Zwitter

04. Februar 2015 16:03; Akt: 04.02.2015 16:03 Print

«Mit sieben wurde mir mein Penis wegoperiert»

von Romana Kayser - Daniela Truffer kam als Zwitter zur Welt. Als Kind wurden ihr Hoden und Mikropenis entfernt – heute lebt sie als Frau und kämpft gegen Genitaloperationen an Babys.

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Daniela Truffer (hier bei einer Aktion im Jahre 2012) kämpft gegen Genitaloperationen von Babys und für mehr Rechte von Zwittern. (Bild: Ãrger)

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Frau Truffer, Sie wurden als Zwitter geboren und zum Mädchen umoperiert. Fühlen Sie sich heute als Frau oder als Mann?
Ich fühle mich als Frau. Ich bin auch schon immer auf Männer gestanden und lebe heute mit meinem Partner zusammen. Intersex wird oft fälschlicherweise mit Transsexualität verwechselt. Wir Intersex-Menschen haben nicht das Gefühl, das falsche Geschlecht zu haben. Unsere Körper sind nicht typisch männlich oder weiblich, sondern dazwischen. Wir leiden darunter, dass ohne unsere Einwilligung an uns herumgeschnipselt wird.

Stellen Sie sich manchmal vor, wie es wäre, wenn Sie nicht operiert worden wären? Vielleicht wären Sie heute ein Mann?
Auf jeden Fall, ich habe oft daran gedacht, was ich für ein Leben hätte, wenn ich nicht operiert worden wäre und als Mann sozialisiert worden wäre. Ein richtig normaler Mann wäre ich wohl auch nicht.

Was ist nach Ihrer Geburt geschehen?
Ich wurde ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale geboren, mit einem Mikro-Penis und verborgenen Hoden im Bauchraum. Die Ärzte waren unsicher, ob der Mikropenis nicht doch eine grosse Klitoris war. Da haben sie mich, ohne Einwilligung der Eltern, zum Mädchen umoperiert. Mit zweieinhalb Monaten wurden mir die Hoden entfernt – ich wurde kastriert. Mit sieben haben sie mir den Mikropenis auf eine kleine Klitoris gestutzt, ab zwölf musste ich weibliche Hormone nehmen und mit achtzehn bekam ich eine künstliche Scheide.

Ihre Eltern haben Ihre Kastration also nicht bewilligt?
Sie wussten nicht mal, was genau mit mir nicht stimmte. Die Ärzte sagten ihnen, ich hätte verkümmerte Eierstöcke, die man rausoperieren müsste. Erst Jahre später, als einem Hausarzt in der Sprechstunde rausgerutscht war, dass man mir gar nicht die Eierstöcke, sondern die Hoden entfernt hatte, erfuhr ich einen Teil der Wahrheit. Damals war ich 14 Jahre alt.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Das war natürlich ein Schock. Aber für mich war es im Grunde einfach die Bestätigung, was ich schon länger gespürt hatte: Ich war kein normales Mädchen. Bis ich diese Gewissheit aber akzeptieren und dazu stehen konnte, dass ich ein Zwitter bin, hat es sehr lange gedauert.

Wie lange?
Bis ich 35 Jahre alt war und via Internet eine Selbsthilfegruppe fand, konnte ich mit niemandem darüber sprechen. In meiner Familie war das ein riesiges Tabu. Ich habe mich geschämt und hatte massive Depressionen. Erst mit der Zeit habe ich begriffen, dass ich aufstehen und mich wehren muss, um Frieden zu finden. Nun kämpfe ich dafür, dass andere Zwitter nicht dasselbe Schicksal wie ich erleiden müssen.

Sind sie heute glücklich?
Nein, das bin ich nicht. Man hat mich als Kind zurechtgestutzt und zur Frau umgebastelt. Das waren massive Eingriffe – mein Körper ist verpfuscht. Darunter werde ich mein Leben lang leiden. Ich wäre froh, wenn ich selber hätte entscheiden können, was mit meinem Körper passiert.

Sie sagen, Ihr Körper sei verpfuscht. Wie meinen Sie das?
Durch die Kastration und massiven Eingriffe in meinem Körper habe ich gesundheitliche Schäden davongetragen. Ich habe im Genitalbereich grosse Narben, die noch immer sehr schmerzhaft sind. Zudem leide ich unter Wallungen, Müdigkeit und Osteoporose. Ich muss bis heute Hormone nehmen. Viele Zwitter, die als Baby operiert worden sind, haben heute ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper und ihren Genitalien und hatten teils schwere medizinische Komplikationen. Wie etwa ein Bekannter, der bereits sechzehn Mal am Penis operiert werden musste.

Spüren Sie etwas beim Sex?
Ja. Ich habe das grosse Glück, dass ich sexuell noch etwas spüre. Ich kenne aber viele andere Zwitter, die da unten überhaupt nichts mehr fühlen oder gar keinen Sex haben können.

Wie soll man aus Ihrer Sicht mit Intersex-Babys umgehen?
Man soll ihnen auf keinen Fall ungefragt ihre Genitalien verstümmeln und sie zum einen oder anderen Geschlecht umoperieren. Solche Eingriffe können nicht rückgängig gemacht werden und sind mit traumatisierenden Folgen für die Betroffenen verbunden. Man soll offen und ehrlich sein mit dem Kind und es später selber entscheiden lassen, ob es sich operieren lassen möchte oder nicht.

