Militärpsychologe

25. Juni 2018 10:01; Akt: 25.06.2018 10:22 Print

«Befehle zu schreien, kommt nicht mehr gut an»

von P. Michel - Mehr Schlaf oder Marsch in Turnschuhen: Ein Psychologe erklärt, warum das die Rekrutenschule nicht zum «Spassverein» macht.

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Herr Annen, warum braucht es mehr Freizeit, «menschenorientierte Führung» und Märsche in Turnschuhen in der Rekrutenschule?
Die Jugendlichen erwarten heute von der Armee, dass ihnen der Sinn der Tätigkeit aufgezeigt wird. Auch ein Lernender akzeptiert heute nicht mehr, wenn der Lehrmeister nicht erklärt, warum jetzt ein Arbeitsschritt nötig ist. Einfach Befehle zu schreien, kommt nicht gut an. Wir müssen den Rekruten erläutern, warum sie etwas tun oder warum es eben Momente gibt, in denen Wartezeiten unausweichlich sind. Da ist das Kader gefordert. Einige junge Offiziere denken kurz nach ihrer Ausbildung: ‹Jetzt zeigen wir den Jungen, was Militär ist.› Das ist zwar nachvollziehbar, aber der falsche Weg. Beim Programm, das nun in der ersten Rekrutenschule 2018 umgesetzt wurde, geht es darum, einen sanfteren Einstieg zu schaffen. Neben einer Führung mit Sinnvermittlung und ruhigerem Umgangston sind auch mehr Freizeit und die Jokertage ein Motivationsfaktor.

Haben Sie dieses Jahr die Rekrutenschule absolviert und möchten von Ihren Erfahrungen erzählen? Dann melden Sie sich.

Wie wichtig ist die zusätzliche Freizeit für die Motivation der Rekruten?
Die Jugendlichen kommen aus dem zivilen Leben und können in der RS nicht komplett ihre Bedürfnisse ablegen. Sie wollen in den sozialen Netzwerken mit ihrem Umfeld in Kontakt bleiben. Dazu dient beispielsweise die zusätzliche Freizeit oder der Ausgang ab der ersten RS-Woche. Die Armee hat zwar einen klar definierten Auftrag. Da sie aber ihr Personal aus Zivilisten rekrutiert, kann sich nicht eine Gegenwelt bilden. Sie muss sich dem gesellschaftlichen Wandel anpassen.

Da drängen sich Begriffe wie «Wellness-RS» oder «Softie-RS» auf.
Keinesfalls. Die Massnahmen sind wissenschaftlich abgestützt. Die Erfahrungen zeigen, dass jene Rekruten, die mit der Methode des sanfteren Einstiegs begonnen haben, nach elf Wochen genauso leistungsfähig sind wie ihre Kollegen, die im alten Modell angefangen haben. Zudem sind sie weniger oft verletzt und psychisch fitter. Für zusätzliche Motivation und positiv auf die Befindlichkeit wirkt sich der zusätzliche Schlaf aus. Wer von Wellness spricht, hängt einer veralteten Vorstellung der Armee nach. Die Armee muss ihre Rekruten so ausbilden, dass sie ihre Aufträge erfüllen können. Und wie die ersten Erfolge zeigen, sind diese Massnahmen dafür geeignet.

Es besteht doch die Gefahr, dass die RS zum Ferienlager wird.
Es ist keineswegs das Ziel, dass die Armee zum Spassverein wird, wo es alle miteinander gut haben. Der Auftrag der Armee hat sich ja nicht verändert. Und auch die Rekruten wollen ihre Ziele erreichen und sind motivierter, wenn sie individuell und im Team Fortschritte machen und Erfolge erzielen. Dabei kann der korrekt eingesetzte Drill, der die Regeln des menschlichen Umgangs einbezieht und sich nicht auf Schikane stützt, gute Resultate in der Ausbildung erzielen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Manuel am 25.06.2018 10:11 Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Finde ich super. Wir hatten während der AGA so ein Schrei-Leutnant (w), danach einen, der normal mit uns kommuniziert hat. Ich meinte, wir hätten alle nach der AGA einiges mehr geleistet als während dieser. War angenehmer für alle Beteiligten und der gegenseitige Respekt war vorhanden.

