Skinny-Shaming

14. November 2017 15:26; Akt: 14.11.2017 15:26 Print

«Man sagte mir immer, ich sei eine Bohnenstange»

von D. Krähenbühl - Dünne Leser verraten, wie es ist, wenn man sich für das eigene Körpergewicht rechtfertigen muss.

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Als Nicole zur Schule ging, wurde sie als «Stäcke» bezeichnet. «Ich war klein und dünn, ohne Formen. Ich konnte essen, was ich wollte, nahm aber nie zu. Auch mein Oberstufenlehrer hat mich einmal gefragt, ob ich magersüchtig sei. Jetzt, als erwachsene Frau und Mutter von zwei Kindern, bin ich immer noch schlank und kann essen, was ich will. Andere haben eben nicht so viel Glück wie ich.» Egal, wie viel sie essen, manche Menschen können einfach nicht zunehmen. Einige Leser berichten von ihren Erfahrungen. Alexandra war schon immer relativ schlank und musste sich deswegen auch viele schlimme Kommentare anhören. Obwohl sie mehr ass als ihre Kollegen, nahm sie einfach nicht zu. Heute ist sie aber sehr zufrieden mit ihrem Körper. «Ich bekomme viele Komplimente, dass ich eine super Figur habe. Ich sehe endlich normal aus, auch wenn ich immer noch schlank und leicht bin.» Levin: «Obwohl ich grossen Appetit habe, nehme ich nicht zu. Das nagt an meinem Selbstbewusstsein. Es fällt mir schwer, mich im Spiegel zu betrachten. Trage ich körperbetonte Kleidung, fällt mir auf, dass mich Menschen mehr und länger ausmustern. Als Mann ist es besonders schwierig, da eine zierliche Statur als unmännlich gilt. Ins Fitnessstudio wage ich mich selten, da ich dort auch den Blicken der anderen ausgesetzt bin.» Mila: «Als Jugendliche musste ich mir ständig anhören, ich sei eine Bohnenstange, ein Zahnstocher oder ein Strohhalm. Alles, was dünn und lang war, wurde mit mir verglichen. Manchmal stellten sich Leute seitlich neben mich und schrien ‹Oh mein Gott, wo ist Mila?› Dann traten sie vor mich hin und riefen erleichtert: ‹Ah, da ist sie ja wieder.›» Sofia: «Während der Berufsschule war meine Deutschlehrerin der festen Überzeugung, dass ich an einer Essstörung leide. Natürlich war sie so ‹hilfsbereit›, jeden Monat eine Mittagspause lang mit mir darüber zu diskutieren. Jegliche Erklärung meinerseits zu normalem Essverhalten und nicht abnehmendem Gewicht wurden als psychisches Symptom der Essstörung abgetan.» Für Urs Kiener, Kinder- und Jugendpsychologe von Pro Juventute, ist Skinny-Shaming ein Teil der Identitätsfindung von Jugendlichen. Man will sich gegenüber anderen abgrenzen, manchmal spiele sogar ein Funke Neid mit. «Wie man von anderen wahrgenommen wird, ist viel wichtiger als noch vor zehn Jahren.» So hätten gesellschaftliche Veränderungen in Verbindung mit dem Gebrauch von Social Media dazu geführt, dass man täglich mit Schönheitsidealen konfrontiert sei, denen man gar nicht entsprechen könne. «Der Druck, dass man heute rund um die Uhr aufgefordert wird, sich mit anderen zu vergleichen, führt zu grosser Rastlosigkeit», sagt Kiener. «Ich habe immer wieder Anfragen von Personen, die zunehmen möchten», sagt die Zürcher Ernährungsberaterin Corinne Remensberger-Kiser. «Die können so viel essen, wie sie wollen, nehmen aber trotzdem nicht zu.» Auch sie bestätigt den zunehmenden Druck durch die Medien und Social Media. «Heute reicht es nicht mehr, nur dünn zu sein. Ein durchtrainierter Body gehört dazu.»

