«Watch the Med»-Mitarbeiter

20. April 2015 09:19; Akt: 20.04.2015 14:53 Print

«Verlieren wir die Verbindung, hoffen wir»

Watch the Med ist eine Notrufhotline für Flüchtlinge in Seenot. Simon Sontowski steht im Team Zürich in Ausbildung. Er spricht über Wut, Angst und tiefe Überzeugung.

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Der verhaftete Kapitän der «Gregoretti»: Der 27-jährige Tunesier Mohammed Ali Malek. Sein mutmasslicher Gehilfe: Der 26-jährige Syrer Mahmud Bikhit. Einer der wenigen Überlebenden des Flüchtlingsdramas vom 19. April wird in Catania (Sizilien) an Land gebracht. Überlebende erreichen am frühen Morgen den Hafen von Catania. Ein Flüchtlingsboot läuft vor Rhodos auf Felsen auf.. Die Migranten können sich an abgebrochenen Teilen des Schiffs festhalten. Mindestens drei Menschen starben, darunter ein vierjähriges Kind, wie die Küstenwache am Montag mitteilte. Weitere 93 Personen wurden demnach aus dem Wasser gerettet, 30 von ihnen kamen ins Spital. Am Montag funkten zudem zwei Boote mit etwa 400 Menschen an Bord nahe der Küste Libyens SOS, wie der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi sagte. Italienische Rettungskräfte bringen Leichen in Valletta, der Hauptstadt Maltas, an Land. Ein Schiff mit bis zu 950 Menschen an Bord kenterte 130 Kilometer vor der libyschen Küste. Die Rettungsteams suchten in dern Nacht und Tagsüber mit Schiffen, Flugzeugen und Helikoptern nach Überlebenden. Das Schiff sei vermutlich gekentert, weil sich die meisten Passagiere auf eine Seite begeben hätten. Beamte der italienischen Küstenwache kontrollieren am 19. April Monitore, die das Gebiet zeigen, in dem das gekenterte Schiff vermutet wird. Eine Seekarte zeigt den mutmasslichen Unglücksort. 24 Leichen wurden demnach geborgen, 28 Menschen gerettet. In den vergangenen Tagen ist es zu mehreren Flüchtlingsdramen gekommen: Ein geretteter Migrant wird in Palermo von Sanitätern in Empfang genommen. 15. April Rettungsaktion im Rahmen der Operation «Triton» vor Siziliens Küste. Eine Rotkreuz-Mitarbeiterin trägt ein in eine warme Decke eingepacktes Baby an Land, nachdem Flüchtlinge in einem sizilianischen Hafen angekommen sind. Eine schwangere Frau wird im Hafen Embedocle (Sizilien) an Land geführt. Flüchtlinge in Sicherheit auf dem Deck des Frachters «OOC Cougar».

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In der Nacht auf Sonntag sind bis zu 900 Bootsflüchtlinge auf dem Weg nach Italien ertrunken. Sie waren an Bord eines Kutters, der kenterte, als sich ein Frachtschiff näherte, um Hilfe zu leisten. Nur 28 Menschen überlebten. Man spricht von der grössten Flüchtlings-Schiffskatastrophe in der neueren Geschichte des Mittelmeers. Herr Sontowski, Sie stehen derzeit in Ausbildung bei der neu gegründeten Notrufhotline Watch the Med (siehe Box), wie haben Sie die letzten Tage erlebt?
Simon Sontowski: Es war der Wahnsinn. Wir standen letzte Woche mit rund 20 Schiffen im Kontakt. Das ist verhältnismässig viel. Von Oktober bis Mitte März bekamen wir insgesamt rund 30 Anrufe. Man teilte uns mit, dass alle Personen auf den Booten, mit denen wir zu tun hatten, aufgegriffen und sicher nach Italien gebracht worden waren. Das war ein riesige Erleichterung. Schliesslich kam dann aber die Nachricht, dass dennoch 400 Menschen auf anderen Booten ertrunken sind. Auch da dachte ich noch, dass sind im Verhältnis wenig. Schliesslich hatten sich 10'000 Flüchtlinge auf den Weg gemacht. Die Hiobsbotschaft von letzter Nacht hat uns dann aber erschüttert.

Was passiert mit Ihnen, wenn Sie von so vielen Toten hören?
Es stellt sich ein Ohnmachtsgefühl ein. Man fühlt sich hilflos. Aber vor allem entwickelt sich eine Wut gegenüber der Ignoranz der europäischen Regierungen. Die Einstellung von Mare Nostrum – einer Operation der italienischen Marine und Küstenwache zur Seenotrettung von Flüchtlingen – wurde damit begründet, dass diese nur noch mehr Menschen anlocken würde. Das ist Quatsch. Nur weil es diese Rettungsschiffe nicht mehr gibt, denken die Leute nicht: «Ah, dann bleib ich hier in Libyen mitten im Bürgerkrieg.» Es wird so getan, als hätte die EU kein Geld, was in Anbetracht dessen, was entlang Europas Grenzen passiert, absolut absurd ist. Das ist kein Naturphänomen und auch keine Abenteuerlust. Diese Menschen haben schlicht keine andere Wahl.

