Freie Arztwahl für immer?

18. Mai 2012 08:59; Akt: 18.05.2012 10:17 Print

«Managed Care senkt die Kosten nicht»

von Simon Hehli - Verteidigen die Spezialärzte beim Kampf gegen Managed Care nur ihre Löhne? Marcus Maassen, Wortführer der Gegner, verteidigt sich und erklärt, warum das Volk die Vorlage beerdigen sollte.

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Marcus Maassen (ganz rechts) bei der Einreichung der Referendums-Unterschriften gegen Managed Care. In der Mitte Ärzte-Präsident Jacques de Haller. (Bild: Keystone/Peter Schneider)

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FDP-Nationalrat Ignazio Cassis wirft den Spezialärzten vor, sie wollten mit ihrem Widerstand gegen Managed Care nur ihre exorbitant hohen Löhne retten. Sind Sie ein Abzocker?
Marcus Maassen:Diese Vorwürfe sind falsch. Spezialisten rechnen wie alle anderen Ärzte auch transparent nach dem vom Bund genehmigten Abrechnungssystem Tarmed ab. Der Spezialist spart zudem Kosten, indem er schneller und ohne Umwege die richtige Diagnose stellt. Eine zusätzliche Konsultation über einen vorgeschalteten Gatekeeper oder Türsteher, also einen Doktor in einem Netzwerk, ist mit zusätzlichen Kosten und unnötigem Zeitaufwand für den Patienten verbunden. Es hat mir noch keiner erklären können, wie man Kosten spart, wenn man zwei Konsultationen haben muss anstatt nur eine.

Sie lenken ab. Geben Sie doch zu, dass Sie auch aus Eigeninteresse handeln: Wenn weniger Leute direkt zum Spezialisten gehen, verdienen Sie weniger.
Der Vorwurf ist völlig abwegig. Eine gute Spezialistenpraxis wird mit oder ohne Managed Care genügend Patienten haben, denn der Patient weiss am besten selbst, wo er gute medizinische Hilfe bekommt.

Und eine schlechte Praxis?
Die muss und soll sich bei den Patienten – also «am Markt» – genauso bewähren wie ein schlechtes Managed-Care-Netzwerk. Die Managed-Care-Vorlage belohnt flächendeckend alle Netzwerke – auch jene, die schlecht arbeiten.

Was spricht denn dagegen, dass ein Hausarzt oder ein Ärztenetzwerk die Behandlung eines Patienten von A bis Z koordiniert?
Managed Care verspricht das Blaue vom Himmel. Ärztekoordinationen gibt es schon seit Hunderten von Jahren. Jetzt geht es aber darum, dass die freie Arztwahl durch die Hintertür abgeschafft werden soll. Indem der Staat zwangsweise Ärztenetze verordnet, werden die Patienten bevormundet. Versicherte in einem Managed-Care-Modell dürfen nur noch jene Ärzte aufsuchen, die dem Netzwerk der jeweiligen Krankenkasse angeschlossen sind. Dazu gehören unter anderen auch Gynäkologen.

Ihre Abstimmungspropaganda ist unredlich: Niemand will die freie Arztwahl abschaffen. Sie würde einfach beim Selbstbehalt maximal 300 Franken mehr kosten.
Dieser höhere Selbstbehalt ist für viele Schweizer nicht mehr bezahlbar. Das sehe ich bei meinen eigenen Patienten. Freie Arztwahl gäbe es nur noch für diejenigen, die es sich leisten können. Die Zweiklassenmedizin lässt grüssen. Bei einer fünfköpfigen Familie sind die Kosten erheblich.

Bis eine solche Familie den vollen Selbstbehalt bezahlt, müsste jedes Familienmitglied Gesundheits-Kosten von über 6000 Franken verursachen. Das ist sehr unwahrscheinlich.
Dennoch: Wer finanziell nicht auf Rosen gebettet ist, ist im Netzwerk gefangen. Es geht ja nicht nur um die Abschaffung der freien Arztwahl. Wenn Netzwerke Exklusivverträge abschliessen, können Versicherte auch ihr Spital und ihre Apotheke nicht mehr frei wählen. Zudem sieht die Gesetzesvorlage mehrjährige Verträge vor, aus denen man sich nur gegen eine hohe Austrittsprämie freikaufen kann. Das sind regelrechte Knebelverträge.

Im Gesetz steht, die Kassen können «für das Versicherungsverhältnis neben der Dauer von einem Jahr auch eine Dauer von bis zu drei Kalenderjahren vorsehen». Das bedeutet, sie müssen weiterhin Einjahresverträge anbieten, dürfen aber auch – gegen einen Prämienrabatt –auf freiwilliger Basis längere Verträge einführen.
Völlig richtig. Genau das sagen wir ja. Viele finanziell schlechter gestellte Patienten können sich die teureren Ein-Jahres-Verträge nicht leisten und sind somit gezwungen, die billigeren Drei-Jahres-Knebelverträge abzuschliessen. Das Wort «freiwillig» ist in diesem Zusammenhang blanker Hohn.

