Zürcher Obergericht

13. Oktober 2017 11:08; Akt: 13.10.2017 17:28 Print

Hassan Kiko muss wegen Flucht länger sitzen

von Jennifer Furer - Hassan Kiko ist wegen Anstiftung zum Entweichenlassen von Gefangenen schuldig gesprochen worden. Das Obergericht bestätigt das Urteil der Vorinstanz.

Hassan Kikos Anwalt Valentin Landmann nimmt Stellung zum Urteil. (Video: jen/tür)
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Hat Hassan Kiko seine damalige Freundin und heutige Ehefrau Angela Magdici zur Flucht aus dem Gefängnis überredet? Ja, sagt das Obergericht und verurteilte den vorbestraften Kiko zu einer unbedingten Freiheitsstrafe wegen Anstiftung zum Entweichenlassen von Gefangenen von sechs Monaten. Kiko sass zuvor bereits wegen anderer Delikte im Gefängnis und muss nun noch 64 Monate dort bleiben. Ob er wegen guter Führung frühzeitig entlassen wird, ist noch offen.

Das Bezirksgericht Dietikon kam im Mai zum gleichen Schluss wie das Obergericht: Es hatte Kiko zu einer unbedingten sechsmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt. Der Verteidiger von Kiko, Valentin Landmann, war mit diesem Urteil nicht einverstanden und zog den Schuldspruch weiter.


Statsanwältin Claudia Wiederkehr ist zufrieden mit dem Urteil. (Video: jen/tür)

«Magdici hat aufgrund des konstanten Bittens entschieden, Kiko freizulassen»

Oberrichter Daniel Bussmann begründete das Urteil unter anderem damit, dass Anstiften auch durch Bitten erfolgen kann. «Magdici hat aufgrund des konstanten Bittens entschieden, Kiko freizulassen», sagte Bussmann.

Zudem führte er aus, dass Begünstigung etwas anderes sei als Anstiftung zur Freilassung eines Gefangenen.

«Sie kommt jede Woche ins Gefängnis, um mich zu besuchen»

Hassan Kiko erschien mit blauen Kroks und weissen Socken vor Obergericht. Nicht die ausgefallene Schuhwahl sorgte bei den Anwesenden für Gesprächsstoff, sondern die Abwesenheit seiner Frau Angela Magdici, die mittlerweile den Namen Kiko tragen soll.

«Wie gestaltet sich der Kontakt zu Frau Magdici?», fragte der Richter Kiko zu Beginn der Verhandlung. «Sie kommt jede Woche ins Gefängnis, um mich zu besuchen. Ich schreibe ihr. Und ich darf dreimal in der Woche mit ihr telefonieren», sagte Kiko. Trotz Nicht-Erscheinen seiner Angebeteten hängt der Haussegen laut ihm also nicht schief.

«Sie ist volljährig und kann machen, was sie will»

«Haben Sie sich keine Gedanken gemacht, dass Sie Magdici grosse Schwierigkeiten bereitet haben?», fragte der Richter. Kiko antwortete: «Wir waren verliebt. Wir haben uns gedacht: Ok, die Tür ist auf, wir gehen raus.» Es könne sein, dass er sie mehrmals auf die Flucht angesprochen habe. «Sie ist aber auf mich zugekommen und hat gesagt, dass wir flüchten. Ich habe sie nicht angestiftet.» Sie sei volljährig und könne selber entscheiden, was sie mache. Rückblickend beurteile er seine Flucht aber als «Dummheit».

«Eine Selbstbegünstigung ist nicht strafbar»

Verteidiger Landmann versuchte an der Verhandlung, wie bereits am Bezirksgericht, einen Freispruch für Kiko zu erlangen. Er argumentierte, dass eine Frage oder Bitte keine Anstiftung sei. «Eine Selbstbegünstigung ist nicht strafbar. Es liegt in der Natur des Menschen, dass dieser in Freiheit leben will. Der Staat trägt die Verantwortung, dass Häftlinge nicht entweichen», sagte er.

Anders argumentierte die Staatsanwältin Claudia Wiederkehr. Sie forderte, dass das Obergericht den Schuldspruch des Bezirksgerichts folgt. In ihrem Plädoyer führte Wiederkehr aus, dass Kiko Magdici immer wieder auf die Flucht angesprochen habe, bis sie schliesslich zugesagt habe. «Obwohl Kiko wusste, dass Magdici nicht befugt war, über eine Entlassung zu entscheiden, stiftete er sie an, ihre Pflichten zu verletzen und ihre Kompetenzen zu überschreiten», so die Staatsanwältin.

Auch Anregungen und blosses Bitten seien Mittel, andere Personen zu einer Handlung zu bewegen. Sie machte dazu einen Vergleich: Würde jemand einen Zeugen zu einer Falschaussage anstiften sei das auch eine Selbstbegünstigung, die jedoch strafbar ist. Deshalb ziehe das Argument der Verteidigung nicht, dass eine Selbstbegünstigung nicht strafbar sei. Sie fügte an: «Wenn der grosse Profiteur der Aktion ungeschoren davon käme, widerspräche das jeglichem Rechtsempfinden.»

Hassan Kiko wird der Prozess gemacht