Fliegende Fäuste im Kinderzimmer

07. Oktober 2017 18:38; Akt: 07.10.2017 18:38 Print

«Schläge waren auf dem Balkan Teil der Erziehung»

In Familien, die aus Balkanländern stammen, wird besonders oft massive Gewalt ausgeübt. Zwei Experten, die selbst ehemals von dort stammen, haben Erklärungen dafür.

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«Schläge waren Bestandteil der Erziehung», sagt Ivica Petrusic, Jugendbeauftragter des Kantons Zürich. So habe es etwa in der Schule Schläge gegeben, wenn man Fehler machte. Petrusic: «Wenn eine Institution wie die Schule das macht, dann ist das gesellschaftlich anerkannt.» (Bild: Keystone/Z5466/_britta Pedersen)

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Prügelnde Eltern findet man vor allem bei Familien aus dem Balkan und Portugal. So lautet das Zwischenergebnis einer gross angelegten Befragung von rund 10'000 17-jährigen Jugendlichen in der Schweiz, das die «Aargauer Zeitung» publizierte. Prügel oder schwere Gewalt bedeutet, dass die Eltern mit der Faust oder einem Gegenstand zuschlugen oder ihre Kinder mit den Füssen traten.

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Keine Grenzen setzen, alles bieten und dann schlagen

Für Sefika Garibovic, Expertin für Nacherziehung, hat die Gewalt in den Familien aus dem Balkan nichts mit ihrer Kultur, sondern mehr mit ihrer Art, mit Kindern umzugehen, zu tun. «Viele Eltern vom Balkan bauen keine Beziehung zu ihren Kindern auf und setzen ihnen keine Grenzen, sondern stellen vor allem das Materielle sicher», sagt sie.

Oft würden diese Eltern ihre Kinder extrem verwöhnen und ihnen alles geben – von Markenkleidern über Spielsachen bis hin zum Essen. «Wenn die Kinder dann nicht dankbar sind und sich respektlos benehmen, setzt es Schläge.»

«Eltern engagieren Nannys und verlieren den Zugang zum eigenen Kind»

Aus der Sicht von Garibovic haben Eltern vom Balkan oft wenig Ahnung von Erziehung. «Sie sind es gewohnt, dass die Kinder in einer grossen Sippe aufwachsen und viele mithelfen bei der Erziehung.» Sich plötzlich ganz allein um die Kinder und deren Erziehung kümmern zu müssen, überfordere sie.

Viele, die aus besseren Verhältnissen kommen, holten sich laut Garibovic für wenig Geld eine Nanny vom Balkan, um sich von der Erziehungsaufgabe zu entlasten. «Dann verlieren die Eltern den Zugang zum eigenen Kind total, die Beziehung ist zu wenig stark, und es kommt so viel schneller zu Gewalt.»

«Balkan-Eltern sind zu wenig Vorbilder»

Auch wenn Garibovic überzeugt ist, dass Gewalt kein Problem von Balkan-Familien ist, sieht auch sie, dass dort bei Auseinandersetzungen harte Worte sehr schnell in Gewalt übergehen. Der Grund seien die Hierarchien, die in diesen Familien zu wenig klar seien.

Die Eltern müssten verlässlich sein, die Kinder lieben, ihnen aber auch vorleben, wo es durchgehe und wie man miteinander umzugehen habe. «Die Eltern haben aber oft keine Beziehung zum Kind und sind zu wenig Vorbilder.»

«In der Schule gab es Schläge, wenn man Fehler machte»

Ivica Petrusic, Jugendbeauftragter des Kantons Zürich und im ehemaligen Jugoslawien aufgewachsen, sieht dies ein wenig anders. Für ihn spielt eine grosse Rolle, dass Gewalt auf dem Balkan länger ein anerkanntes pädagogisches Mittel war. «Schläge waren Bestandteil der Erziehung, so gab es in der Schule Schläge, wenn man Fehler machte», sagt er.

Wenn eine Institution wie die Schule das mache, dann sei das gesellschaftlich anerkannt. Entsprechend habe man Schläge auch zu Hause erlebt. «Man wusste, wenn man etwas Blödes macht, waren Schläge in der Regel die Konsequenz.» Man müsse sich aber auch bewusst sein, dass dies in der Schweiz vor nicht allzu langer Zeit genauso war.

«Unterschiede bleiben nicht»

Petrusic ist zudem sicher, dass derzeit auch im Bereich Gewalt in der Erziehung eine grosse Veränderung stattfindet. «Die heutigen Eltern, die aus dem Balkan stammen, gehen sicher ganz anders mit ihren Kindern um als ihre Eltern vor über zwanzig Jahren mit ihnen.» Auch wenn die Veränderung offenbar noch nicht ganz gegriffen habe, sei er überzeugt, dass die Unterschiede nicht mehr lange so bleiben.

Wichtig findet Petrusic in diesem Zusammenhang auch die Rolle der Kinder in Migrationsfamilien. «Ich habe meinen Eltern alles übersetzt, von der Frauenarzt-Rechnung bis hin zum Brief aus der Schule.» Die Eltern würden hinter den Kindern herhinken. «Das kann gut gehen oder kippen und sich sehr negativ auswirken – besonders hinter verschlossenen Türen.»

