Thomas N. in Haft

10. März 2018 19:13; Akt: 11.03.2018 08:55 Print

«Seine schlimmen Taten flössen Respekt ein»

von B. Zanni - Werden die Häftlinge dem Killer von Rupperswil die Haft zum Horror machen? Ein forensischer Psychiater glaubt, dass sie ihn verschonen werden.

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Für den forensischen Psychiater Ramon Vettiger ist Thomas N.s Inhaftierung im Gruppen- statt Einzelvollzug jedoch nicht fragwürdig. «Wir haben in der Schweiz keine amerikanischen Verhältnisse», sagt er. Einzelhaften würden in der Schweiz in nur sehr seltenen Fällen angeordnet. Im Gruppenvollzug kann sich Thomas N. normal mit anderen Häftligen in einer Gruppe bewegen. Auch isst und arbeitet er mit ihnen. Die 5000-Seelen-Gemeinde Rupperswil wurde am 21. Dezember 2015 durch den Vierfachmord erschüttert. Heute erinnert fast nichts mehr daran, dass hier eines der grausamsten und unverständlichsten Verbrechen der Schweiz stattgefunden hat. Nur noch eine blaue Kerze in einem Topf vor einem der Fenster, das mit blauen Rollladen verdunkelt ist, erinnert vor dem Haus der Opfer an die Tat. Dass wenig an die Tragödie erinnert, heisst nicht, dass die Rupperswiler sie verdrängen oder vergessen wollen. Es ist ein Versuch, in die Normalität zurückzukehren und damit zu leben, dass jemand aus der eigenen Mitte die Leben von Carla S., Davin, Dion und seiner Freundin Simona F. auf grausame Art beendet hat. Besonders im Quartier, wo sich das Drama zugetragen hat, wird spürbar, dass die Tat immer noch in den Köpfen der Menschen ist, aber die Anwohner versuchen, das Thema nicht mehr so nah an sich heranzulassen. Anwohner haben Schilder angebracht, auf denen «Privatweg» steht, damit der Zugang zu ihren Haustüren etwa für neugierige Journalisten erschwert ist. Ein solches Schild steht auch vor dem ehemaligen Haus des Täters (hier im Bild), dem 33-jährigen Rupperswiler Thomas N., das nur wenige hundert Meter vom Tatort liegt. Auch die Orte, die mit dem Verbrechen in Verbindung stehen, lassen sich nicht einfach entfernen und erinnern an die brutale Tat. Man müsse lernen, mit dem umzugehen, sagt die Rupperswilerin V.R*. Sie wird besonders an das Verbrechen erinnert, wenn sie im Dorfzentrum an der Hypothekarbank vorbeigeht. R. begegnete dort Carla S. am Tag der Tat und schaute ihr in die Augen. «Ich wusste nicht, dass sie in Gefahr ist. Als ich im Nachhinein erfuhr, was passiert war, war ich schockiert. Es tut mir unendlich leid für sie.» Thomas N. tötete am 21. Dezember 2015 in Rupperswil AG vier Personen. Am 7. September 2017 erhob die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau gegen N. Anklage – wegen mehrfachen Mordes, mehrfacher räuberischer Erpressung, mehrfacher Freiheitsberaubung, mehrfacher Geiselnahme, mehrfacher sexueller Nötigung, mehrfacher sexueller Handlungen mit einem Kind, Brandstiftung und weiterer Delikte. Am 13. März 2018 muss sich N. vor dem Bezirksgericht Lenzburg verantworten. Hinter diesen Mauern sitzt Thomas N. seit Februar 2017: Die JVA Pöschwies in Regensdorf ZH. Sie verteidigt den Vierfachmörder von Rupperswil: die Aargauer Rechtsanwältin Renate Senn. Thomas N. war Trainer einer Juniorenmannschaft in der Region. Bekannte beschreiben ihn als Einzelgänger. Der Täter ist gefasst: Barbara Loppacher, leitende Staatsanwältin, informiert in Schafisheim AG über den Vierfachmord von Rupperswil (13. Mai 2016). Hauptmann Markus Gisin, Abteilungschef Kriminalpolizei, und Barbara Loppacher (13. Mai 2016). Vertreter der Polizei und der Staatsanwaltschaft an der Medienkonferenz. In einem Rucksack, den die Polizei bei der Hausdurchsuchung fand, waren eine Pistole, Fesseln und Klebeband (13. Mai 2016). Die Spannung war gross vor der Medienkonferenz zu einem der grausamsten Verbrechen in den letzten Jahren: Mikrofone stehen bereit in Schafisheim (13. Mai 2016). Der Vierfachmord von Rupperswil gehört zu den grössten Fällen der Schweizer Kriminalgeschichte: Polizisten am Tatort (21. Dezember 2015). Die Tat: Am 21. Dezember 2015 werden in Rupperswil AG eine Mutter, ihre zwei jugendlichen Söhne und die Freundin des älteren Sohnes brutal ermordet. Ein Brand soll die Spuren der Tat verwischen. Ein Kriminaltechniker am Tatort. Spurensuche: Die Ermittler haben sich in Spitälern und Apotheken nach Verdächtigen erkundigt. Hier sind sie im Gespräch mit Anwohnern. (24. Dezember 2015) Zeugen gesucht: Die Polizei veröffentlichte ein Bild des 48-jährigen Opfers Carla S., das sie in der Filiale der Aargauischen Kantonalbank in Wildegg zeigt. (24. Dezember 2015) In der Kirche in Rupperswil wurde der Gedenkgottesdienst für die Opfer des Vierfachmordes abgehalten. (8. Januar 2016) Im Gedenken an die Nummer 9: Die C1-Junioren des FC Aarau widmeten ihrem ermordeten Team-Mitglied einen Sieg. Sein Trikot war immer dabei. Ernüchterung: Die gefundenen DNA-Profile erzielten keine Treffer in den Datenbanken. Aargauer Ermittler und Staatsanwälte informierten in Schafisheim AG. (18. Februar 2016) Eine Sonderkommission aus rund 40 Ermittlern bearbeitet den Fall. Barbara Loppacher und Markus Gisin, der Leiter der Aargauer Kriminalpolizei. (18. Februar 2016) Die Tat schockiert die Gemeinde Rupperswil: Bewohner gedenken der Opfer mit Kerzen. (24. Dezember 2015)

