Avenir-Suisse-Ökonom

20. April 2017 05:37; Akt: 20.04.2017 13:03 Print

«Schweizer überschätzen ihren Wohlstand»

In Österreich und Deutschland sei das Wohlstandsniveau nicht wesentlich tiefer als in der Schweiz, sagt Ökonom Marco Salvi vom Thinktank Avenir Suisse.

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Herr Salvi, Sie schreiben auf ihrem Blog, die Schweiz sei nicht reicher als alle anderen. Warum?
Nüchtern betrachtet muss man sagen: Den anderen Ländern in Europa, allen voran Deutschland, geht es ähnlich gut wie der Schweiz. Ich glaube, Schweizer neigen dazu, die aktuellen Probleme in der EU genauso wie den eigenen Wohlstand zu überschätzen. Denn schaut man an, was die Leute pro Kopf effektiv verbrauchen, sind die Wohlstandsunterschiede gar nicht mehr so gross: In Deutschland liegt der effektive Konsum 23 Prozent über dem EU-Schnitt, in der Schweiz 28 Prozent.

Warum wird die Schweiz überschätzt?
Oft dient das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf als Mass für den Wohlstand. Es misst den Wert der Produktion und zeichnet somit die Wirtschaftsentwicklung nach. Das BIP kann aber bei kleinen, stark globalisierten Ländern wie der Schweiz oder Luxemburg irreführend sein, wenn etwa verbuchte Gewinne multinationaler Firmen das Bild verzerren. In Irland stieg das BIP im vergangenen Jahr schlagartig um 30 Prozent, weil einige Multis ihre Bilanz umschichteten. Dagegen bildet der effektive Individualkonsum die Situation der Haushalte besser ab. Er misst, was die ansässige Bevölkerung konsumiert und was auch der Staat für sie bereitstellt – etwa Spitalleistungen oder Wohnsubventionen. So lag das BIP pro Kopf 2015 in der Schweiz 70 Prozent höher als in Italien, der Konsum aber nur etwa 30 Prozent.

Überschätzen wir uns auch, weil wir uns im Ausland dank des starken Frankens so viel leisten können?
Der starke Franken hat die Importe tatsächlich vergünstigt. Aber wir konsumieren nicht nur Importe. Wenn man zudem berücksichtigt, dass in der Schweiz manche Produkte und Dienstleistungen teurer als im Ausland sind, relativiert sich der Unterschied im BIP pro Kopf zusätzlich.

Deutschland hat in den letzten Jahren Boden gutgemacht auf die Schweiz. Werden uns die Deutschen beim Wohlstand bald überflügeln?
Wohlstandniveaus sind grundsätzlich sehr beständig. Klar ist: Deutschland ist dank tieferer Preise ein Paradies für Konsumenten – das wissen auch die Schweizer Einkaufstouristen. Auch sind die Mieten in Deutschland noch vergleichsweise tief. Deutschland hatte in den letzten Jahren eine gute Wirtschaftsentwicklung und eine tiefere Arbeitslosenquote, während bei uns das Produktivitätswachstum tief war.

Was muss die Schweiz tun, um die europäische Konkurrenz abzuschütteln?
Konsumentenfreundlicher werden! Man denke nur an die horrend hohen Lebensmittelpreise, um ein Beispiel zu nennen. Diese haben mit dem Schutz der heimischen Landwirtschaft zu tun, die viel stärker geschützt und subventioniert wird als im Ausland. Hier täte eine Liberalisierung not.

Sind denn Leute, die einen hohen Konsum haben, auch glücklicher?
Was heisst schon Glück? Tatsächlich sind Leute zufriedener, wenn sie sich gewisse Dinge leisten können. Ab einem gewissen Wohlstandsniveau ist der Effekt wohl nicht mehr so gross. Man kann sich auch fragen, ob Leute etwa in den 50er-Jahren, als das BIP und der individuelle Konsum weit tiefer lagen, unglücklicher waren. Eine Rolle spielen auch persönliche Freiheiten. Kann man zum Beispiel nicht frei über die Zahl der Kinder bestimmen – wie das in China eine Zeit lang der Fall war –, sinkt das Glück. Es gibt Umfragen, die Glück messen. Glück ist aber schwer auf eine Zahl zu bringen.

