Asylwesen

26. Juli 2015 02:49; Akt: 26.07.2015 02:49 Print

«Profite mit Flüchtlingen sind fragwürdig»

Bei der Betreuung von Flüchtlingen geht es um viel Geld. Gemeinnützige und gewinnorientierte Firmen kämpfen um die lukrativen Aufträge.

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Um die Betreuung der Asylbewerber streiten sich gewonnorientierte Unternehmen und Non-Profit-Organisationen (Bild: Keystone/Martial Trezzini)

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Gemeinden und Kantone erhalten vom Bund den Auftrag, sich um Asylbewerbern zu kümmern. Es geht dabei um viel Geld: Die Kantone erhalten für jeden Asylbewerber, den sie betreuen, eine Pauschale von 1500 Franken, die an die Gemeinden weitergegeben wird. Mit dem Geld müssen sie die Asylbewerber betreuen und verpflegen, ihnen ein Dach über dem Kopf bieten, und ihre Gesundheitsversorgung sicherstellen. Diese Aufträge können die staatlichen Stellen nicht immer selbst erfüllen, sodass sie Drittanbieter damit beauftragen.

Um die Aufträge, bei denen es angesichts der aktuellen Flüchtlingswelle um immer mehr Geld geht, kämpfen Non-Profit-Organisationen und gewinnorientierte Firmen. Neben den Kantons- und Gemeindeaufträgen wird seit 2011 auch das Betreuungsmandat der Bundeszentren öffentlich ausgeschrieben. Vorher war die Firma ORS AG allein dafür zuständig. Der Verteilkampf hält also auch hier Einzug.

1000 Franken Gewinn pro Flüchtling?

Gemäss Recherchen der «Obersee Nachrichten» unterbieten Private die Hilfswerke oft mit ihren Angeboten: Während eine Tochterfirma der ORS, die ABS AG, für eine Betreuungsperson pro Stunde 43 Franken verrechnet, verlangen Hilfswerken Caritas und das Rote Kreuz 85 Franken. Für eine Pflegefachperson verlangt die ABS 46 Franken pro Stunde, bei den Hilfswerken kostet eine Arbeitskraft 80 Franken. Unter dem Strich kommt die ABS nach Berechnungen der Zeitung so auf 1000 Franken Bruttoertrag pro Flüchtling. Vergangenes Jahr soll alleine die Tochterfirma ABS 60 Millionen Franken Umsatz gemacht haben.

«Die Berechnung ist schlicht falsch», sagt Yvonne Hachem von ORS zu den Zahlen. Essenzielle Kosten wie Miete und Krankenkassenprämien würden in der Rechnung der «Obersee Machrichten» nicht berücksichtigt. Die Stundenansätze könne man nicht kommentieren. Seltsam sei aber, dass der ABS einerseits überrissene Gewinne, andererseits aber auch Dumpingpreise vorgeworfen werden.

Auf dem Buckel der Flüchtlinge sparen?

«Es ist fragwürdig, dass man mit Menschen, die unseren Schutz brauchen, Profit machen will», sagt Stefan Frey von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Dass die Privaten so viel günstiger sind, ist laut Frey darauf zurückzuführen, dass bei den Hilfswerken oft gut qualifiziertes Personal eingesetzt wird, welches die nötige Ausbildung und Erfahrung für die Flüchtlingsbetreuung mitbringt, was man von den Privaten nicht behaupten kann.

Flüchtlingsexperte Beat Meiner teilt diese Ansicht: «Bei den geringen Pauschalen, welche die Gemeinden erhalten, kann eigentlich nur auf dem Buckel der Flüchtlinge gespart werden.» Für ihn wird bei der Asylbetreuung aber am falschen Ort gespart: «Die Flüchtlinge sind dem Betreuungspersonal praktisch ausgeliefert. Wenn dieses nicht die entsprechende Ausbildung hat, um die Flüchtlinge kompetent zu betreuen, kann sich das negativ auf deren Integration in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt auswirken und später zu hohen Folgekosten führen.»

Auch Stella Jegher von Amnesty International sieht die privaten Firmen eher kritisch: «Wenn am Personal gespart wird, besteht die Gefahr, dass Asylsuchende nur ‹verwaltet› werden und vor allem unternehmerische Effizienz und Fragen der Sicherheit im Vordergrund stehen.» Jegher nimmt die Gemeinden in die Pflicht: «Auftraggeber müssen entsprechende Anforderungen bei der Auftragsvergabe stellen und genau überprüfen.»

Die ORS AG verteidigt sich

Yvonne Hachem von ORS weist die Vorwürfe zurück: «Wir sehen keinen Widerspruch zwischen qualitativ hochwertigen Betreuungsleistungen und der Erbringung dieser Leistungen durch einen privaten Anbieter.» Die ORS AG würde branchenübliche Löhne bezahlen und ihre Mitarbeiter konstant weiterbilden. Zudem sei auch ORS nicht nur am Gewinn interessiert: «Wirtschaftliches Handeln darf nicht losgelöst sein von ethischen und moralischen Grundsätzen. Deshalb möchten wir an unserer Gesamtleistung gemessen werden und nicht an Umsatz- oder Ertragszahlen», so Hachem.