Zum Thema
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Selbst wenn sie genug essen, stehen dünne Menschen unter Generalverdacht: Entweder gelten sie als krank, untergewichtig oder wollen fülligeren Menschen ein schlechtes Gewissen machen. Auch in einer nicht repräsentativen Leser-Umfrage von 20 Minuten mit über 2000 Teilnehmern gaben 80 Prozent an, dass sie sich schon Sprüche wegen ihrer dünnen Figur anhören mussten. Auch meldeten sich Dutzende betroffene junge Frauen und Männer mit persönlichen Erfahrungen zu Wort.

Umfrage
Hast du dir schon Sprüche anhören müssen, weil du dünn bist?

Alexandra* (19): «Ich war schon immer relativ schlank, obwohl ich mehr ass als meine Kameraden. Sprüche musste ich mir trotzdem gefallen lassen. In der Oberstufe begann es mich zu stören. Dort fragte mich eine Kollegin in einer Schwimmstunde, ob es nicht schmerzhaft sei, so dünn zu sein, und dass ich ihr megaleid tue. Ich war entsetzt und weinte mich zu Hause aus. Von da an zog ich jeweils zwei dicke Leggings unter meine Jeans an, damit die Beine dicker aussahen – auch im Sommer. Meine Mutter fühlte sich extrem hilflos, bei mir litt das Selbstbewusstsein erheblich darunter. »

«Alles, was dünn und lang war, wurde mit mir verglichen»

Levin* (27): «Obwohl ich grossen Appetit habe, nehme ich nicht zu. Das nagt an meinem Selbstbewusstsein. Es fällt mir schwer, mich im Spiegel zu betrachten. Trage ich körperbetonte Kleidung, fällt mir auf, dass mich Menschen mehr und länger mustern. Als Mann ist es besonders schwierig, da eine zierliche Statur als unmännlich gilt. Ins Fitnessstudio wage ich mich selten, da ich dort auch den Blicken der anderen ausgesetzt bin.»

Mila* (30): «Als Jugendliche musste ich mir ständig anhören, ich sei eine Bohnenstange, ein Zahnstocher oder ein Röhrli. Alles, was dünn und lang war, wurde mit mir verglichen. Manchmal stellten sich Leute seitlich neben mich und schrien ‹Oh mein Gott, wo ist Mila?› Dann traten sie vor mich hin und riefen erleichtert: ‹Ah, da ist sie ja wieder.›»

«Es ist nicht männlich, so dünn zu sein»

Severin* (23): «Ich habe eine sehr schmale Hüfte und dünne Beine. Ich esse sehr viel, aber selbst wenn ich etwas zulege, geht das vor allem in den Bauch. Sprüche anhören muss ich mir vor allem von Frauen, die sagen, es sei nicht männlich, so dünn zu sein.»

Viola* (20): «Ich war bereits als Kleinkind sehr, sehr dünn. Später, als ich etwa 13 Jahre alt war, fing es mit den Hänseleien an. Leute fragten mich, ob ich magersüchtig sei. Das war sehr schwierig, denn ich ass viel, nahm aber einfach nicht zu. Heute sind mir solche Kommentare egal. Ich weiss, dass ich viel esse und halt einfach dünn bin.»

«Dein Körper ist wie die Niederlanden»

Alessio* (18): «Besonders als Mann wird man schwer diskriminiert und hat mit schweren Zweifeln zu kämpfen, da alle anderen besser gebaut sind und keine Frau was von einer Spargel will.»

Nicole*: Als ich zur Schule ging, wurde ich als «Stäcke» bezeichnet. Ich war klein und dünn, ohne Formen. Andere Mädchen sahen schon wie richtige Frauen aus. Ich konnte essen, was ich wollte, nahm aber nie zu.»

Lara* (19): «Typen sagen mir, dass mein Körper Flachland wäre. Dass man das Gefühl hätte, man sei in den Niederlanden. Ich werde oft kritisiert, da ich weder Oberweite noch einen runden Po habe.»