Sind Sie aus dem Ausland in die Schweiz gezogen, um einen Job anzutreten? Oder sind Sie Schweizer im Ausland? Hat sich Ihre Situation verbessert? Berichten Sie uns im Formular von Ihren Erfahrungen!

(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • C.H. am 20.04.2017 06:05 Report Diesen Beitrag melden

    Genau das Problem!

    Es gibt niemanden in meinem Bekanntenkreis, der sich als reich einstuft. Das die Schweizer reich sind, meint das Ausland und unsere Politiker (die es ja auch sind)!

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  • Sarkas Mus am 20.04.2017 07:03 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht alle überschätzen es

    Wir überschätzen unseren Wohlstand nicht, aber die Politiker und Krankenkassen, die uns melken. Die dafür masslos. Muss wohl an deren viel zu hohem Einkommen liegen.

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  • Mirko am 20.04.2017 06:17 Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Perspektive

    Kenne das nur zu gut wenn ich in das Heimatland meiner Eltern in die Ferien gehe. Werde dort automatisch als "reich" eingestuft weil ich in der Schweiz lebe. Muss dann jedem einzeln erklären, dass man mit 5500/Monat (verheiratet, 1 Kind) nicht reich ist. Wenn ich von den KK-Kosten und z.B. den Fleischpreisen erzähle, herrscht dann meistens Stille.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Denker am 20.04.2017 23:21 Report Diesen Beitrag melden

    Konsum ist nicht Wohlstand!

    Es ist fragwürdig, den Wohlstand am Konsum zu messen! In vielen anderen Ländern leben sowohl Staat als auch Bürger auf Pump und massiv über ihre Verhältnisse. Die Verschuldung der Schweiz ist geringer, und viele Bürger sparen. Man sollte den Wohlstand eher am den Ersparnissen und dem Vermögen festmachen.

  • Tristan15 am 20.04.2017 22:52 Report Diesen Beitrag melden

    Privatkonsum

    Der Privatkonsum in der Schweiz ist bedeutend höher als in den Nachbarstaaten. Die Verschuldung entsprechend auch.

  • Paul S am 20.04.2017 20:55 Report Diesen Beitrag melden

    Alles hat seinen Preis

    Marco Salvi soll doch bitte die horrenden Lebensmittelpreise genauer definieren. Oder noch besser einmal einen Tag lang bei einem Gemüsebauern auf dem Feld arbeiten oder einem Milchbauern in steilster Hanglage unterstützen. Landwirtschaftliche Produkte sind lebende und keine technische Produkte. Gute und einwandfreie Lebensmittel haben einen entsprechenden Preis - es geht ja auch um unsere Gesundheit und um eine Landwirtschaft die nicht nur Masse wie ein Industriebetrieb produzieren soll. Negativbeispiele z.B in der Massentierhaltung gibts ja genügende.

  • Andreas am 20.04.2017 19:41 Report Diesen Beitrag melden

    Wohlstandskosten

    Liegt wohl daran, dass wir ein mehrfaches bezahlen, um ein ähnliches Wohlstandsniveau wie Deutschland und Österreich zu erlangen.

  • Voll Easy am 20.04.2017 19:20 Report Diesen Beitrag melden

    Habe reichlich Geld

    verdiene gut und trotzdem beteilige ich mich nicht am grossen Konsumieren. Leute, die in ihrer Freizeit nur zum Shoppen rennen, damit sie sich gut fühlen, brauchen wohl diese Ersatzbefriedigung. Es gibt schönere Dinge als immer neue Schuhe und Hemden, etc. nach Hause zu schleppen und dann dort gut verstauen. Leute lasst Euch nicht treiben.