBB ojee

    Mir wäre ein neues Gesicht bei der Leitung der SBB lieber als zahlen; die würden dann automatisch besser werden. Die SBB ist eine reine Katastrophe was die Ansprüche an eine Zeitgemässe ÖV angeht. Staubt den Kasten aus und gleich die verantwortliche BR mit.