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie nicht verstehen, wie man Kosten sparen soll, wenn man zwei Konsultationen haben muss anstatt nur eine. Ist es denn nicht günstiger, wenn bereits der Hausarzt ein Leiden heilt, als wenn der Spezialist seine teuren Apparaturen anwirft?
Der Hausarzt kann eben nicht alle Krankheiten erkennen und heilen, sonst müsste er ja auch Mammographien oder hautärztliche Spezialuntersuchungen zur Krebsfrüherkennung durchführen. Genau deshalb gibt es ja die Spezialisten.

Doch unkoordinierte Besuche bei verschiedenen Spezialisten verursachen unnötige Mehrkosten.
Das Argument, dass durch Managed Care das Doktor-Shopping unterbunden werde und die Kosten gesenkt würden, ist fragwürdig. Denn der Schweizer belegt mit durchschnittlich nur vier Arztbesuchen pro Jahr bereits jetzt den fünftbestem Platz im Vergleich von 28 untersuchten Nationen, wie eine OECD-Studie im Jahr 2009 ergeben hat. Das bedeutet, dass die Patienten sehr behutsam und verantwortungsvoll mit ihrer Gesundheit und den Gesundheitskosten umgehen. Ein Blick aufs Ausland zeigt, dass es eine Mär ist, dass Managed Care Kosten senkt. In Ländern, die das System praktizieren – etwa die USA, Grossbritannien, Norwegen oder Holland – sind die Gesundheitskosten in den letzten Jahren stärker gestiegen als bei uns.

Da können auch andere Faktoren eine Rolle spielen. Aber nochmals: Wieso sollten die Hausärzte keine wichtigere Rolle bekommen?
Wir wollen ja gerade, dass die Hausärzte eine wichtigere Rolle spielen. Nur sollen sie und ihre Patienten nicht in Netzwerke gezwungen werden, sondern die Spezialärzte weiter wählen können. Wird die freie Arztwahl abgeschafft, drohen ausserdem Wartelisten, verschleppte Diagnostik und Rationierungen. Das kann zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen – etwa wenn ein Hautkrebs nicht bereits im Frühstadium erkannt und behandelt wird.

Sie malen sehr schwarz. Wieso sollte es Rationierungen und lange Wartefristen geben? Das ist ja heute beim Hausarzt- oder HMO-Modell auch nicht der Fall.
HMO-Modelle sind aber keine Managed-Care-Modelle, denn diese bringen einen Budgetzwang mit sich, die sogenannte Budgetmitverantwortung. Das führt zwangsläufig zu Rationierungen und Wartelisten, die ja heute bereits existieren. Ein Problem sehe ich auch für psychisch kranke Menschen.

Welches?
Schon jetzt ist die Hürde, bei psychischen Erkrankungen fachärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, für die meisten Menschen hoch. Managed Care schränkt den freien Zugang zur Psychiatrie und Psychotherapie weiter ein. Wenn der Bedarf nach einer psychiatrischen Behandlung auch noch vor dem fachfremden «Gatekeeper» gerechtfertigt werden muss, werden Menschen, die eine Behandlung bräuchten, schon von vornherein abgeschreckt.

Wie wollen Sie verhindern, dass ein misstrauischer Patient von Arzt zu Arzt tingelt und von jedem Medikamente verschrieben bekommt, die nicht miteinander kompatibel sind?
Dieses Argument ist an den Haaren herbeigezogen und zeigt lediglich die Hilflosigkeit der Managed-Care-Befürworter auf. Wenn ein Patient neu zu mir kommt, checke ich selbstverständlich, welche Pillen er bereits nimmt und welche Wechselwirkungen diese mit anderen Medikamenten haben könnten. Alles andere wäre ja als Arzt verantwortungslos.

Wenn Sie sich gegen die Budgetmitverantwortung sperren: Wie soll sonst sichergestellt werden, dass die Ärzte nicht aus Eigeninteresse zu viele und zu teure Behandlungen machen?
Jeder Arzt ist verpflichtet, nach den Kriterien von Wissenschaftlichkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit zu arbeiten. Schon jetzt wird verglichen, welche Leistungen ein Arzt erbringt und wie hoch die Kosten dafür sind. So zeigt sich rasch, wer die schwarzen Schafe sind. Die Krankenkassen massregeln Ärzte, die zu hohe Leistungen verrechnen. Dafür brauchen wir keinen kompletten Umbau der ambulanten Behandlungen, wie sie Managed Care vorsieht.