Was wären denn Ihre konkreten Forderungen?
Ich denke, man müsste hier zeitlich gestaffelt vorgehen. Als Erstes braucht es die Wiederaufnahme einer grossangelegten Rettungsaktion, eine von den Schengen-Staaten finanzierte Operation. Zudem muss eine sichere und direkte Fährverbindung eingerichtet werden. Und schliesslich muss die Visumspolitik geändert werden oder zumindest das Botschaftsasyl wieder eingeführt werden, das die Schweiz erst 2013 abgeschafft hat. Für die meisten Flüchtlinge ist es heutzutage praktisch unmöglich, auf legalem Weg nach Europa einzureisen. Ihnen bleibt nur dieser gefährliche Weg über das Meer. Um überhaupt einen Asylantrag stellen zu können, müssen sie das Schengen-Territorium erreichen. Das ist für sie dermassen gefährlich, dass man aus meiner Sicht gar nicht mehr von einem Recht auf Asyl sprechen kann.

Flüchtlinge haben dank Watch the Med eine neue, zusätzliche Möglichkeit, einen Notruf abzusetzen. Bald werden auch Sie diese entgegennehmen. Wie läuft ein solches Gespräch ab?
Ich stelle zunächst alle zur Rettung notwendigen Fragen: Wie ist die Situation? Hat es Wasser im Boot? Geht ihnen der Sprit aus? Haben sie Nahrung oder Flüssigkeit? Hat es Kinder und schwangere Frauen an Bord? Für uns sind vor allem die GPS-Koordinaten des Schiffs wichtig. Diese können uns die Flüchtlinge via Satellitentelefon wie ein SMS zusenden. Ich rufe diese dann auf einer Karte auf und überprüfe, in welcher nationalen Rettungszone sich das Boot befindet. Dann finde ich heraus, ob Handelsschiffe, Frachter oder Container in der Nähe sind, die die Flüchtlinge an Bord nehmen könnten. Schliesslich kontaktiere ich die zuständige Küstenwache und übergebe den Fall quasi an sie.

Die Küstenwache übernimmt also den Fall. Was tun Sie in der Zwischenzeit? Kauen Sie sich die Fingernägel blutig?
Ja, das kann vorkommen. Wir versuchen natürlich, mit den Flüchtlingen an Bord in Kontakt zu bleiben – bis sie uns bestätigen, dass sie in Sicherheit sind. Grundsätzlich können wir die Satellitentelefone an Bord mit Geld auffüllen, doch dies gelingt nicht immer. Wenn wir die Verbindung verlieren, sitzen wir da und warten und hoffen. Das kann äusserst zermürbend sein.

Wieso wollen Sie bei dieser Notrufhotline arbeiten?
Weil ich etwas Konkretes tun kann. Watch the Med ist eine echte Hilfestellung für eine politische und menschliche Tragödie. Dass es schrecklich ist, dass so viele Menschen jedes Jahr sterben, darin ist man sich einig, aber die Worte «uns sind die Hände gebunden» oder «was will man da tun?» fallen zu oft in diesem Zusammenhang. Und das stimmt einfach nicht. Natürlich können wir nicht alle retten, das ist auch nicht unsere Aufgabe. Aber wir können helfen, dieses Drama etwas zu mindern, und wir wollen mit diesem Projekt auch darauf aufmerksam machen, dass dies eigentlich nicht unsere Aufgabe wäre – sondern die der EU.

Sie haben vorher von Wut gesprochen. Wut auf die Politik. Ist das auch ein Ansporn?
Ja, es motiviert mich. Ich kann helfen und gleichzeitig auch sagen: Wir wären eigentlich froh, wenn wir nicht gebraucht würden.

Wenn jemand bei Watch the Med das Telefon abnimmt, kann es sein, dass der Flüchtling, der sich meldet, wenige Stunden später nicht mehr am Leben ist. Haben Sie keine Angst vor dieser Belastung?
Doch, natürlich. Ich fürchte mich schon und habe sehr viel Respekt davor. Aber ich merke bei meinen Kollegen, dass sich auch hier eine gewisse Routine und gesunde Distanz entwickelt. Die Überzeugung vom Sinn dieser Arbeit ist stärker als die Furcht. Ausserdem bin ich mir bewusst, dass wir eine zusätzliche Dienstleistung anbieten. Wir sind nicht die Profis. Dafür gibt es Helfer, Ärzte und die Küstenwache. Wir sind lediglich ein kleines Glied an einer grossen Kette, das die Tragik ein bisschen entschärft. Es wird auch dieses Jahr noch viele Tragödien geben.

