Krank vom Arbeiten

09. August 2016 19:42; Akt: 09.08.2016 19:42 Print

«Meine Patienten sind wie ausgepresste Zitronen»

von B. Zanni - Die Zahl der Jobausfälle durch Krankheit hat ein Rekordhoch erreicht. Schon junge Angestellte sind psychisch und physisch am Ende.

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Den Schweizer Arbeitnehmern geht es schlechter denn je. Bereits 2014 verzeichnete das Bundesamt für Gesundheit eine drastische Zunahme von berufsassoziierten Gesundheitsstörungen. Nun hat sich die Situation verschärft. Laut einer neuen Analyse der Krankenkasse Swica steigt die Zahl krankgeschriebener Mitarbeiter kontinuierlich. «Rückblickend auf die letzten zehn Jahre stehen wir auf einem Rekordwert», berichtet Swica gegenüber SRF. In 32 Prozent lägen psychische Erkrankungen und in 30 Prozent Beschwerden am Bewegungsapparat, etwa Rückenschmerzen, den Fehlzeiten zugrunde.

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Andere Krankenkassen machen ähnliche Befunde. Zwischen 2009 und 2015 hätten die Anzahl der Fälle und die Kosten im Bereich Krankentaggeld zugenommen, sagt Stefan Heini, Leiter Medienstelle bei Helsana. «Am höchsten sind die Ausgaben in den Bereichen ‹psychische Leiden› und ‹Probleme mit dem Bewegungsapparat›.» Auch Claudia Jenni, Sprecherin der Sanitas Krankenversicherung, berichtet: «Unsere Fachspezialisten stellen eine steigende Tendenz von Ausfällen am Arbeitsort fest.»

Krank wegen Überstunden

Ärzte bekommen dies stark zu spüren. Christoph Bovet, Hausarzt in der Praxis Ärzte am Rosenberg fällt auf: «Zu uns kommen in den letzten Jahren immer mehr Patienten, die sich ein Arztzeugnis ausstellen lassen wollen.» Betroffen seien viele Arbeitnehmer zwischen 20 und 45 Jahren. Einige seien wie ausgepresste Zitronen. «Im Job müssen sie nur noch strampeln.» Oft berichteten seine Patienten, dass sie viel Arbeit mit weniger Personal erledigen müssten. Dazu kämen unfreundliche Vorgesetzte und Kollegen.

Die Folgen der Belastungen am Arbeitsplatz: Burn-outs, seelische Tiefs, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, Rückenprobleme. «Da viele Arbeitnehmer etliche Überstunden leisten, haben sie ihre körperliche Gesundheit vernachlässigt.» Er habe auch Patienten mit Alkoholproblemen erlebt. «Sie spülten den Stress mit Trinken herunter.» Besonders schlecht gehe es den älteren Patienten. «Nudelfertige 55- bis 60-Jährige werden früher oder später aufgrund ihres Alters auch noch entlassen und finden kaum mehr einen Job.»

«Unternehmen könnten Milliarden sparen»

Thomas Mattig, Direktor Gesundheitsförderung Schweiz, berichtet, dass viele Absenzen stressbedingt sind. «Gemäss unseren Zahlen könnten die Unternehmen im Stressbereich mit präventiven Massnahmen rund 5 Milliarden einsparen.»

Die meisten Firmen würden Symptome nur an der Oberfläche beheben, sagt Michael Sonntag, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Stattdessen sollte das ganze Arbeitssystem überdacht werden. «Es braucht mehr Dynamik, weniger Kontrolle und mehr Selbstbestimmung.»

Besorgte Arbeitgeber

Niklas Baer, Leiter der Fachstelle Psychiatrische Rehabilitation an der Psychiatrie Baselland, zweifelt jedoch an einer zunehmend krankmachenden Arbeitswelt. «Heute werden Arbeitnehmer bei psychischen Problemen eher krankgeschrieben als früher.» Arbeitnehmer wie Arbeitgeber seien bei psychischen Problemen häufig überfordert. Sie wüssten nicht, wie sie auf Schwierigkeiten reagieren sollten. «Oft ziehen die Chefs externe Hilfen zu spät bei.»

Laut Roland A. Müller, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, bereitet die Zunahme der Absenztage auch den Arbeitgebern Sorge. Durch die hektischer gewordene Arbeitswelt seien sie gefordert, Arbeitsbedingungen ohne gesundheitsschädigenden Druck zu schaffen. Im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements kämen die Arbeitgeber ihrer Verantwortung nach.