Diese Kontrollen reichen offensichtlich nicht, um ein weiteres Ansteigen der Krankenkassen-Prämien zu verhindern.
Die steigenden Kosten im Gesundheitswesen entstehen auch durch den Fortschritt der Medizin und moderne Therapieformen sowie dadurch, dass wir immer älter werden. Diese Entwicklung lässt sich nicht stoppen – dafür profitieren die Menschen von einer längeren Lebenserwartung und einer verbesserten Lebensqualität. Und nur nebenbei bemerkt: Die Krankenkassen-Prämien sind in den letzten Jahren immer deutlich stärker gestiegen als die Gesundheitskosten. Vielleicht müsste die Politik dieses Phänomen genauer unter die Lupe nehmen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bruno S am 18.05.2012 09:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viele fragen

    Also!! Wenn ein Arzt im Managed Care eine Diagnose macht, ist diese immer richtig. ??? Glaube macht seelig?? Oder was. Es gibt nur vertrauensärzte welche jedezeit gewechselt werden können. Und zudem, das chinesische system könnte auch gut sein. Der Arzt wird wird nach gesunden Kunden bezahlt. Kranke Menschen müssen behandelt werden und das gratis. ??!! Wer konzrolliert da die Gesundheit der gesunden.?!

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  • Smit, J am 19.05.2012 09:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krankenkasse "Specken"

    Nur Pharma und Krankenkasse können diese MC annehmen. Alle andere 6 Millionen Schweizer Bürger müssen selber entscheiden ob sie diese rund (grob geschätzte) 1 Million Andere - die übrigens jedes Jahr mindestens ein Teuerungsausgleich verbuchen dürfen! - Noch weiter extra finanziell unterstützen wollen. Die Krankenkasse verlangt völliger Transparenz von uns aber wo bleibt die Transparenz bei der Krankenkasse!? Glaub mir, Sie wollen nicht wissen was die verdienen...

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  • Manu am 18.05.2012 09:58 Report Diesen Beitrag melden

    Verwirrt...

    Hmm.. wenn ich jetzt schon einen Gynäkologen habe für meine jährlichen Untersuchungen, muss ich ihn dann wechseln, nur weil er nicht in meinem Ärtzenetzwerk ist? Muss ich dann den Hausarzt wechseln? Ich habe bereits bei meiner Krankenkasse das sog. Hausarztmodell (wenn ich etwas habe muss ich zuerst zu ihm, er kann mich dann aber beliebig weiter schicken). Der Gynäkologe ist da aber ausgeschlossen, wär ja völlig übertrieben zuerst zum Hausarzt zu gehen und dann zum Gyni für ne Routine Untersuchung...

Die neusten Leser-Kommentare

  • J-M Morey am 21.05.2012 16:52 Report Diesen Beitrag melden

    Selbstbehalt 15% statt 10%

    Man verniedlicht und den Unterschied 10% vs. 15% Selbstbehalt. Im klaren heisst es, dass wenn ich meine freie Arztwahl behalten will, für jede Konsultation 50% mehr aus der eignenen Tasche bezahlen muss.

  • Neinsager am 21.05.2012 14:45 Report Diesen Beitrag melden

    Nur Kassieren

    Und jedes Mal, wenn du einen Spezialarzt brauchst, kassiert dein Hausarzt für die Anmeldung oder die Überweisung mit. Pro Minute 5.- Fr. + Telefon + mail + Nachbesprechung. Es ist wie beim obligatorischen Abgastest in den Garagen, 3.5 bis Millionen Autofahrer werden dazu verpflichtet und 70.- Fr. werden für die drei Minuten kassiert, dank Gesetzgeber. Finger weg vor diesem neuen Vogt! Ausser Spesen, nichts gewesen!

  • Roland am 21.05.2012 13:43 Report Diesen Beitrag melden

    ABZOCKEREI STEHT IM VORDERGRUND

    Zudem haben veramerikanisierten Austrücke in der Schweiz nicht's zu suchen - wir wollen klare Worte-Ausdrücke die jeder versteht und nicht noch verunsichert.

  • Mani Aarau am 21.05.2012 09:20 Report Diesen Beitrag melden

    Den Kassen alle Macht

    Den Krankenkassen alle Macht geben? Wir haben das Modell, werden aber schnell nach der Abstimmung zurückwechseln ins Hausarzt Model. Es gibt auf dem Land immer weniger Hausarzte und unser Arzt ist nicht bei unserer Versicherung (Netz) dabei. Die Versicherung wollte meine Frau 16 km weit weg zum Arzt schicken. Durfte aber dann nach ein paar Telephonaten doch zu ihrem Vertauensarzt. Wäre Sie einfach gegeangen hätten die die Leistung einfach nicht bezahlt, so einfach ist das, nach annahme.

  • M.S. am 20.05.2012 18:19 Report Diesen Beitrag melden

    Undurchsichtiges Managed Care

    Ich möchte endlich Klartext hören betreffend Managed Care. Was sind die Unterschiede zum heutigen Hausarztmodell? Kann man weiterhin zum Gynäkologen seiner Wahl gehen oder müsste man wechseln, wenn dieser nicht mit dem Hausarzt zusammenarbeitet? Was hat es mit den erwähnten Wartelisten auf sich? Solange ich keine klaren Antworten habe, werde ich auf jeden Fall 'nein' stimmen.