Dann wachsen diese Kinder also auf, ohne zu wissen, ob sie ein Mädchen oder Junge sind?
Ist doch egal, wie es bei den Kindern zwischen den Beinen aussieht. Ich kenne einige Eltern mit betroffene Kindern, die dem Kind irgendeinen einen Namen geben und ihm den obligatorischen Geschlechtseintrag geben, dem Kind aber offen und ehrlich sagen, dass es später selber entscheiden dürfe, ob es als Mädchen oder Junge leben möchte. Kinder merken selbst, wo sie hingehören.

Morgen präsentiert der UNO-Kinderrechtsausschuss den Schlussbericht zu den Anhörungen über Kinderrechte in Genf (siehe Box). Was erhoffen Sie sich davon?
Ich hoffe sehr, dass der UNO-Ausschuss klare Worte gegen Intersex-Genitaloperationen finden wird, wie es seine Vorsitzende bereits in der Anhörung gefunden hat. Das wäre ein wichtiger Schritt in Richtung eines Verbots von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern.

In der Anhörung sagte eine Sprecherin des Bundesamtes für Justiz, dass Genitaloperationen an Kindern unter anderem dann gerechtfertigt seien, wenn so psychologische Risiken für das Kind verhindert werden können. Was sagen Sie dazu?
Diese Argumentation ist absolut stossend. Nur damit sich Eltern nicht schämen müssen oder ein Kind nicht gehänselt wird. eine kosmetisch Genitaloperation vorzunehmen, ist absurd. Anstatt Leid zu verhindern, wird so nur noch mehr Leid für das Kind verursacht.

*Daniela Truffer (49) ist Gründungsmitglied der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rick Grimes am 04.02.2015 16:24 Report Diesen Beitrag melden

    Was wäre denn die Alternative?

    Schlimm, wenn einem sowas widerfährt, dennoch will ich mir lieber nicht vorstellen, wie ein zwittriges Kind in der Schule gemobbt und gequält werden würde.

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  • Was tun und wann am 04.02.2015 16:35 Report Diesen Beitrag melden

    Schwere Entscheidung

    Was macht man in so einer Situation z.B. als Eltern? Was man macht ist falsch, egal was. Operiert man das Kind damit es durch die Schule kommt ohne "Mobbing"? Wann erzählt man dem Kind wieso man die Operation gemacht hat und wie man sich für ein Geschlecht entschieden hat? Wie fühlt sich wohl ein Kind wenn es weiss das etwas nicht so ist wie bei allen anderen. Was passiert in der Pubertät? Wann wird die Entscheidung kommen zu welchem Geschlecht man gehören möchte? Ich möchte nicht wissen was für ein Theater die Behörden machen werden, wenn man sich für ein Geschlecht entschieden hat?

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  • Lia am 04.02.2015 16:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was ist der richtige Weg?

    Ich frage mich, ob die Frau heute lieber mit beiden Geschlechtsteilen leben wollte? Oder ob sie eindeutiger als ein Mann leben wollte? Und ob sie sich vorstellen kann, dann eine homosexuelle Beziehung zu führen? Und wie können Kinder damit umgehen, z.B. im KiGa?: In welche Reihe stellt man sich dann? Wenn es nur Jungs und Mädchen gibt? Das ist sehr schwierig, oder?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Morgenrot am 06.02.2015 00:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unversehrtes Leben

    Ein Mensch ist geboren. Und wenn es lebensfähig ist, sollte man es so belassen, unversehrt und gesund. Alles andere ist krank und absoluter Blödsinn. Egal ob Junge oder Mädchen, oder halt beides, lass es leben. Wer oder was braucht das geschlecht?

  • Doolitle am 05.02.2015 16:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Chemie

    Ich finde höchste Priorität währe eine Lösung ohne Chemie und Notwendigkeit Hormone zu schlucken.

    • Bill am 05.02.2015 21:02 Report Diesen Beitrag melden

      @Doolitle

      Wissen Sie überhaupt, was Chemie ist?

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  • Edith Brandner am 05.02.2015 13:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Schlimme anerkennen

    Mich berührt beim Bericht von Frau Truffer wie sie beschreibt, dass die Anerkennung des Schlimmen leichter zu leben ist, als die Verleugnung des Unerträglichen. Ich bin der Meinung , dass wenn all die Tabu- Themen in unserer Gesellschaft endlich Anerkennung finden, die Kinder auch nicht mehr unter den gesellschaftlichen Ausgrenzungen leiden müssten. Also fangen wir an über das Schwierige zu sprechen und uns den Herausforderungen zu stellen, statt ihnen auszuweichen. Danke an alle die sich hier Gedanken machen und sich diesem Thema zuzuwenden trauen!

  • Fräulein am 05.02.2015 12:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wir sind alle Menschen und sollten aufhlren oberfl

    Sinnvoll wäre einfach wenn man die Kinder schon tolerant erzieht & Verständniss am 'Anders-sein' einem natürlich mit auf den Weg des Lebens gibt - Ende.

  • Kim Schicklang am 05.02.2015 12:27 Report Diesen Beitrag melden

    Falsch

    "Intersex wird oft fälschlicherweise mit Transsexualität verwechselt. Wir Intersex-Menschen haben nicht das Gefühl, das falsche Geschlecht zu haben." Und manche Intersex-Lobbyisten verwechseln das, was Mediziner über transsexuelle Menschen sagen mit der Realität. Wenn z.B. ein Mädchen mit vermännlichten Körpermerkmalen geboren wird, dann ist dieses Kind "transsexuell". Mediziner sagen nun: "Sieh' da ist ein Penis, also ist es ein Junge" - wenn diese Mädchen dann nun äussern "ich bin ein Mädchen" glaubt ihnen in der Regel niemand.