«Man muss Licht ins Dunkel des Privaten bringen»

Darum bemühe man sich in der Jugendarbeit, Licht ins Dunkle dieses privaten Bereichs zu bringen. Auch wenn dies heikel sei und es niemand gern habe, weder der Schweizer noch Menschen aus anderen Kulturen, müsse man es angehen. Petrusic: «Wir müssen häuslicher Gewalt entgegenwirken und uns für Gewaltfreiheit engagieren.»

(ann)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sonne am 07.10.2017 19:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die erziehung von heute ist eine katastrophe

    Ich frage mich wo die erziehung von den Kollegen kindern geblieben ist. Ich mache mir wirklich sorgen! Auch hier in der schweiz wird es langsam kritisch. Die kinder dürfen über alles mitentscheiden und sagen was sie möchten. Ich mag nicht mehr sitzen ok stehe auf. Ich mag keine gemüse ok musst du nicht essen, ich möchte auf dem esstisch herumturnen ok das darfst du ( das kind hat hald bewegungsdrang). Ich bin gar nicht für schläge aber für grenzen setzen. Kinder dürfen mitentscheiden aber bitte nicht alles! Wir können doch von den kindern verlangen das sie auch einmal warten müssen!!!

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  • P.P. am 07.10.2017 18:52 Report Diesen Beitrag melden

    Schläge

    gehörten auch bei mir dazu. Ich bin CH, allerdings älter. Ich weiss nicht wie die Jungen das heute hier machen. Ich gründete jedenfalls keine Familie, so abgelöscht hat es mir.

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  • Jojoma am 07.10.2017 21:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und sie geben es weiter

    Leider sind diese geschlagenen Kinder die, welche dann in der Schule oder einfach draussen ihre Wut an den Anderen auslassen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Prinzessin am 08.10.2017 20:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Le Petit Prince

    Mir hat eine Freundin aus dem Balkan erzählt, dass va die Jungs wie kleine Prinzen erzogen würden. In einer Gesellschaft wie unserer, in der dann va Leistung gefordert wird und zählt, sei es für die dann schwer zu bestehen. Das Frustpotenzial ist groß. Zu Hause können sich die Eltern dann irgendwann auch nur noch mit Gewalt durchsetzen. Und Gewalt erzeugt Gegengewalt. Ein Teufelskreis.

  • d.g. am 08.10.2017 19:34 Report Diesen Beitrag melden

    Fragt eure Grosseltern

    Liebe Rentner, Besserwisser und Schlaumeier. Wir alle wurden schlecht erzogen und unsere Kinder werden ihre Kinder schlecht erziehen. Wenn wir Grosseltern sind werden wir uns über unsere Grossenkel beklagen.

  • die Ritterin am 08.10.2017 19:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vorbild

    Ein Kind braucht weder Schläge noch Geschrei, sondern Liebe, Fürsorge, Anerkennung und nicht zuletzt Eltern, welche Vorbilder sind. Erziehung ist völlig nutzlos, weil die Kinder das tun, was die Eltern ihnen vorleben. Also liebe Eltern: wenn ihr eure Kinder schlagen MÜSST, weil sie euch beleidigen, Regeln nicht einhalten oder sogar zuschlagen, nehmt euch an der eigenen Nase. Eure Kinder sind eure Spiegelbilder. Übrigens: wer Gewalt an Kindern gutheisst, darf sich über Gewalt in der Partnerschaft nicht beklagen.

  • Mammina am 08.10.2017 18:46 Report Diesen Beitrag melden

    Lösungsstrategien erkunden

    Verarbeitet der schlagende Part seine eigenen Traumata, ist es möglich, bei achtsamer Selbsinspektion, die einzig bekannten Muster zur Konfliktbewältigung wahrzunehmen. Er kann sich mal aus der Vogelperspektive beobachten bspw. Mit einem kleinen Einsatz erfährt dieser, dass es effektive gewaltfreie Erziehungsformen gibt. Da hilft auch etwas Bildung. Respekt und Vertrauen sind Ergebnisse der Liebe.

  • Langfristige Schäden am 08.10.2017 18:20 Report Diesen Beitrag melden

    Verbreitet

    2007 erlitt eines von fünf Kindern unter 2 ½ Jahren in der CH bereits körperliche Bestrafungen. Zudem wird ein Kind von 100 regelmässig mit einem Objekt geschlagen. Zudem wird ein Kind von Hundert regelmässig mit einem Objekt geschlagen. Diese Zahlen zeigen, wie sehr Körperstrafen im Rahmen der Familie banalisiert werden. Körperstrafen gegen Kinder nehmen verschiedene Formen an. Dazu gehörten schlagen, gewalttätiges Schütteln oder Stossen des Kindes, kneifen, beissen, brennen oder verbrühen, an den Haaren ziehen oder die Kleinsten zur Nahrungsaufnahme zwingen.