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  • Phil am 25.06.2018 10:17 Report Diesen Beitrag melden

    Hochbau Polier

    Nicht vergessen es gibt beides. Personen die es "eifach" haben möchten, denen es reicht "nur" den Auftrag zu erteilen und Personen denen respektvoll erklärt werden muss wiso der Auftrag so erledigt werden muss. Hab die Erfahrung gemacht, das man von der zweiten Person viel mehr Profitieren kann, weil er sich mehr angaschiert/mitdenkt.

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  • Dil E. Tant am 25.06.2018 10:20 Report Diesen Beitrag melden

    Irgendwie...

    muss man die 17 Wochen ja rumbringen, also wenn man jeden Schritt so lange erklärt, bis er auch vom letzten verstanden wurde, geht die Zeit auch vorbei.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • OBLT am 25.06.2018 11:45 Report Diesen Beitrag melden

    Schreien zum Grenzen markieren

    Ich habe schon immer mit einer ruhigen, normalen Art mit meinen Leuten kommuniziert. Wenn es aber (lebens-)gefährlich oder sonst irgend wie kriminell musste man nur einmal laut werden. Das zeigt viel die bessere Wirkung, weil dann jeder weiss "so nicht". Und man kann die Gangart immer noch ändern. Wenn man immer am Maximum ist, ist das schwierig. Ausserdem sollte man mit allen wie mit erwachsenen umgehen können. Ok, dass dies in den letzten Jahren immer schwieriger wurde, ist ein anderes Thema.

  • Karl-Heinz am 25.06.2018 11:44 Report Diesen Beitrag melden

    Erfahrungsbericht

    "Je schlechter das Essen, desto besser die Armee", heisst es. Dementsprechend, müsste die CH wirklich die beste Armee der Welt haben, denn das Essen ist ausgesprochen gruusig dort. Ausserdem wird zu wenig Rücksicht genommen auf Vegetarier und Veganer. Würde mir auch diesbezüglich einige Reformen wünschen.

  • D.r. am 25.06.2018 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    Rekruten als Teammitglieder

    Während meiner Zeit als UO versuchte ich stehts Menschlich zu führen und meine Gruppe als Team zu sehen, ohne dabei die Leistung ausser Acht zu lassen, was bei den Rekruten gut ankam und bei den Übungen in der Regel die Wertung gut bis sehr gut erbrachte. Bei gewissen Vorgesetzten lösste dieser Führungsstil Unmut aus - und jetzt? Jetzt setzt man genau darauf... Also hab ich doch alles richtig gemacht - phuu :D

  • DDGG am 25.06.2018 11:38 Report Diesen Beitrag melden

    Fürs eigene Leben "lernen"

    Es ist halt einfach so, dass im Militär Befehle von oben kommen, diese ausgeführt werden müssen - und das meist sofort. Ich habe das immer als spielerischen Lehrgang fürs weitere Leben gesehen. Denn sind wir ehrlich: wenn irgendwann einmal "die Bude brennt" (und das jetzt in allen möglichen Varianten) sind wir darauf angewiesen, dass sich jemand hinstellt und sofort Entscheidungen trifft die befolgt werden. Da gilt dann halt mal "Schnauze halten und rennen". Fand es gut konnte ich das "im geschützten Rahmen" relativ gelassen erleben...

  • Hylios am 25.06.2018 11:36 Report Diesen Beitrag melden

    Essen wie was

    Hoffe doch auch beim Essen mind. 3 Menü und ein Vegi plus eines ohne Schweinefleisch..sonst komme ich nicht ins Ferienlager