CVP-Präsident über Skandal-Rapper

17. April 2018 05:48; Akt: 17.04.2018 09:35 Print

«Antisemitisches Gesindel hat hier nichts zu suchen»

von Stefan Ehrbar - Politiker wehren sich gegen den Auftritt von Kollegah und Farid Bang – und werden bedroht. Die Betreiber der Halle wollen den Anlass überprüfen.

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«Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen», «Mache wieder mal 'nen Holocaust, komm' an mit dem Molotow»: Diese Passagen finden sich auf dem Album «Jung, Brutal, Gutaussehend 3» der deutschen Rapper Kollegah und Farid Bang. Letzte Woche erhielten sie dafür einen Echo, einen der wichtigsten deutschen Musikpreise. Seither tobt die Debatte um den umstrittenen Songtext.

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Am 5. Mai treten sie in der BBC-Arena in Schaffhausen auf. Dagegen gehen Politiker vor. In einem offenen Brief haben sich über 50 Personen an den Organisator und die Eigentümerin der Halle gewandt. Sie wollen, dass das Konzert nicht stattfindet. Zu den Unterzeichnenden gehört auch Juso-Chefin Tamara Funiciello.

«Sie sind Wiederholungstäter»

Sie sagt: «Das Konzert sollte abgesagt werden. Provokation ist okay – aber sie endet dort, wo Aussagen menschenverachtend, also rassistisch, sexistisch oder faschistisch werden.» In der Debatte um den Song «Ave Maria» habe sich gezeigt, dass sie sich immer wieder so äusserten. «Sie sind Wiederholungstäter.»

«Dass sie ausgerechnet am Tag, an dem Israel der Holocaust-Opfer gedenkt, einen Preis abräumen, ist dicke Post», sagt Funiciello. Die Ausrede, dass sie nur wiedergeben würden, was in der Gesellschaft passiere, gehe nicht auf. «Als Künstler hat man eine Verantwortung, die es wahrzunehmen gilt.»

«Wenn du weitermachst, gibt es Ärger»

Auch SP-Nationalrätin Martina Munz hat den offenen Brief unterzeichnet. Seither wird sie auf Facebook mit Beleidigungen konfrontiert. Es schockiere sie auch, dass ihr viele geraten hätten, still zu sein. «Dabei gehört es zur moralischem Verantwortung, sich gegen Gewalt, Frauenfeindlichkeit und Rassismus zu wehren und zu protestieren.»

Beim Veranstalter, mit dem sie Kontakt aufgenommen habe, sei «null Einsicht» vorhanden. Sie wolle solche Konzerte aber nicht verbieten, sondern hoffe auf die Veranstalter und Hallenbesitzer, in diesem Fall die gemeinnützige Stiftung NHTLZ um den Investor und Geldgeber Giorgio Behr. Eine Stiftung trage eine besondere Verantwortung, so Munz.

«Im Rahmen des Gesetzes»

Gegenüber TeleZüri sagte Behr am Samstag, würde er die Veranstaltung absagen, riskiere er, «sofort mit dem Rassismusvorwurf konfrontiert zu werden». Die Justiz könne eingreifen, wenn etwas nicht korrekt sei. Die deutschen Behörden hätten den Musikern bescheinigt, im Rahmen des Gesetzes zu agieren.

Der SP-Kantonsrat Patrick Portmann hat den offenen Brief mit initiiert. «Sehr viele Leute geben uns recht, wenn sie den Text erst einmal gelesen haben», sagt er. Es gebe aber eine eingefleischte Fan-Gemeinschaft der beiden Rapper, die sie heftig kritisiere. «Ich habe Drohungen auf Facebook erhalten», sagt Portmann. In einer Nachricht, die 20 Minuten vorliegt, heisst es etwa: «Du bist ein Spast, Patrick. Fick dich ins Knie. Wenn du weiter Faxen machst, gibt es Ärger.» Portmann sagt: «Das hat mich eingeschüchtert.» Aufgrund dieser und weiterer Hassbotschaften habe er seinen Beitrag auf privat umgestellt und trete in den Hintergrund.