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Thomas N.* muss sich ab dem 13. März vor dem Bezirksgericht Lenzburg für eines der brutalsten Verbrechen der Schweizer Kriminalgeschichte verantworten. Am 21. Dezember 2015 ermordete er in Rupperswil Carla S.* (48), deren zwei Söhne Davin und (13) Dion (19) sowie Dions Freundin Simona F.* (21). Den jüngsten Sohn hatte er zuvor sexuell missbraucht.

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Der «Blick» berichtete am Samstag, dass sich Thomas N. in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies derzeit nicht wie erwartet in Einzelhaft, sondern im Gruppenvollzug befindet. Dies, obwohl eine Einzelhaft bei pädosexuellen Straftätern häufig angeordnet werde – aus Angst Mithäftlinge könnten sie attackieren.

«Einzelhaften werden selten angeordnet»

Bei der Einzelhaft wird der Inhaftierte von den Mitgefangenen und teilweise auch vom Gefängnispersonal während 22 bis 24 Stunden vollständig isoliert. Laut dem Schweizerischen Kompetenzzentrum für Menschenrechte handelt es sich um die weitgehendste Form des Freiheitsentzugs. Dieser wird oft als Haft innerhalb der Haft bezeichnet.

Für den forensischen Psychiater Ramon Vettiger ist Thomas N.’s Inhaftierung im Gruppen- statt Einzelvollzug jedoch nicht fragwürdig. «Wir haben in der Schweiz keine amerikanischen Verhältnisse», sagt er. Einzelhaften würden in der Schweiz in nur sehr seltenen Fällen angeordnet. «Das ist etwa der Fall, wenn ein Insasse von Mitinsassen bedroht wird oder eine Gefahr für diese darstellt.»

Thomas N. werde verschlossen sein

Laut Vettiger muss sich Thomas N. zwar für eine aussergewöhnlich grausame Tat verantworten. Dennoch sei wahrscheinlich, dass die anderen Häftlinge N. verschonen. «Weil seine Taten so schlimm sind, flösst er den anderen Respekt ein.»

Laut Vettiger werden die Gefängnisaufseher auf N. aber ein wachsames Auge richten. «Wenn es aber Anzeichen für eine Gefährdung gibt, würde eventuell auch gegen seinen Willen Einzelhaft angeordnet.» In solchen Fällen provoziere aber oft auch der Täter Aggressionen. «Ich habe schon Mitinsassen erlebt, die Täter beschimpften oder drangsalierten, weil diese wegen geistiger Behinderung oder anderen Störungen über ihre Taten sprachen.»

Der forensische Psychiater rechnet damit, dass N. den Mitinsassen gegenüber sehr verschlossen sein wird. «Er wird darauf achten, dass er bei den anderen Insassen nicht durch irgendwelche Bemerkungen ins Schussfeld gerät.»


*Namen der Redaktion bekannt