(tab)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Leser am 20.04.2015 10:41 Report Diesen Beitrag melden

    Nur Hilfe vor Ort ist zielführend

    So traurig das Ganze ist. Die Italiener haben recht, wenn sie sagen, dass mit solchen Rettungsaktionen nur noch mehr angelockt werden. Europa hat nicht Platz für die halbe Welt. Es sollte vor Ort gezielt aufgeklärt werden, dass diese Migranten keine Zukunft in Europa haben und es sollte konsequent zurückgeschaft werden. Nur echte und keine Wirtschaftsflüchtlinge sollten aufgenommen werden. Und das auch nur temporät.

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  • Firello am 20.04.2015 10:39 Report Diesen Beitrag melden

    Warum nicht zurück?

    Warum werden die Geretteten, die vor der Küste Libyens verunglückten, nach Europa gebracht und nicht zurück an die Küste?

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  • Hans M. am 20.04.2015 15:01 Report Diesen Beitrag melden

    Lösung

    Mögliche Lösung für das Problem: - Alle Schiffe 5 Km Nach der Küste abfangen. - Schlepper inhaftieren - Passagiere zurück nach Lybien bringen -Schiff abfackeln Innert 2 Monaten kann so das Geschäft der Schlepper zerstört und somit das Problem gelöst werden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Luminoso am 21.04.2015 23:29 Report Diesen Beitrag melden

    Kann so nicht weitergehen...

    Bei allem Verständnis für die Beweggründe der Flüchtlinge - Europa und insbesondere Italien kann nicht jährlich hunderttausende illegale Immigranten aufnehmen, die überwiegende Mehrheit Wirtschaftsflüchtlinge aus Nord- und Schwarzafrika, mit direkter Einwanderung in die Sozialsysteme. Die verbrecherischen Schlepper mit ihren überladenen Booten müssen schon vor Ort abgefangen, verhaftet und an ihrer Überfahrt gehindert werden - mit einer Armada von Kriegsschiffen vor der nordafrikanischen Küste von Tunesien bis Ägypten - logistisch durchaus zu bewältigen, wenn der Wille vorhanden wäre.

  • Nostradamus am 21.04.2015 23:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    An alle die glauben

    dass es Menschenunwürdig sei den Flüchtlingsstrom zu unterbinden und dass man diese armen Menschen mit offenen Armen empfangen soll; wird nichts dagegen unternommen, werden wir in ein paar Jahren fast ganz Afrika bei uns haben. Und da diese Leute eine ganz andere Mentalität haben als wir Europäer, sind Konflikte bereitd vorprogrammiert. Zudem wird Europa in einigen Jahren mit diesem Miscmssch ganz anders aussehen als heute. Ob im positiven oder negativen Sinne wird sich zeigen.

  • Carolus Magnus am 21.04.2015 22:54 Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer Flugzeugträger ins Mittelmeer

    Die Schweiz sollte ihre zwei gut versteckten Flugzeugträger (bekanntlich je einer im Bodensee und einer im Genfersee) "ausmotten" und ins Mittelmeer auslaufen lassen. Die raren Kampfflugzeuge der Schweiz dürfen zu Hause bleiben. Diese Träger würden der Rega als schwimmende Operationsbasis zu dienen. Nur so ist eine aktive Mithilfe der Schweiz vor der lybischen Küste und weiter draussen im Mittelmeer denkbar. Also los, ihr Herren im VBS - erteilen Sie bitte die entsprechenden Befehle...

  • alice.gurini am 21.04.2015 22:29 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr Gefährlich

    Fuerte Nein!wir hatten die Helipiloten in unserem Haus in fuerteventura und die hatten alle Hände voll zu tun um Pateras zu Retten da erklärte uns ein Chef Käpten dass das Fiegen übers Meer sehr schwer und Anspruchsvoll ist und nicht einfach und Sie keinen Ersatz hätten darum seien SIe Müde `3-4 Mal mussten Sie Nachts raus!das ist Gefährlich bei Wellengang!und ein Meer ist nie Ruhig besonders Nachts!bin Für Hilfe vor ORT auch Militärisch!

  • Marcel B. am 21.04.2015 22:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alleine schon der Gedanke.....

    Das ist doch völlig utopisch! Die Schweizerische Rettungsflugwacht wird von Gönnerbeiträgen finanziert. Man stelle sich vor das unsere Beiträge Auf diese Art zweckentfremdet werden! Das wäre eine Frechheit jedem Gönner gegenüber!