Zu viele Gymi-Schüler

20. Februar 2017 12:15; Akt: 20.02.2017 12:16 Print

«Schon jetzt fehlen uns Elektriker oder Bäcker»

von D. Pomper - Die meisten Schweizer sind der Meinung, dass es zu viele Gymnasiasten im Vergleich zu Lehrlingen gibt. Zu Recht?

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Besser ein bodenständiger Schreiner als ein Maturand mit Lateinkenntnissen: 59 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung sind der Meinung, dass es zu viele Gymnasiasten gibt. Nur 2 Prozent finden, dass es zu viele Lehrlinge gibt. 20 Prozent halten das Verhältnis für genau richtig. Das zeigen die Resultate der neusten Vimentis-Umfrage (siehe Box). Mit zunehmendem Alter steigt die Meinung, dass es zu viele Gymnasiasten gibt, an. Insbesondere die SVP-, BDP-, Lega- und EDU-Wähler vertreten diese Meinung.

Umfrage
Was nützen Gymnasiasten unserer Gesellschaft?
20 %
19 %
58 %
3 %
Insgesamt 27254 Teilnehmer

Was denken Sie als Lehrling über Gymnasiasten und umgekehrt? Schreiben Sie uns.

In der Schweiz betrug 2015 die gymnasiale Maturitätsquote 20,1 Prozent. Frauen erlangten mit 23,7 Prozent häufiger die gymnasiale Matur als Männer (16,7 Prozent). Die Maturitätsquote steigt stetig an: 1980 lag sie noch bei 10,6 Prozent. Die totale Maturitätsquote unter Berücksichtigung der Berufs- und Fachmaturität betrug 2015 37,5 Prozent. 2008 lag sie bei 32,2 Prozent, 2010 bei 33,9 Prozent. Im internationalen Vergleich ist die gymnasiale Maturitätsquote tief. In Deutschland liegt die Quote der Abiturienten bei rund 40 Prozent, in Frankreich sogar bei 80 Prozent.

«Viele Eltern überschätzen ihre Kinder»

Eine solche Entwicklung gelte es dringend zu verhindern, sagt Felix Müri, SVP-Nationalrat und Präsident der Bildungskommission: «Schon jetzt fehlen uns Elektriker oder Bäcker. Gleichzeitig gibt es immer mehr Akademiker, die keinen Job finden.» Gemeinsam mit dem Gewerbeverband und der Organisation der Arbeitswelt (OdA) wolle man nun Gegensteuer geben und Schüler und ihre Eltern frühzeitig auf die Vorteile des dualen Bildungssystems aufmerksam machen.

«Es gibt Eltern, die ihre Kinder überschätzen und sie auf Teufel komm raus ans Gymi prügeln. Sie glauben, dass aus ihrem Kind nichts wird, wenn es nicht studiert», sagt Müri. Vor allem bei vielen ausländischen Eltern sei dies zu beobachten.

«Nicht-Gymnasiasten leiden unter falschem Minderwertigkeitskomplex»

«Es gibt mit Sicherheit nicht zu viele Gymnasiasten», sagt dagegen Bildungspolitikerin Kathy Riklin (CVP). Sonst würde die Schweiz ja nicht gezwungen sein, Fachkräfte aus dem Ausland zu holen. Riklin erklärt sich das Umfrageresultat mit dem Fakt, dass die Mehrheit der Schweizer keine Matura habe: «Offenbar leiden viele Personen mit einem Lehrabschluss unter falschen Minderwertigkeitskomplexen und lassen ihren Frust an den Gymnasiasten ab.» Die SVP wisse die beiden Seiten gezielt gegeneinander auszuspielen.

Dabei sei ein hohes Ausbildungsniveau wichtig für die technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Schweiz. «Spätestens wenn Brücken einstürzen, weil wir keine Ingenieure mehr haben, oder Patienten bei einem Heiler landen statt bei einem Arzt, dürfte allen bewusst werden, wie wichtig Gymnasiasten für unsere Gesellschaft sind», sagt ETH-Absolventin Riklin.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Brausefritz am 20.02.2017 06:10 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Problem...

    Würden Löhne und Image der Lehrberufe gegenüber akademischen Ausbildungen nicht so stark voneinander abweichen, würden weniger Eltern ihre Kinder ans Gymi schicken. Geht hier bei den "hohen Herren" irgendwie die Angst um, dass zu viele Arbeiterkinder in ihre Kreise Zugang erhalten? Außerdem geht man im Netz auf Jobportale, was wird gesucht? Dr.Dipl.Prof.Ing.LicJur.....Aber Schreiner? der darf als Küchenmonteur durch die Gegend stressen.

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  • Marie Stark am 20.02.2017 06:17 Report Diesen Beitrag melden

    Löhne

    Natürlich wäre es wünschenswert, dass es auch genügend intelligenten (!) Nachwuchs in den Lehrberufen gibt.Leider sinken diese Löhne stetig, im Vergleich zu den Lebenshaltungskosten. So ist es nicht verwunderlich, dass alle studieren wollen. Da es in den meisten Ländern nichts zwischendurch (zwischen "Matura", was auch immer das in diesen Ländern heissen mag, und Hilfsarbeiterjob) gibt, peilt die Mehrheit der Ausländer eine Matura für ihre Kinder an. Die CH-Lehre wird international massiv unterschätzt, obwohl sie oft mehr beeinhaltet als ein Studium in gewissen Ländern.