Haben Sie sich durch den Stress im Job auch krankschreiben lassen? Dann melden Sie sich hier und erzählen Sie uns Ihre Geschichte:

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • üsserschwiizer am 09.08.2016 20:03 Report Diesen Beitrag melden

    Oftmals Verrückte Arbeitswelt

    Leben wir eigentlich zum Arbeiten oder Arbeiten wir zum Leben?

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  • Marcello am 09.08.2016 20:06 Report Diesen Beitrag melden

    Sauer...

    Das ganze Volk wird ausgepresst wie eine Zitrone... Aber eins müssen diese Leute die das zu verantworten haben wissen.... Das Ergebnis das dabei herauskommt ist Sauer und alles wird sich früher oder später rächen !!!

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  • daniele am 09.08.2016 19:57 Report Diesen Beitrag melden

    vertraut nicht dem "Friendly Workspace"

    vertraut nicht dem friendly workspace.. mein arbeitgeber hat auch dieses "zertifikat", dennoch bin ich bald am limit, ich arbeite durchgehen 50h/w, teils sogar mehr, wenn man auf seine stundeneinhaltung behaart, trifft man auf unverständnis...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Keule am 15.08.2016 11:21 Report Diesen Beitrag melden

    Alle mitschuldig!

    Die Ursache sind doch unter anderem auch die Kunden, die immer mehr immer billiger immer schneller wollen. Unser gesamtes zusammen leben geht doch Bach ab. Es sind eben ALLE daran mit schuld! Wir machen uns auf deutsch gesagt gegenseitig fertig. Die shareholders lachen sich ins Fäustchen...

  • Reiche Schweiz am 14.08.2016 22:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verantwortung?

    Wir haben ja Arbeitsämter, Sozialämter und die IV- da fühlt kein Chef mehr Verantwortung für seine Mitarbeiter

  • genug am 11.08.2016 23:13 Report Diesen Beitrag melden

    Zitat

    "Ich fühlte mich so klein im Büro und getraute mich nicht, mich zu wehren." Damit kommen wir der Sache wesentlich näher. Wer sich zu wehren weiss, kommt gar nicht erst in diese Situation, da er/sie rechtzeitig Gegenmassnahmen trifft, vom Gespräch mit dem Chef bis letztlich zum Jobwechsel. Wer es hingegen immer allen recht machen will, wird früher oder später ausgenutzt...

  • Selbständiger am 11.08.2016 20:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie sie wieder jammern...

    Bin gerade fertig Mit meinem arbeitstag. Angefangen habe ich heute morgen um 6 uhr und hatte eine stunde pause am mittag. Ich kann nur müde lächeln, wenn mir jemand was von burnout erzählen will. Erst recht wenn es dann büroangestellte sind die 8.25 stundentage schieben und sogar damit überfordert sind.

  • Thomas Willun am 11.08.2016 20:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausführen oder abfahren

    Ich leite über 300 Leute. Da ich aus Zeitdruck sämtliche Sachen nach unten deligiere und ein sehr strenger Chef bin, gibt es oft mal Tränen. Kann man nichts machen. Wer nicht spult, hat Pech gehabt, erhält Lohnkürzungen und fliegt raus. Ich und meine HR-Verantwortliche haben keine Lust und null Bock alles zu kontrollieren.

    • Hildi am 12.08.2016 01:12 Report Diesen Beitrag melden

      Retourkutsche

      Ich hoffe, die Wirtschaft ändert irgendwann wieder, und der Tag kommt, wo die Chefs und Firmen wieder frohn sein müssen um gute Leute. Dann wird es keine Entlassungen mehr geben, sondern Kündigungen hageln von den Angestellten!

    • Spaniel am 14.08.2016 21:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Thomas Willun

      Toll ich Gratuliere Ihnen dass Sie es soweit gebracht haben. Meine Frage: Wo holen Sie diese Skrupellosigkeit her? Angestellte sind Menschen die auch ein Leben verdient haben. Angestellte sind eigentlich Ihr Kapital - tragen Sie Sorge dazu!

    • Spaniel am 14.08.2016 21:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Hildi

      Wir Angestellten müssen uns noch etwas gedulden - aber der Tag wird eines Tages kommen.

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