Trotz der Kritik ist die ORS denn auch weiterhin ein sehr gefragter Geschäftspartner: Das Unternehmen betreut momentan Asylbewerber in neun Bundeszentren, an 30 Kantonsstandorten und in 44 Gemeinden.

(the)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Steuerzahler am 26.07.2015 07:19 Report Diesen Beitrag melden

    Bund hat Ausgaben nicht im Griff

    Wenn man bedenkt, dass in schweizer Altersheimen für die Leute Fr 5 pro Tag fürs Essen budgetiert ist, dann sind die Fr. 1500 pro Pers. im Asylwesen geradezu hotelmässig. Klar kommt da noch Unterkunft dazu und auch Betreuung. Aber das wird ja in Asylzentren auf grosse Gruppen gerechnet. Der Bund schüttet doch auch hier das Geld zum Fenster raus, wie in der Entwicklungshilfe, wo sich die Helfer-Firmen ebenfalls um Aufträge reissen. Kontrolle besteht keine und so wird unser Steuergerld verschleudert. Kein Wunder empfinden viele (nicht alle) Asylanten die Schweiz wie ein groses Hotel!

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  • Verena C. am 26.07.2015 04:57 Report Diesen Beitrag melden

    Echte Flüchtlinge

    Wenn man nur die wirklich echten Flüchtlinge betreuen würde hätte man diese Privat-Geschäfts-Gewinn Problem eventuell auch nicht. Endlich schnellere Abfretigung der unechten oder weiss man in Bern nicht wo Krieg herrscht?

  • Thomas am 26.07.2015 14:36 Report Diesen Beitrag melden

    Problem beseitigen mit Hilfe vor Ort!

    Dass Problem hätten wir nicht, wenn wir die Humanitäre Unterstützung vor Ort machen würden! Nein wir lassen es zu dass der Umtrieb bei uns mit emensen Kosten verbunden wird! Würde man den Volkswillen endlich umsetzen, könnten wir das erspart vor Ort besser und mehrfach einsetzen!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rolli am 26.07.2015 21:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Komische Welt 

    Etwas verstehe ich nicht ganz. Ich habe jahrelang IV Beiträge bezahlt, fleissig Steuern bezahlt, wohlbemerkt keine Steuerhinterziehung, inkl. sonstige Abgaben dem Staat. Was ich nun nicht verstehe, warum bin ich seit meinem Unfall finanziell ruiniert. Also 1500 Franken, wären für mich ein riesen Geschenk, denn ich habe nicht so viel zur Verfügung. Wie kann es also sein, dass ein flüchtling in der Schweiz besser dargestellt wird, als ich wo schweizerin bin?

  • ET go home am 26.07.2015 16:40 Report Diesen Beitrag melden

    Fluechtlingsfragen

    Nicht nur Kriegsfluechtlinge sind Fluechtlinge. Heutzutage sind aus dem Pazifikraum rieseige Menschenmassen als Umweltopfer Fluechtlinge. Durch die Erderwaermung verschwinden ganze Inseln. Durch die wirtschaftlichen Missstaende sind ganze Bevoelkerungen am Verarmen, ebenfalls Konsequenz unseres Raubkapitalismus und schlussendlich die Zerruetung ganzer Bevoelkerungen durch den Kolonnialismus. So ist Afrika, Suedamerika, Teile Asiens und des Pazifikraums so unselbstaendig, dass wir moralische Verpflichtung haben. Und die Schweiz nicht ausgeschlossen, denn auch sie nimmt teil am Rohstoffhandel.

  • Pankraz am 26.07.2015 16:33 Report Diesen Beitrag melden

    wer hat , dem wird gegeben

    der Unterschied zwischen "gemeinnützigen, freiwilligen" und "gewinnorientierten, professionellen" wird immer kleiner. Es geht immer um Jobs bzw. Geld.

  • Tüechlidrugger am 26.07.2015 16:29 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts zu Überlegen

    Sobald es eine AG ist erwarten die Aktionäre steigenden Gewinn, das Resultat kann nicht gut sein wenn es dabei um Bedürftige geht. Aber hey, spielt keine Rolle solange man das Schweizerfähnli richtig posiert hat. Und es spielt noch weniger eine Rolle wenn ich selbst Nutzniesser einer solchen "Blutsauger" AG bin. Das Elend anderer ist doch immer noch das beste Geschäft.

  • Leserin am 26.07.2015 16:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    1500fr???

    ich verstehe nicht wie können die 1500fr reichen? nur die KK kostet pro Kopf (für Flüchtlinge auch obligatorisch, nehme ich an) über 300fr, dazu kommt noch 300 fr franchise und ev 700 selbstbehalt. mind 500fr in monat sind an Gesundheitskosten zu rechnen. aber ev die Unterbringung& Verpflegung ganz billig sind..