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  • stefano namgy am 20.02.2017 06:02 Report Diesen Beitrag melden

    jeder wie er will/kann

    jeder das das machen wozu ER/SIE lust hat und fähig ist. eltern die ihre kinder ins gymi und anschliessend in die uni pushen verstehe ich nicht. ein guter handwerker kann genauso erfolgreich sein wie ein uni absolvent... und schlussendlich sollte man so oder so einen job ausüben, der einem freude bereitet - sei dies auf dem bau oder als arzt im spital.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Brausefritz am 20.02.2017 15:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu viele Studenten?

    Die Aussage müsste eigentlich anders lauten: ...."Da immer mehr Arbeiterkinder es wagen, Matura zu machen, und es leider nicht genug Schoggijobs für alle hat, wird in den erlauchten Kreisen die wachsende Konkurrenz für den eigenen Nachwuchs zum Problem" .... Ich kenne selber so eine Familie, beides Akademiker mit Spitzengehalt, Sohnemann jedoch dumm wie Brot, aber an einer privaten "international- school" mit Matura- Garantie. Im staatlichen Schulsystem wär maximal Realabschluss drin.

  • Kurde am 20.02.2017 14:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlimme Zukunft

    Billiglohnarbeiter aus dem Ausland in Massen, Lohndumping... Ich frag mich wie die Schweiz in 20 Jahren aussieht. Habe kein gutes Gefühl...

  • Peter Notfallpfleger am 20.02.2017 14:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aber es braucht allerlei Geschütz!

    Da hat wieder einer einen Furz! Wenn Eltern ihren Nachwuchs nicht motivieren können, während der Lehre schulisch sich in den Hintern zu klemmen, nützt es auch nichts, wenn man diesen Lernenden die BM noch nachwirft! Und ein Realschüler mag ein topseriöser Berufsmann sein, aber wenn der Grips fehlt, die Gewerbeschule mit einem 5er abzuschliessen, nützt auch eine Vereinfachung der BM nichts! Irgendwann holt ihn die Unfähigkeit ein, besser und mehr lernen zu können! Nichtsdestotrotz macht er seine Arbeit gut und richtig!

  • Brausefritz am 20.02.2017 13:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anschauliches Beispiel:

    Nehmen wir an, wir haben 2 absolut baugleiche Häuser, mit nur einem Unterschied: Haus Nr.1 hat ein deutlich überdimensioniertes Fundament.(Maturität) Haus Nr.2 hat eines, das gerade so den Vorschriften genügt.(sek. Abschluss) Haus Nr.1 stehen per se viele Umbaumöglichkeiten + Aufstocken frei. Bei Haus Nr.2 muss zuerst das Fundament (durch Weiterbildungen) aufwendig und teuer saniert werden und ob man es später erweitern kann bleibt auch fraglich, sprich, ob es gerade diese teure Weiterbildung wirklich voranbringt oder die Kraft noch reicht nebst allen Verpflichtungen.

  • roll2go am 20.02.2017 13:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hochschul-Beck

    Zunächst mal sind Lehrlinge und Gymnasiasten junge, noch sehr beeinflussbare Menschen. Beide "Gruppen" sehen sich bewusst oder unbewusst, aber immer beinflusst vor die Entscheidung gestellt, Berufslehre oder Studium! Das Schulsystem ist leider nachwievor nur auf theoretische Leistung(sbewertung) ausgerichtet. Wie auch der Titel und Inhalt dieses Artikel bestätigt, Politik und Medien favorisieren das Studium als das ein und alles im Leben - untermauert mit einer Pisa-Studie nach der andern! Handwerk und Lehre werden folglich mit Dummheit verbunden. Wer (in Theorie) gute Noten hat, studiert - wer den Gymi-Notendurchschnitt nicht schafft, dem reichts halt nur zur (An)Lehre! Nun, wer will schon ein Leben lang als dumm gelten. Also studiert man so lange, bis man es schafft zu studieren. Als Folge enden schliesslich immer mehr Studenten - als Bachelor oder gar Master überstudiert - da, wo eigentlich die Berufslehre ihren Anfang nimmt. Führt wiederum dazu, dass Bäcker oder Stromer bald nur noch werden kann, wer einen Bachelor- oder eben Master-Titel hat. Ob die dann aber (besseres) Brot backen können, das wissen auch Pisa-Studien nicht. Eine ähnliche Entwickling zeigt(e) sich auch beim KV. Früher die Top-Ausbildung nicht nur in den Bereichen Banken, Versicherungen usw., heute ein gerade noch genügender Abschluss um die Post zu öffnen bzw. die Emails zu verteilen.

    • Peter Notfallpfleger am 20.02.2017 14:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @roll2go - klarstellen, was Sache ist

      Deine Sätze widerspiegeln eben das Denkmuster in den Köpfen der Leute in der Schweiz! Und viele Leute werden dann von Missgunst geleitet und hacken mit Freude vermehrt auf den Gymnasiasten herum: sie haben mit 20 ja nur die Matur, sie können keinen Nagel einschlagen, unfähig zu arbeiten etc.! Daraus spricht Unsicherheit und Neid: ein Maturand hat ein breites, vertieftes Wissen, kann vernetzter denken und hat sich mit seinem Schulabschluss die Eignung für ein universitäres Studium erarbeitet! Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Wer das nicht will, gehe neidlos seinen Weg und lebe seinen Traum!

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