Sind die Texte strafbar?

Es sei ihm klar, dass sie den Auftritt mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht verhindern könnten. Es gehe ihnen darum, eine Debatte über den Auftritt zu führen. «Es erstaunt mich, dass ausgerechnet jene, die den Auftritt mit Verweis auf die Kunstfreiheit verteidigen, unseren Protest dagegen nicht akzeptieren.» Von den Veranstaltern und dem Hallenbesitzer habe er nichts gehört.

Harte Worte für das Konzert findet der CVP-Präsident Gerhard Pfister: «Antisemitisches Gesindel hat in der Schweiz nichts zu suchen. Die rechtlichen Grundlagen sind da, um solche Anlässe zu verbieten. Das ist keine Kunst, sondern Antisemitismus», sagt er.

SVP-Nationalrat Christian Imark hält ebenfalls nichts vom Konzert. «Wir müssen uns fragen, ob wir Auftritte von Künstlern mit antisemitischen Passagen tolerieren wollen und ob das wirklich noch unter künstlerische Freiheit geht», sagt er. Es stelle sich auch die Frage, ob die Texte dem Gesetz widersprächen. «Solches Gedankengut hat in der Schweiz keinen Platz.»

«Vergleich ist geschmacklos»

Der schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) weiss vom Auftritt in Schaffhausen. Generalsekretär Jonathan Kreutner sagt über die kritisierte Textzeile: «Den Vergleich finden wir geschmacklos und verletzend. Hier wird gedankenlos mit dem schrecklichen Leiden von Auschwitz-Insassen gespielt.» Respekt vor Mitmenschen, dem Leiden anderer und der Schutz der Integrität der Menschen seien Grundfesten unserer Gesellschaft.

Musiker mit einer grossen Fanbasis sollten ein friedliches und positives Vorbild abgeben. Es seien immer wieder alle gefragt, sich zu überlegen, was zu weit gehe und wo die Integrität anderer verletzt werde, sagt Kreutner. «Genau das müssen sich nun auch die besagten Veranstalter und die Betreiber der Halle fragen.»

«Unberechtigte Vorwürfe»

Beslim Memisi, der Veranstalter des Konzerts, sagt: «Dass so eine Welle um die beiden Musiker entsteht, haben wir nicht gedacht.» Die beiden Künstler seien schon im Januar in Zürich aufgetreten – ohne dass es öffentliche Kritik gegeben hätte. «Ich kann beide Seiten verstehen», sagt Memisi. Es sei aber nicht seine Aufgabe, die Texte zu beurteilen.

Mit seinem Festival wolle er Kulturen zusammenführen. Auch Künstler aus Schaffhausen würden auftreten. Kollegah und Farid Bang habe er eingeladen, weil sie bei jungen Leuten sehr beliebt seien. Das habe eine Umfrage gezeigt. «Das Konzert findet sicher statt», sagt Memisi.

Mit dem Kulturverein Kontakt augenommen

Die Besitzerin der BBC-Arena, die Stiftung NHTLZ, hat mit einer Medienmitteilung auf die Debatte reagiert. Sie sehe sich mit «unberechtigten Vorwürfen konfrontiert». Für die Durchführung des Festivals, bei dem Kollegah und Farid Bang aufträten, seien alleine die Organisatoren verantwortlich. Es bestünden keine Anzeichen, dass das Engagement der Musiker «gegen die hiesige Rechtsordnung verstossen könnte».

Ganz wohl ist den Verantwortlichen mit dieser Haltung aber offenbar nicht mehr: Man habe «in der Zwischenzeit mit den Verantwortlichen des Alba Kulturvereins Kontakt aufgenommen» und werde die Situation in den nächsten Tagen «weiter analysieren, um den inzwischen vorgetragenen Bedenken gegen die Veranstaltung Rechnung zu tragen.»