Bruder von Opfer in Tasmanien

17. Juli 2017 10:22; Akt: 17.07.2017 11:43 Print

«Was einen fertigmachte, war die Ungewissheit»

von Simon Beeli - Bei dem Skelett, das Wanderer im tasmanischen Buschland fanden, handelt es sich um einen Schweizer Auswanderer. Sein Bruder war ob der Nachricht seines Todes nicht sonderlich überrascht.

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Zwei Wanderer fanden vergangene Woche auf der australischen Insel Tasmanien ein menschliches Skelett, daneben einen Rucksack. Darin befanden sich neben Männerkleidern auch Schweizer Franken, Hongkong Dollar, die Quittung eines Geldwechsels mit Datum 21. Dezember 2010 sowie die Speicherkarte einer Fotokamera. Um die Identität des Verstorbenen zu klären, wandte sich die tasmanische Polizei an die Öffentlichkeit.

Mithilfe eines Fotos, das die Beamten auf der Speicherkarte fanden und veröffentlichten, konnte das Rätsel um den Knochenfund schliesslich geklärt werden. Das Bild zeigt Michael N.*, einen Freund des Verstorbenen, der sich von der Schweiz aus bei der Polizei in Tasmanien meldete, nachdem er sein Bild in den Schweizer Medien gesehen hatte. N. konnte auch bei der Identifizierung der menschlichen Überreste weiterhelfen. «Es handelt sich um einen Freund von mir, einen guten Freund, einen der besten Freunde, die ich je hatte», erzählt er dem australischen Sender ABC. Das veröffentlichte Foto sei 2010 im US-Bundesstaat Oregon entstanden.

«Wir mussten damit rechnen, nach dieser langen Zeit»

Bei dem guten Freund, der im Huon Valley, rund 40 Kilometer südwestlich der tasmanischen Hauptstadt Hobart, sein Leben gelassen hatte, handelt es sich um Thomas M.* Der Schweizer war zuletzt in Gretzenbach SO bei seinen Eltern wohnhaft. Im Dezember 2010 war er zu einer Reise aufgebrochen – ohne jemals wieder ein Lebenszeichen von sich zu geben.

So ist sein Bruder, Erich M*., auch nicht sonderlich überrascht, als er vom Tod seines Bruders hörte. «Wir mussten damit rechnen, nach dieser langen Zeit», sagt er zu 20 Minuten. «Was einen die ganze Zeit fertigmachte, war die Ungewissheit», so M.

Ein neues Leben beginnen

Thomas M. hätte nichts mehr in der Schweiz gehalten, nachdem die Eltern im Jahr 2009 gestorben seien. «Er wollte irgendwo ein neues Leben beginnen, auswandern, die Schweiz hinter sich lassen», sagt sein Bruder. So habe er 2010 all seine Habseligkeiten verkauft und seine Sachen gepackt. «Er sagte bloss: ‹Ich gehe jetzt mal weg› und dass er sich bei Gelegenheit mal melden würde. Wir haben nie mehr etwas von ihm gehört.»

Natürlich hätten sie versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen, doch das sei gar nicht so einfach gewesen. «Wir wussten ja nicht, in welcher Ecke der Welt wir suchen sollten, er hätte überall sein können. Wir wussten nur, dass er ein Flugticket nach Hongkong gekauft hatte, das wars. Dann brach der Kontakt ab», erzählt M.

Dem gelernten Bildhauer, der als Küchenbauer arbeitete und sich vor allem für amerikanische Muscle-Cars interessierte, sei in der Schweiz wohl alles über den Kopf gewachsen. «Er hatte keine Freundin und war vielleicht ein bisschen unglücklich», mutmasst der Bruder. «Auf jeden Fall hat er immer seine Freiheiten gebraucht.»

«Zurzeit kann man nichts ausschliessen»

Dass seine kurze Reise in Tasmanien endete, ist für den 57-jährigen IT-Spezialisten kein Zufall. «Er war schon mal dort, es muss ihm auf der australischen Insel besonders gut gefallen haben.» Wie es zum Unglück kommen konnte, darüber kann M. nur spekulieren: «Ich muss das offen lassen, ich hatte bisher nur kurz Kontakt mit der Polizei. Zurzeit kann man nichts ausschliessen. Es kann ein Unfall sein, aber auch ein Verbrechen oder Suizid.»

Zurzeit ist die tasmanische Polizei im Kontakt mit den Schweizer Behörden. Offiziell sind die Überreste noch nicht identifiziert. Ob diese in die Schweiz gebracht werden, kann der Bruder noch nicht sagen.


*Namen der Redaktion bekannt