Stephanie* (34): «In der zweiten Oberstufe wollte eine Lehrerin eine etwas fülligere Mitschülerin mit den folgenden Worten aufmuntern: ‹Willst du denn so dünn sein wie Steffi?! Das ist doch auch nicht schön.› Leider war ich zu schockiert, um zu kontern.»

*Namen geändert

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Manuel am 14.11.2017 16:10 Report Diesen Beitrag melden

    kenne ich gut

    Das musste ich mir auch schon anhören. Gerade wenn mich eine eher dicke Person so betitelt merke ich, dass hier in unserer Gesellschaft ein Ungleichgewicht besteht. Denn eigentlich würde ich daraufhin mit gleichen Mitteln antworten und ihr irgendein Dicken-Spruch entgegnen. Aber das wäre ja dann gemein und voll fies. Sprüche gegen Dicke sind (zurecht) geächtet, Sprüche gegen Dünne hingegen werden nicht als Beleidigung angesehen obwohl dünne Menschen sehr wohl verletzt sind. Mir zumindest geht es manchmal so.

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  • Michi am 14.11.2017 16:11 Report Diesen Beitrag melden

    Meine Meinung

    Dicke lästern nur über dünne, damit man von ihren Problemen ablenken kann und dick-sein als "normal" bezeichnet.

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  • RoCh am 14.11.2017 15:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur mit dem Herzen sieht man gut

    Alles was nicht der Norm entspricht gilt als unästhetisch. Männer müssen gross und muskulös sein, Frauen den perfekten Body haben und zudem beide Geschlechter wunderschön und makellos sein. Dieses Wunschdenken entspringt der Werbung und fast alle eifern diesem perfekten Abbild nach. Was unmöglich ist. Und daran zerbrechen viele. Kein Mensch hat sich selbst erschaffen. Die Gene bestimmen. Warum nur können wir Menschen nicht mit dem Herzen sehen, statt immer nur mit den Augen? Schönheit ist vergänglich, Charakter bleibt. Eine natürliche Art und ein herzliches Lachen ist viel Wert statt Optik.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Luna_Cat am 15.11.2017 14:42 Report Diesen Beitrag melden

    kenne ich

    Ich war früher als Kind ein sehr dünnes Kind als Teenager war ich pummelig und am Anfang 20 waren diese Pfunde wieder weg. Als ich dünn war musste ich Magersüchtig sein und als ich ein paar extra Pfunde drauf hatte war ich Fett, ein Nilpferd oder Elefant. Egal wie man aussieht es gibt immer welche die was zu Meckern haben und wenn es andere nicht tun ist man selbst unzufrieden. in der heutigen Zeit wird viel zu viel auf den äusseren schein geachtet. Nur das was man sieht muss stimmen. ist keinem bewusst wie oberflächlich und einfältig so eine Einstellung ist? Der Äussere Schein kann trügen.

  • Markus am 15.11.2017 13:45 Report Diesen Beitrag melden

    Ist doch kein Problem!!!

    Ich bin 193 cm bei 77 kg und kann essen was immer ich will ohne dass ich an Gewicht zulege. Von daher kann mir jeder sagen dass ich ein Spargel-Tarzan bin. Lieber als klein und dick!!!

  • JustMe am 15.11.2017 11:46 Report Diesen Beitrag melden

    "Bohnenstange" ist doch ok

    klang für mich immer positiv, sagt es doch auch etwas über die Grösse aus... "Zahnstocher" und "magere Ziege" dagegen...

  • Bruder Motzi am 15.11.2017 11:30 Report Diesen Beitrag melden

    Hallo? Mit genügend Selbstvertrauen

    muss man sich überHAUPT nicht für irgend etwas rechtfertigen. Niemand ist der Gesellschaft gegenüber Rechenschaft schuldig!! (Wäre noch schöner......)

  • Le Tintin am 15.11.2017 10:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gaukeln

    Werbung & TV Shows wollen uns weis machen, wie Mann/Frau auszusehen hat. Das ist für sehr viele gar nicht realistisch. Und dennoch brennen sich diese Stereotypen ins Gehirn. Lasst endlich los & stoppt das Urteilen.