Tödlicher Unfall in Kosovo

09. Juli 2018 14:27; Akt: 09.07.2018 19:49 Print

«Sie kümmerten sich liebevoll um ihre Kinder»

von Qendresa Llugiqi - Nach dem Unfall einer Familie aus der Schweiz in Kosovo werden die fünf Todesopfer am Dienstag beigesetzt. Der Bruder der verstorbenen Mutter ist fassungslos.

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Im Südwesten Kosovos hat sich am frühen Sonntagnachmittag ein schwerer Unfall ereignet. Eine Familie, die in Reinach AG lebte, prallte mit ihrem Miet-BMW auf der Strecke Suhareka–Duhel in einen entgegenkommenden Bus. Vater J. S.* (32), Mutter A. S.* (26), Sohn E. S.* (6) und Tochter E. S.* (3) sowie deren Grossmutter H. S.* (56) verloren dabei ihr Leben.

«Eine halbe Stunde vor dem Unfall sassen wir noch zusammen»

Ylli V.* (29), der Bruder von Mutter A. S., kann den Verlust am Tag danach immer noch nicht fassen: «Rund eine halbe Stunde vor dem Unfall sassen wir noch zusammen», erinnert er sich gegenüber 20 Minuten. «J. machte Witze wie immer und ärgerte mich. Wir wollten in den nächsten Tagen eigentlich nach Albanien an den Strand fahren, wo wir auch den 27. Geburtstag meiner Schwester feiern wollten.» J. S. und seine Familie seien erst am Freitag in den Kosovo geflogen, V. kam mit seiner Familie mit dem Auto erst am Samstag an.

Während Ylli V. sich daraufhin mit seiner Familie auf den Weg ans Meer gemacht habe, seien die vierköpfige Familie und die Grossmutter zu deren Bruder gefahren. «Sie wollten am Mittwoch nachkommen. Ich sollte das Hotel und so reservieren», sagt V. «J. wollte seine Mutter unbedingt zu deren Bruder fahren, um ihn zu besuchen, weil sie ihn kaum sah. Sowieso war seine Mutter sehr einsam. Sie lebte ganz allein in Kosovo.»

Sie habe auch eine Menge durchgemacht: «Sie musste ihre drei Söhne allein aufziehen. J. war der älteste. Sie war gezeichnet vom schweren Leben einer allein erziehenden Mutter in Kosovo. Ihr Ehemann, der Vater von J., starb vor 29 Jahren mit seinen zwei Brüdern auf derselben Strecke.»

Sohn fragt ständig nach seinem Cousin

Auf der Fahrt ans Meer wurde V. von einem Bekannten von J. S. angerufen. «Ich war geschockt. Weil ich im Auto sass, musste ich kurz anhalten und durchatmen. Meine Frau fragte, was vorgefallen sei. Dann begannen wir beide zu weinen.»

Auch seine Kinder hätten gefragt, was denn los sei: «Mein Sohn und E. S. (6) gingen zusammen zur Schule. Sie waren beste Freunde. Nach den Sommerferien sollten sie in die erste Klasse kommen.» Während sein Sohn auf der Fahrt zur Unfallstelle noch ständig nach seinem besten Freund gefragt habe, habe er seither kein Wort mehr gesagt.

Leider habe er die Unfallstelle nicht aufsuchen können, sagt Ylli V. «Jedoch durfte ich mit der Polizei sprechen und einen Blick in den Rapport werfen. Die Unfallstelle ist an einer langgezogenen Kurve. Weil die Reifen kaum Profil hatten, kam J. auf der nassen Strasse ins Schleudern. Der Miet-BMW überschlug sich zweimal und krachte dann mit voller Wucht in den Bus.»

Beerdigung voraussichtlich Dienstag

Noch seien die Leichen in der Autopsie. «Am Dienstag findet die Beerdigung statt», sagt V. «Die Brüder von J. sind extra aus Italien und Deutschland angereist, um Abschied nehmen zu können. Ihnen geht es sehr schlecht. Sie mussten sogar mit Medikamenten ruhiggestellt werden.»

Auch die restlichen Familienangehörigen seien am Boden zerstört. Seine Mutter leide sehr nach dem Verlust der Tochter und deren Familie. «Keine Mutter und kein Vater will sein Kind beerdigen müssen», sagt V. «J. war ein witziger Typ, sorgte immer für einen Lacher. Er und meine Schwester passten daher gut zusammen, weil sie beide Familienmenschen waren. Sie kümmerten sich sehr liebevoll um ihre gemeinsamen Kinder.»

Bei der Beerdigung werde auch der Gemeindepräsident von Suhareka, Bali Muharremaj, erwartet. «Es sieht auch danach aus, als ob weitere wichtige Politiker wie Präsident Hashim Thaci dabei sein werden.»

*Namen der Redaktion bekannt